Neue Sinnbezüge durch entwertete Räume

Die andere Person, 22. August 2008

Entwertete Räume als elementarer Bestandteil zur Konstruktion neuer Sinnbezüge

Eine Fläche wird abgeräumt. Und dann? Sie überwuchert oder besteht in ihrer betonierten Formprägung fort. Gebäude (-Komplexe) stehen leer. Und dann? Sie verfallen und erleben eine Metamorphose im Zeitverlauf. In beiden Fällen wird deutlich, dass etwas im Raum vorhanden ist und etwas zurückbleibt. Aber was genau? Es sind Zonen, die Angeschlagenes, Deformiertes, Entwertetes und Randständiges in sich beherbergen – Menschen, Dinge, Zustände und Situationen, die sich auf der Kehrseite des ökonomischen Wachstums bewegen und vollziehen. Solche Gebiete der Öffnungen sind geradezu prädestiniert, den Auftakt zu machen für erweiterte individuelle und gesellschaftliche Denkpositionen.

Soweit so gut. Nächster Bereich.

Wer oder was hat in der neoliberalisierten Arbeitsgesellschaft Zeit? Es sind Diejenigen, die vom ökonomischen System ausgesondert wurden und deren Reintegration in gewohnte Erwerbsarbeitsmuster oder prekäre Beschäftigung strukturell aussichtslos ist. Die eigentlich verwertbare Zeit ist allerdings für die Überflüssiggemachten nicht frei verfügbar. Sie liegt brach wie die Brachen – Zeit und Flächen bleiben ungenutzt. Staatliche Sanktionsgewalt und Medienhetze machen die Ausgesonderten zu Schuldigen und lasten ihnen die Ursachen ihrer individuellen sowie der gesellschaftlichen Misere an – der persönliche Rückzug und die soziale Isolation sind gängige Folgeerscheinungen solcher Strukturprobleme, die auf Individuen abgewälzt werden.

Was ist die Grundvoraussetzung für Handlungen? Es ist disponible Zeit. Umgekehrt heißt dies, wenn keine nutzbare Zeit im Raum vorhanden ist, werden auch keine Handlungen geplant – individuelle und gesellschaftliche Aktionen und Aktivitäten fallen aus. Die Niedermachung des Sozialen an sich vollzieht sich. Die staatlich installierten Mechanismen zur Liquidierung eigentlich greifbarer und verwertbarer Zeit münden schließlich in soziale Unbeweglichkeit und schmalspurige Loops. Menschen sind aber keine Autos, die man mal so einfach parken kann. Wie können also die enormen Massen an unfreier und nicht-produktiv verwerteter Zeit verfügbar gemacht werden? Indem soziale Subjekte – Initiativen, Projekte – an den entsprechenden Räumen und Menschen mit Handlung ansetzen. Denn entwertete Orte und überflüssig gemachte Menschen sind Simulationsflächen, auf denen und durch die die herkömmlichen Muster der bürgerlich-kapitalistischen Arbeitsgesellschaft durchquert und überwunden werden können. Diese Prozesshaftigkeiten ergeben sich jedoch nicht aus einer politischen Antihaltung gegenüber großflächigen Staats- und Ökonomiesystemen, sondern in erster Linie aus der puren Notwendigkeit nach Sinnsuche, um den geistigen Fortbestand von Gesellschaft zu sichern. Eine sinnvolle soziale Sicherung beginnt dort, wo das Risiko einer grundsätzlichen und radikalen Gesellschaftstransformation eingegangen wird – soziale Sicherung beginnt gerade nicht dort, wo vehement an erprobten und ehemals bewährten Strukturen bis zur Besinnungslosigkeit festgehalten wird.

Zahlreiche Flächen und Menschen liegen brach, doch Ödland sind sie noch lange, lange nicht. Denn gerade dadurch, dass die Gebiete und Gebäude durch eine verschobene ökonomische Logik aus der gewohnten Gesellschaftsstruktur ausgewiesen wurden, wird eine Neudeutung bezüglich des gesamten Gesellschaftsfeldes ermöglicht. Räume solcher Art stehen einer Vielzahl von Handlungen offen – der Vandalismus ist nur ein sichtbares Beispiel für die Empfänglichkeit von Modifikationen. Vandalismus ist im weitesten Sinne ein Prozess der Veränderung – wer einen Stein in ein Fenster schmeißt, verändert definitiv diesen Ort. Ob dieser Vorgang nun als ein destruktiver oder konstruktiver gilt, mag dahingestellt bleiben, aber es reicht einfach nicht aus, nur um das Zerstörte und Verlorengegangene zu trauern oder gar Versuche zu unternehmen, es wiederherstellen zu wollen.

Handeln lässt sich am Besten mit dem, was im sozialen Raum vorzufinden ist, alles Andere bedeutet Entfernung und Distanzierung von der eigentlichen Sache. Die Deformierung am Menschen erscheint dagegen weniger sichtbar und lässt sich nur erschwert erkennen. Von der ökonomischen Logik ausgesondert, werden die Überflüssiggemachten zu sozial entkoppelten Einzeleinheiten, deren Ruhigstellung beabsichtigt wird, indem ihre Handlungen massiv eingeschränkt werden und ihre Zeit unbenutzbar gemacht wird. Der Verlust von vertrauten Strukturen des sozialen Lebens ist aber zugleich auch eine Befreiung von diesen. Denn wofür sollten sie erhalten bleiben, wenn eine Reintegration in ein solches Lebens- bzw. Gesellschaftsmodell aussichtslos ist. Befreiung macht Platz für Neues. Neues entsteht durch Umdeutung der vorhandenen Verhältnisse.

Die Schnittstellen zwischen entwerteten Räumen und ausgeschlossen Menschen liegen auf der Hand. Wir kennen die Räume und wir kennen die Menschen. Alles ist bereit.

Die andere Person