Investitionshotel

Die andere Person, 2. Januar 2009

Über verschiedene Realitäten, Schnittstellen und die Herrschaft des Geldes

Sechs Stunden lang umgab ich mich in einem historisch-repräsentativen Gebäude mit gesellschaftlich anerkannter und lieb geschätzter Kunst – in der Arbeitsgesellschaft sind sechs Stunden fast ein ganzer Arbeitstag. An der Garderobe gab ich lediglich meinen beladenen Beutel ab, den schweren Mantel behielt ich an, denn darin erlebe ich permanent das Bewusstsein, robust zu sein. Über den Inhalt meines Beutels werde ich mir immer öfter unsicher – ist es ein dickes Buch oder trage ich eine Waffe bei mir. Manchmal habe ich das Gefühl, dass nicht nur ich diesen Gedanken bekomme, sondern auch Menschen um mich herum darüber unsicher werden. Hin und wieder vergewissere ich mich dann, indem ich hineinschaue, und stelle fest, die Waffe bin ich und das ist ein Gesamtprojekt.

Von der Beutellast befreit, bewege ich mich durch die große Halle und schreite die massiv und breit angelegte Treppe nach oben. Zweitausend Jahre Deutsche Geschichte – ich war schon öfter hier und erfasse die Informationen selektiv und gezielt. Städtebau im Mittelalter – sehr interessante Darstellungen. Landkarten, überall Landkarten – ich fühle mich schon wie ein richtiger Mann und entdecke voller Lust die Abbilder der Welt. Wieder einmal fesselt mich die Abteilung des aufstrebenden Bürgertums, die Erfindung der Kindheit und die damit einhergehende, strenge Geschlechterrollenformation, die der modernen Gesellschaft einen zweigeschlechtlichen Zwangsapparat auferlegt. Kleidungen und Möbel vermitteln Lebensweisen vergangener gesellschaftlicher Geflechte – wir sind in jedem Fall Teil davon, egal in welcher Position und Abgrenzung wir uns in Bezug darauf selbst begreifen.

Etwas erschöpft und ermüdet von den Informationsmassen, gehe ich in die benachbarte Universität, um mir einen Automatenkaffee und einen Schokoriegel von Nestlé zu kaufen – wie dekadent. Die zweite Runde beginnt – Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Der Schreibtisch von Honecker ist etwas größer als der vom Hitler – die Größe des Arbeitstisches scheint nichts mit den Führungsqualitäten von Personen zu tun zu haben. Schließlich endet die Ausstellung mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung – ich sehe Hannelore und Helmut Kohl, das macht mich emotional – ich sehe Schreckgespenster.

Den Beutel wieder in meinen Händen tragend, gehe ich zum Bus – Friedrichstraße/Unter den Linden steige ich spontan aus. Die Gebäude glänzen und sind hell erleuchtet – das neue Hotel, welches weit über den Bordstein ragt, scheint weitgehend fertig zu sein, jedenfalls haben die Geschäfte im Erdgeschoss schon geöffnet. Ich fühle mich gut sortiert und bin empfänglich für diesen Ort – der Bau vermittelt mir das Gefühl einer Zeit gesellschaftlichen Aufschwungs. Diese brutal totsanierte Gegend impliziert Wachstum und Geld. Ein paar Blöcke weiter wird man jedoch schon wieder kräftig desillusioniert – der aktuelle Bauskandal am Tränenpalast und die umliegenden Lücken und Brachen befördern einen in Berlins Wirklichkeit zurück, die nur sehr punktuell vom Wachstum begleitet wird. Ich laufe schließlich unter den lichtgefluteten Arcaden des Neubaus entlang und treffe ganz zufällig einen Bekannten – ich freue mich sehr. Investitionen sind sein Geschäft – Inhalte sind mein Geschäft. Das unterscheidet uns, macht uns aber auch füreinander interessant.

Wir überlegen, einen Kaffee zu trinken, mir fällt aber kein Café ein, denn in dieser unsäglichen Gegend habe ich kaum Identifikationspunkte. Seine Einfälle scheitern am nicht vorhandenen Geld – weder Kohle für seinen Ofen noch Kohle für einen Kaffee ist vorhanden. Fremd, einfalls- und ratlos sowie ohne Geld, beschließen wir, ins benachbarte Kulturkaufhaus Dussmann zu gehen – im obersten Geschoss finden wir einen Platz in der Politikabteilung und unterhalten uns eine ganze Zeit lang über die Finanzkrise, Kapitalwirtschaft, die Ursprünge der Zinswirtschaft, Erwerbslosigkeit und über unsere individuellen Lebenswege. In manchen Momenten habe ich das Gefühl, ihn zu erreichen, aber diese gehen geschwind vorüber – Schnittstellen sind eben fragile und flüchtige Positionen.

Leute laufen an uns vorüber und schauen sich Bücher an – ich genieße ihre Defekte, denn Beschädigung ist meine Ware. Ich verschmelze mit den Defiziten und Makeln der Suchenden. Mein Bekannter hat diesbezüglich eher eine konventionelle und distanzierte Haltung – er grenzt sich ab, ich fusioniere – jeder seiner Neigung entsprechend. Die ganze Zeit starrte ich schon auf die Bücherrubrik des Deutschen Herbst, da diese mir unmittelbar gegenübersteht. Ich erzähle meinem Bekannten, dass ich vor ein paar Tagen auf Ulrike Meinhofs Grab eine weiße Lilie gelegt habe. Das ist natürlich mehr als nur eine politische Handlung, es ist eine generelle und umfassende symbolische Handlung von Menschlichkeit. Die Grabfelder links und rechts von ihr sind übrigens noch frei, alle anderen sind belegt – Verachtung, Angst und Distanzwahrung scheinen auch nach über dreißig Jahren Totsein unüberwindlich zu sein.

Nach etwa eineinhalb Stunden fassen wir den Beschluss, die Höhle des Löwen zu verlassen. Seine Seite der Geldverhältnisse bleibt mir fremd, dass einen dieses Mittel so immens zerütten und zerfressen kann, ist schockierend. Wir verabschiedeten uns vor Dussmann und gingen in entgegengesetzte Richtungen.

Die andere Person