Die Non-Stop Gesellschaft

Kaiserin des Westens, 25. August 2007

Blitzkrieg gegen sich selbst: Die Non-Stop Gesellschaft heißt das Buch von Rainer B. Jogschies, das 2004 im Nachttischbuch-Verlag Berlin verlegt wurde.

Es geht um Beschleunigung. Beschleunigung der Zeit, der Lebenszeit, von Arbeit und Freizeit. Rastlos, gedanklich immer zwischen A und B pendelnd, angetrieben vom Haben wollen, stürzen wir in geistige Unfreiheit, weil es zum Beispiel keine Zeit mehr gibt, etwas ausgiebig und langfristig zu überlegen. „Hierzulande musst Du so schnell rennen, wie Du kannst, wenn Du am gleichen Fleck bleiben willst“, wird Alice im Wunderland erklärt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen kein Geld und keine Zeit? Oder auch einen Zusammenhang zwischen Hetze und noch weniger Zeithaben? Die grauen Männer haben die Macht ergriffen und niemand hat mehr Zeit. Was ein wenig seltsam anmutet, denn es gibt ja eine Menge Hilfen, die die Arbeit beschleunigen. Weit gefehlt, denn diese Hilfen führen letztendlich zu noch mehr Arbeit und auch noch mehr Stress, z. B. durch Anschaffung oder auch Instanthaltung. Die vermeintlich gesparte Zeit beim Aufwärmen der Tiefkühlpizza in der Mikrowelle geht drauf für Verpackung, Transport und Staus oder auch in der Mehrarbeit dafür, um sich eine Mikrowelle leisten zu können.

Dem Verlust der Zeit folgt eine Zunahme des visuellen und akkustischen Lärms, der permanenten Ablenkung. Die Erlebnisgesellschaft kennt keine Muße, aber auch keine tiefgreifenden Erlebnisse mehr – trotz der Werbesprüche vom intensiven Genuß. Sie lebt vom Surrogat. Rainer Jogschies beschreibt die Phänomene und Zusammenhänge und liefert erfrischende Beispiele unseres Nicht-Seins, etwa als Zuschauer vor einem Fernseher, wo wir zeitverloren auf Vergangenes blicken und die Zukunft darüber möglicherweise vergessen. Oder: Wer Freizeit sinnvoll nutzen will, investiert in teure Urlaube, die dann wiederum erst einmal verdient werden müssen. „Alles Ferne rückt näher und die Nähe wird unerreichbar“, schreibt Rainer Jogschies.

Computer überwachen die Arbeitszeit. Auch der Erfolg oder Mißerfolg ist messbar. Im Erwerbsleben sind lückenlose Lebensläufe gefordert. Und es ist so, als hätte man sich in den Lücken etwas zu schulden kommen lassen. In unserer Gesellschaft gibt es kein Recht auf Faulheit, behaupten Politiker wie Altbundeskanzler Schröder oder Unternehmer und Manager gerne – und damit also vor allem diejenigen, die ihr Geld arbeiten lassen.

Interessant ist auch das Kapitel zur Aufspaltung zwischen Arbeit und Freizeit und bezahlter Arbeit und unbezahlter Arbeit. Durch Nichtbezahlung der Arbeit entsteht den Steuer- und Rentenkassen ein Verlust in Milliardenhöhe und der belastet das Sozialsystem bis zum Anschlag. Gleichzeitig verzerren Kategorien wie „Nutzen“ und „nutzlos“ die Bewertung. Massenproduktion läßt Werte verfallen. Im Neonlicht der neuen Zeit und im gleichförmigen Rauschen der „air condition“ in den verspiegelten Malls und Büros werden echte Gefühle zunehmends unrealistisch. Den Luxus der Langsamkeit müssen wir erst wieder erfinden. „Es ist eine Unmöglichkeit, sich immer noch mit dem Arbeiten als einzigem Lebensinhalt zurechtfinden zu können, wenn die Arbeiten immer sinnloser werden“, konstatiert Jogschies.

Zeit lasse sich lediglich „in der Seele“ messen, wußte schon Augustinus.

In diesem Sinne, habt Mut zur Lücke,

Malah Helman