Goodbye Tristesse

Kaiserin des Westens, 9. August 2007

Ein Buch für all Diejenigen, die denken und handeln.

„Goodbye Tristesse“ heißt das 2005 in deutscher Übersetzung erschienene Buch von Camille de Toledo. In Anspielung auf den Film „Bonjour Tristesse“ der 60er-Jahre-Generation, in dem leichtfertiges Handeln eine große Leere und großen Schmerz hinterläßt, geht es hier um die Verabschiedung dieses Lebensgefühls. Man könnte auch von der Rückkehr des Handlungsmoments sprechen: Der soziologischen oder philosophischen Theorie oder Interpretation folgt eine Praxis.

Ich habe das Buch zu Beginn des Jahres von einer Freundin geschenkt bekommen und kannte es nicht. Ich befand mich im Zustand einer Lähmung. Alles schien sinnlos. Das Schlimmste aber war das Gefühl, alles sehen und erkennen, aber nichts tun zu können. Ich glaube, ich habe das Buch dann noch am selben Abend durchgelesen.

Camilles Buch ist ein Essay über die neue Freiheit. Es geht um ein neues Zeitgefühl, abseits vom Zwang zur Großartigkeit, dem Zwang zu Besitz oder Karriere. Es geht um das Eigentliche. Zunächst beschreibt er das, was man in der Welt vorfindet. Dabei kommen viele Leute nicht gut weg. Auch die 68er, deren Aufbruch schnell in einen Abbruch mündete. Natürlich hat man heutzutage deutlich das Gefühl, man stehe vor einem Scherbenhaufen, den andere produziert und hinterlassen haben. Leider hat sich der Scherbenhaufen selbständig gemacht und läßt sich so schwer stoppen wie der Besen des Zauberlehrlings bei Goethe (übrigens meine Lieblingsmetapher für eine außer Rand und Band geratene verselbstständigte Geldwirtschaft). Er schreibt vom Verlust der Unschuld. Heutzutage kann man an nichts mehr glauben, man weiß um sein Betrogenwerden, durch Politik, durch Medien, durch Wirtschaft.

Lebensmittelmanipulation, Konsummanipulation, Kriege, die vor allem dazu dienen, die Macht eines Systems auszudehnen und Alle gleichzuschalten (Jugoslawien, Irak). Ähnlich wie in „Generation X“ kommt nicht nur ein Loser, sondern ein ausgesprochenes Lost-Gefühl auf. Die Macht ist asymmetrisch, unsichtbar und dennoch totalitär. Nicht greifbare oder belangbare Stellvertreter managen Politik und Wirtschaft. Die Postmoderne zeichnet sich weiterhin aus durch die Vereinahmung der Avantgarde, alles ist eine Mode geworden. Die Rolle der Intellektuellen und Künstler besteht in ihrer Trendsetterfunktion.

Die Postmoderne ist ein riesiges Netzwerk. Kein Grund zur Verzweiflung, zur Resignation, sagt Camille. Es kann nicht darum gehen, sich ins Private zu retten, auf eine Insel zu flüchten, vielmehr besteht die Möglichkeit, eine kostbare Erkenntnis zu gewinnen, wenn auch unter Zwang, dennoch ein ungeheurer Luxus, den man nur erlangen kann, wenn man im Abseits steht. Wir sind vorgewarnt, wir wissen, was die Aufgabe von Meinungen, Gefühlen, Ideen und Idealen kostet und dass dies mit Macht und Geld nicht aufzuwiegen ist. Abseits einer Gesellschaft des Spektakels, der Dienstleistungsgesellschaft, der Geldgesellschaft, der Sexgesellschaft, entsteht das Neue. Wo man sagt, was man denkt. Wo man handelt. Jenseits des Geld- und Warenwerts entstehen andere Werte, die Nein sagen lassen zu vermeintlichen Sachzwängen, Nein zur Realpolitik, Nein zur Herrschaft vorgeblicher Ratio und Nein zum Homo Oeconomicus. Erwachsenwerden bedeutet mehr als Anpassung und Selbstaufgabe, Demokratie bedeutet mehr als die Spiegelung üblicher Herrschaftsverhältnisse – und Entwicklung bedeutet mehr als Markt. Schluß mit der Endzeitstimmung, die eigentliche Wende steht noch aus. Lasst uns die Welt verändern!

Das mag naiv sein oder zumindest so klingen, aber aus Naivität und Humor, Träumerei und Hingabe kommt eine große Kraft. Subversiv, anarchistisch und leicht sind die neuen Protestformen und der Widerstand. Diese kreative Unruhe zeigt sich in dem Zulauf, den Initativen und NGOs derzeit haben. Verweigerung, Ziviler Ungehorsam, reclaim the streets, die Clowns Army, Zapatisten, Hacker, Punks, Tute Bianche – sie sind alle TAZ (temporary autonomeous zone). Dieser Begriff von Hakim Bey beschreibt eine temporär, nur kurzzeitig existierende Zone, in der gesellschaftliche Regeln und Machtverhältnisse außer Kraft gesetzt sind. Poetischer Terrorismus (Hakim Bey) oder Romantik der offenen Augen (Toledo) sind weitere Begriffe, die die Aktionsformen zwischen Theater, Maskierung und Persiflage, individuellem Ausdruck und Gesellschaftskörper und die Inhalte zwischen urkommunistischen Gemeinschaftsformen „primitiver“ Stämme und futuristischen Utopien einer postkapitalistischen Gesellschaft beschreiben.

Die Geschichte des Protests ist im Grunde genommen viel älter. Ein Novum ist jedoch das globale Zusammenspiel verschiedenster Gruppen und kreativer Widerstandsformen, die nachhaltiger sind, weil weniger schwer zu vereinnahmen. Immerhin sollten wir den Medien und der Werbung dankbar sein, denn durch das Zudröhnen mit überflüssiger Produktion und gefakten Inhalten sind wir so abgestumpft, daß wir nicht mehr darauf reinfallen. Wir entscheiden selbst, was wir wollen und wir machen unsere eigene Berichterstattung. Wenn niemand mehr kauft, was dann?

Mit den neuen, kreativen Protesten vieler Menschen wird das System überfordert. Dennoch darf man die wachsende Repression nicht unterschätzen: Die aktuellen Razzien bei Hausprojekten und die Verhaftungen, die eingesetzten Agents Provocateurs und willkürlich konstruierte Vorwürfe sind möglicherweise die rechtsfreie Zone, das Guantánamo der Zukunft.

Malah Helman

Eine Reaktion zu “Goodbye Tristesse”

  1. Ostprinzessin » BZ-Blog » Blog Archiv » Butter bei die Fische

    […] des Westens empfiehlt uns – hierzu passend – “Goodbye Tristesse” zur Lektüre. Die Rezension zumindest klingt vielversprechend. Was meinst […]