{"id":1004,"date":"2009-03-12T19:51:15","date_gmt":"2009-03-12T17:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=1004"},"modified":"2013-05-03T22:26:42","modified_gmt":"2013-05-03T20:26:42","slug":"vorwarts-immer-ruckwarts-nimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1004","title":{"rendered":"Vorw\u00e4rts immer, r\u00fcckw\u00e4rts nimmer!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der <a title=\"Attac Kapitalismuskongress \" href=\"http:\/\/www.attac.de\/aktuell\/kapitalismuskongress\/startseite\">Kapitalismuskongress von <em>attac<\/em><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Die zentrale Frage des Kongresses kreiste um das Thema <em>Kapitalismus reformieren oder abschaffen?<\/em>&#8211; interessant daran, dass Jeder diese Frage aufnahm und beantwortete.<\/p>\n<p>Die Zeit des Neoliberalismus scheint endg\u00fcltig vorbei. Nichts mehr von&#8230;, wir sitzen alle am selben Tisch und machen da ein wenig <em>governance<\/em> zusammen. Governance ist tot, es lebe die Krise! Ihre Meinung bitte, zum 1., zum 2. und Schlag bumm aus. Ihr Einsatz, Ihr Gebot &#8211; im Strudel des Spiels ist alles m\u00f6glich! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Egal welche Meinung &#8211; die Hauptsache: Du spielst noch mit. Aber durch das Spiel scheint sich doch die eigentliche Frage bereits ihren Weg gebahnt zu haben: Kapitalismus &#8211; Sein oder nicht Sein?<\/p>\n<p>Fast k\u00f6nnte man es als die Vorstufe der Beschw\u00f6rung der Klassenfrage auf hohem Niveau bezeichnen. \u201eSag mir, wo Du stehst.\u201c Geht man nach der Auswahl und auch der exponierten Stellung einiger Referenten im Programm, so bevorzugten die offiziellen Organisatoren den Reformansatz. So begann der Kongress mit dem Auftaktreferat eines ehemaligen Staatssekret\u00e4rs aus der rot-gr\u00fcnen Regierungszeit, der verk\u00fcndete, \u201e&#8230;es ist nicht der Kapitalismus an sich, sondern die Gier&#8230;\u201c, und er schloss sich unmittelbar an die offizielle Kampagne von attac an, wenn er sagte: \u201e(&#8230;) jedes einzelne Teil des Casinos muss geschlossen werden (&#8230;)\u201c<\/p>\n<p><a title=\"Saskia Sassen\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saskia_Sassen\">Saskia Sassen<\/a> war da schon wesentlich klarer in ihrer Einsch\u00e4tzung, indem sie betonte, dass es keine finanzielle L\u00f6sung f\u00fcr diese Krise geben wird. F\u00fcr sie ist die Armut die eigentliche Bedrohung. \u201eWir werden das System nicht einfach so l\u00f6sen, die Krise hilft uns.\u201c <em>(autsch)<\/em> F\u00fcr sie sind die Rentenfonds ein gro\u00dfes Problem. (Vielleicht in dem Sinne, dass jeder, der Lohnarbeit macht, damit auch gebunden ist an das Finanzmarktsystem des Kapitalismus? Die Grenze zwischen \u201eIch bin noch drin \u2013 Du bist schon drau\u00dfen\u201c, vielleicht der heutige Verlauf des Klassenantagonismus? \u201eHups bin ich schon drau\u00dfen.\u201c)<\/p>\n<p>Alexander Buzgalin aus Moskau betonte die gesellschaftliche Krise und \u201e&#8230;in Russland hat man Angst vor morgen\u201c. Er ging nicht darauf ein, wer dort mehr vor wem Angst hat. Und auch ein Besuch des Podiums \u201eEndzeit Kapitalismus\u201c mit drei russischen Professoren aus der Akademie der Wissenschaften in Moskau lie\u00df einen in den Sprachduktus der 80er Jahre hineinfallen &#8211; und dort ganz schnell wieder herauseilen.<\/p>\n<p>Einzig <a title=\"Daniela Dahn\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daniela_Dahn\">Daniela Dahn<\/a> stellte die Systemfrage auf dem Er\u00f6ffnungspodium. \u201eNein, es gibt keine systemimmanente L\u00f6sung.\u201c Woraufhin Saskia Sassen die B\u00e4nker ins Gef\u00e4ngnis schmei\u00dfen wollte und Alexander aus Moskau niemandem Geld zur\u00fcckzahlen, das er verloren hat.<\/p>\n<p>Programmatisch auf dem Er\u00f6ffnungsplenum kann man die Rolle von <a title=\"Frank Bsirske\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_Bsirske\">Bsirske<\/a> sehen. Er kritisierte die Krise: \u201e(&#8230;) ein schwarzes Loch; niemand hat mehr einen \u00dcberblick.\u201c Und er antwortete nicht auf die Frage des Moderators, welche Rolle dabei die Gewerkschaft spielte. Daf\u00fcr diente er sich bei den Gr\u00fcnen an: \u201eWir brauchen den New Deal, ohne den Kapitalismus aufzuheben.&#8220; Zum Schluss musste er noch auf seine professionellen, aber begrenzten M\u00f6glichkeiten hinweisen, indem er betonte, sie seien keine Mehrheitsbeschaffer und darum organisieren sie die Demo im Mai &#8211; und <a title=\"WIR ZAHLEN NICHT F\u00dcR EURE KRISE!\" href=\"http:\/\/www.kapitalismuskrise.org\">die im M\u00e4rz<\/a>, nein da wollen sie nicht unterst\u00fctzen, sie machen eine Demo und die richtig und verzetteln sich nicht. Aber immerhin lie\u00df er sich beim Weggehen, &#8211; zwei Biere sp\u00e4ter &#8211; noch in ein Gespr\u00e4ch am Ausgang verwickeln, um sympathisch seine Haltung r\u00fcberzubringen. Nein, \u00fcberheblich ist er nicht, eher volkst\u00fcmlich wie <a title=\"Wilhelm Pieck\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Pieck\">Genosse Pieck<\/a>.<\/p>\n<p>Man bekam dann noch sehr viel Input zu den H\u00f6hen der Geldsummen und dem Drama der Krise. Kurzgefasst ist die H\u00f6he der Schulden ein Mehrfaches des Wertes der wertsch\u00f6pfenden Arbeit weltweit. (Vielleicht ist einfach die wertsch\u00f6pfende Arbeit zu billig?) Und vorausgesetzt, man s\u00e4he die wertsch\u00f6pfende Arbeit als Lohnarbeit. Da machte <a title=\"Frigga Haug\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frigga_Haug\">Frigga Haug<\/a> einen Aufschlag, indem sie die Arbeit in vier Bereiche teilte und dabei die Lohnarbeit als nur einen der vier Bereiche auf vier Stunden begrenzte \u201eTeilzeitarbeit f\u00fcr jedermann\u201c.<\/p>\n<p><a title=\"Elmar Altvater\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elmar_Altvater\">Altvater<\/a> sagte die Inflation voraus. Und in der Tat scheint der Finanzmarktkapitalismus seinem Ende zuzusteuern. Die Rolle des Geldes um die wertsch\u00f6pfende Arbeit zu vergleichen \u2013 okay, die wird bleiben. Aber wie wird die Krise zu gestalten sein und von wem? Leider gab es wenig Inputs \u00fcber Akteure &#8211; Klassenlagen, scheinbar ein Fremdwort. Und so wurde auch ein Bild der Angst gemalt, wenn z. B. <a title=\"Sven Giegold\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sven_Giegold\">Sven Giegold<\/a> vor den Rechten warnte. Dass <a title=\"Ralf F\u00fccks\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ralf_F%C3%BCcks\">Ralf F\u00fccks<\/a> von den Gr\u00fcnen den <em>New Deal<\/em> verteidigte, ist nicht der Erw\u00e4hnung wert, vielleicht nur, dass er vom <em>gro\u00dfen Sprung<\/em> in diesem Zusammenhang sprach.<\/p>\n<p>Oh Mann\/Frau, h\u00e4ttet ihr nicht damals st\u00e4rker mit den Maoisten in die Diskussion kommen k\u00f6nnen!? Oder ist es nicht sein maoistisches Herz, sondern eher seine Rolle im System, in der er sich eingerichtet hat und die den <em>New Deal<\/em> als Sprung f\u00fchlen muss, um sich vor der Apathie zu bewahren. <a title=\"Hans-Ulrich Brandt\" href=\"http:\/\/www.kai-homilius-verlag.de\/autoren\/autor_new.php?autor=102\">Ulli Brandt<\/a> lie\u00df ihm das jedenfalls nicht durchgehen und diskutierte in seiner charmant jungenhaften, kapitalismuskritischen Art dagegen. Noch betonend, dass er auch als Professor den Zw\u00e4ngen des Kapitalismus jeden Tag ausgesetzt ist. Oh je, Entfremdung und Spaltung soweit das Auge blickt.<\/p>\n<p>Noch zwei Bemerkungen zu diesem Thema: Altvater hat auch in der Krise den Durchblick, danach m\u00fcssen wir uns echt mehr damit besch\u00e4ftigen, was hier noch passiert. Von alleine wird sich diese Endphase des staatsmonopolistischen Finanzkapitalismus nicht in eine neue Qualit\u00e4t umschlagen lassen. Leider hat Sven Giegold meine Frage nicht beantwortet, was er denn macht, wenn er im Europ\u00e4ischen Parlament an seinem <em>New Deal<\/em> sitzt und die NATO zur Aufstandsbek\u00e4mpfung \u00fcbergehen wird.<\/p>\n<p>Und <a title=\"Heiner Gei\u00dfler\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_Gei%C3%9Fler\">Gei\u00dfler<\/a> bekam im Abschlussplenum sehr viel Raum, um seine Thesen vorzustellen und auch erschreckend viel Beifall, wenn er betonte, es ist das Kapital und nicht der Kapitalismus \u2013 oder war es andersrum.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es der Wunsch nach Harmonie, der die Mehrheit der Besucher des Kongresses eher Gei\u00dfler und Bsirske zuklatschten lie\u00df als Haug. Oder Altvater, der wiederum auf einem gro\u00dfen Podium gar nicht zu h\u00f6ren war, sondern nur in einem kleinen Seminarraum, der allerdings so voll war, dass es mir schien, als ob die drinnen gleich an Sauerstoffmangel sterben und die drau\u00dfen an Unwissenheit.<\/p>\n<p>Vielleicht aber ist es auch die innere Spaltung, der ganz allt\u00e4gliche Wahnsinn des Kapitalismus mit seinen t\u00e4glichen Entfremdungen und allt\u00e4glichen Zukunfts\u00e4ngsten, der nach dem Wunsche <em>Wir alle sitzen im selben Boot<\/em> strebt. Das tun wir ja in der Tat auch. Aber die Vision vom Reich der Freiheit (nach dem wirklichen Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit) braucht eben auch den klaren Blick. Die schon rausgefallen oder nie drin gewesen sind, werden schneller im selben Boot sich einfinden k\u00f6nnen und klar sehen, wenn wir den Raum dazu erm\u00f6glichen. Ja, lasst uns erst nach einem geeigneten Raum suchen, indem wir uns einrichten und einander zuh\u00f6ren k\u00f6nnen, ohne dass die Einen zu wenig Luft und die anderen zu wenig Wissen haben.<\/p>\n<p>Und so tat es gut, zu wissen, dass die Frauen unweit vom Tagungsort des Kongresses den Zusammenhang von Militanz und Gesellschaft am 8. M\u00e4rz zum eigentlichen Thema machten. Rosa, Clara und meine Oma h\u00e4tten sich gefreut &#8211; und Mischa Ludmilla wei\u00df noch nichts davon.<\/p>\n<p>Zum Schluss die gute Nachricht vom Kongress: In Workshops wurde \u00fcber Alternativen geredet und es wurden Verabredungen getroffen. So z. B. vernetzten sich die Antiprivatisierungsinitiativen und planen einen gemeinsamen Aktionstag, an dem sie die Rath\u00e4user besetzen und alle Zahlungen f\u00fcr Cross-Border-Leasing-Gesch\u00e4fte stoppen wollen. Ein Teil des Geldes, das dann frei wird, soll f\u00fcr eine Servicestelle eingesetzt werden, damit alle Infos und Aktionen zentral aufbereitet und f\u00fcr jede Ini im Kampf gegen Privatisierung abrufbar werden. Und am <a title=\"WIR ZAHLEN NICHT F\u00dcR EURE KRISE!\" href=\"http:\/\/www.kapitalismuskrise.org\">28. M\u00e4rz<\/a> gehe ich mit dem Transparent<br \/>\n<em><br \/>\nDas Wasser, die Erde, die Sonne und Du<br \/>\nsind alle nicht k\u00e4uflich<br \/>\nwenn wir es so wollen!<\/em><\/p>\n<p>Aufgeschrieben und zusammengetr\u00e4umt von der Osthexe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kapitalismuskongress von attac Die zentrale Frage des Kongresses kreiste um das Thema Kapitalismus reformieren oder abschaffen?&#8211; interessant daran, dass Jeder diese Frage aufnahm und beantwortete. Die Zeit des Neoliberalismus scheint endg\u00fcltig vorbei. Nichts mehr von&#8230;, wir sitzen alle am selben Tisch und machen da ein wenig governance zusammen. 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