Weiterer Abriss-Skandal

Osthexe, 22. November 2006

Nun ist auch die Elite aufgewacht und traf sich am letzten Sonntag zur Besichtigung des Ziesel-Baus in Oberschöneweide, d. h. zu dem was noch zu sehen war. Und das war nicht mehr viel, weit mehr als die Hälfte ist schon abgerissen, die Denkmalwürdigkeit des Gebäudes nur noch zu ahnen.

Dafür war der Ort der Einladung, das KabelkranCafé, einen Sonntagsausflug wert. Auf dem ehemaligen Gelände des KWO (Kabelwerk Oberspree) steht am Ende ein ausgebautes Kranhäuschen, große Glasfenster und ein Caféinterieur – in schwarz/weiß gehalten – zeigen den neuen Geist des Ortes an.

Nach der Diktatur des Proletariats kommt die Diktatur des Geldes und bedauert den Abriss eines Gebäudes. Wo die Menschen geblieben sind, die hier einmal gearbeitet haben, was sie jetzt wohl machen und warum das gesamte KWO seit Jahren vor sich hin stirbt, interessiert niemanden. Das Quartiersmanagement, der Erneuerungsbeauftragte des Senates und sogar ein Community Organizer haben es nicht geschafft, den Denkmalwert des Ziesel-Baus in die Entwicklung des Standortes der FHTW (Fachhochschule für Technik und Wirtschaft) hineinzubringen, bzw. das Gebäude in seinem Denkmalwert entsprechend zu platzieren.

Selbst die studentische Initiative stand in den letzten Monate ziemlich einsam da. So, nun waren aber alle zusammengekommen, leicht Grün-lastig, und besprachen die nächsten Schritte. Daraufhin zogen die Studenten am nächsten Tag, Montag früh um 7 Uhr, vor den Abrisskran und hielten die Arbeiten für eine Stunde auf. Die Experten versuchten ein Gespräch mit Frau Junge-Reyer und durften ihre Qualität als Parteisoldatin erleben: Entschluss gefaßt – alles richtig gemacht – keine Diskussion mehr – Punkt.

Nur eine Dozentin für Fotographie unterstützte die Studenten bei der kurzfristigen Besetzung der Baustelle. Ich traf sie dort und wollte es einfach nicht glauben. Wie kaum ein Andere hat sie mit ihren Bildern mein Frauenbild als junges Mädchen geprägt. Erst viel später, als die Mauer längst gefallen war und Werbung, übergroß und dauerpräsent im öffentlichen Raum, den ganz alltäglichen Wahnsinn des Käuflichen, des Warenfetisch in das Unterbewußtsein hineinbohrte, ist mir diese ostdeutsche Frauen-Sozialisation als Schatz aufgefallen.

So standen wir früh um 7 Uhr vor den Baggern, die Experten schliefen noch, tranken langsam ihren Kaffee und gingen Stunden später zur Senatorin. Ob diese vielfältigen Wege nochmal zusammen kommen? Währenddessen geht der Abriss weiter und morgen gibt es eine Pressekonferenz…

Karin Baumert

2 Reaktionen zu “Weiterer Abriss-Skandal”

  1. Fritz Fändich

    Es ist wirklich ein schlimmer Vorfall, den abermals die Senatorin Junge-Reyer zu verantworten hat. Wie lange will die Regierung sie noch halten? Und wer kommt nach ihr? Leider habe ich nur wenig Hoffnung, dass Berlin eine würdige Besetzung bekommen wird. Diese Leute haben weder den Zeitgeist noch die Geschichte begriffen!

  2. Joschka Hilscher

    Dass da jetzt grüne Leute vom furchtbaren „Denk mal in Berlin“-Verein mit FDP-Politikern an einem Tisch sitzen, zeigt auch nur wieder, wie weit die Grünen eigentlich abgewirtschaftet haben. Der Verein macht ja gemeinsame Sache mit so reaktionären, unkreativen Unternehmern wie Hans Wall, einem guten Bekannten der Senatorin Junge-Reyer.