{"id":1031,"date":"2009-05-26T21:42:52","date_gmt":"2009-05-26T19:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=1031"},"modified":"2010-01-30T23:55:17","modified_gmt":"2010-01-30T21:55:17","slug":"wo-sollen-wir-leben-uns-will-doch-niemand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1031","title":{"rendered":"Wo sollen wir leben? Uns will doch niemand."},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Ein subjektiver Bericht \u00fcber Terror, \u201eTouristen\u201c und die Ignoranz der Macht &#8211; mit objektiven Tatsachen und einem Bezirksb\u00fcrgermeister, der sich von seiner schlechtesten Seite zeigt<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Roma leben im Terror. Das ist nichts Neues. Vor etwas mehr als 60 Jahren beschlossen die M\u00e4chtigen in diesem Staat die Vernichtung der Sinti und Roma. Und sie kamen ihrem Ziel gef\u00e4hrlich nah: Hunderttausende wurden gemordet. Weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung schien das nicht ganz unrecht zu sein, denn Viele verbanden mit den \u201eZigeunern\u201c vor Allem Schmutz und Kriminalit\u00e4t. So ist es geblieben.<\/p>\n<p>Einer uns\u00e4glichen, Jahrhunderte alten \u201eTradition\u201c folgend m\u00fcssen Sinti und Roma auch heute \u00fcberall in Europa mit Repressionen rechnen; diese sind ihr t\u00e4glich Brot. Viele leben weit unter den Armutsgrenzen, ohne Schulbildung und ohne Rechte. In manchen L\u00e4ndern Mittel- und Osteuropas werden ihre H\u00e4user niedergebrannt, Mordkommandos machen Jagd auf sie. Aber auch in deutschen Landen lebt es sich durchaus gef\u00e4hrlich, wie die \u00dcbergriffe auf Heime belegen. Lebensfeindlich geb\u00e4rt sich ihre Umwelt allemal, denn Rassismen sind hierzulande so verbreitet wie Bausparvertr\u00e4ge. Roma bilden das unterste Glied einer Kette von Missliebigen und genau dies macht ihr besonderes Leid aus. Die schlimmen Erfahrungen f\u00fchren auch dazu, dass sie sich ein St\u00fcck weit von der Mehrheitsgesellschaft abkapseln m\u00fcssen. Viele lesbische und schwule Menschen beispielsweise kennen dieses Ph\u00e4nomen aus eigener Erfahrung.<\/p>\n<p><strong><em>Dunkel leuchtende Vorahnung<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, Roma w\u00fcrden \u00fcberwiegend nomadisch leben. Tats\u00e4chlich ist es umgekehrt: Die meisten wohnen schon seit Generationen an einem festen Ort. Offenbar in dunkler Vorahnung hatte ich in die <a title=\"*schnuppe - Format 8 - RETROREICH\" href=\"http:\/\/ostprinzessin.de\/bz\/2009\/04\/28\/format-8-retroreich\">aktuelle Ausgabe der <strong><em>*schnuppe<\/em><\/strong><\/a> einen Abriss \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse in einer der \u00e4ltesten Roma-Viertel der Welt aufgenommen:<\/p>\n<p><em>Ba\u015fka Bir Sulukule M\u00fcmk\u00fcn !<\/em><\/p>\n<p><em>Das Stadtviertel Sulukule in Istanbul gilt als das \u00e4lteste Roma-Viertel der Welt. Roma leben hier seit mehr als tausend Jahren.<\/em><\/p>\n<p><em>Vor ein paar Jahren hat die Regierung den Abriss beschlossen. Die Arbeiten haben begonnen. Geschaffen werden soll eine \u201eMuseumsstadt\u201c mit historisierenden Neubauten osmanischen Stils.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch in Sulukule ist der Kampf gegen die Stadtumstrukturierung, gegen Spekulation und Verdr\u00e4ngung verzweifelt. Etwa 3.500 Menschen sind direkt von Umsiedlungspl\u00e4nen betroffen. F\u00fcr viele von ihnen wirkt sich die damit einhergehende soziale und kulturelle Entwurzelung verherrend aus.<\/em><\/p>\n<p>Dem hatte ich ein Zitat beigef\u00fcgt, welches das grunds\u00e4tzliche Dilemma der Roma in einfachsten Worten beschreibt: <em>\u201eWo sollen wir leben? Uns will doch niemand.\u201c<\/em> Und auch Kreuzberg bildet da keine Ausnahme. Denn Ausnahmen werden nicht geduldet. Bef\u00fcrchtet wird ein politischer Dammbruch. Ist erst einmal ein Pr\u00e4zedenzfall geschaffen, k\u00f6nnten die Probleme f\u00fcr die an repressive Gesetzgebungen gebundenen Verwaltungsapparate ins Unverwaltbare wachsen.<\/p>\n<p><em><strong>\u201eWir haben gepr\u00fcft\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eben diese Apparate fanden sich am gestrigen Nachmittag zusammen mit dem gr\u00fcnen Bezirksb\u00fcrgermeister Schulz, einigen Roma und Angeh\u00f6rigen der von der Politik so gef\u00fcrchteten Hausbesetzer-Szene im Rathaus Kreuzberg ein. Der BVV-Saal sei belegt, hie\u00df es zun\u00e4chst &#8211; nein, war er nicht. Der erste Versuch, das Ganze klein zu halten, war schon mal gescheitert. Immerhin 70 Personen nahmen am eckigen Runden Tisch Platz, die M\u00e4chtigen wie selbstverst\u00e4ndlich auf h\u00f6heren Pl\u00e4tzen. Gr\u00fcner und parteilinker Zeitgeist im Jahre 2009 eben. Im Publikum fanden sich neben verschiedenen Presseleuten auch viele Angeh\u00f6rige des Wagenplatzes Schwarzer Kanal. Aber auch auf dem Podium lesbelte es: Motorradliebhaberin Katina Schubert war von Sozialsenatorin Knake-Werner entsandt worden und betonte, dass sie sich \u00fcber den gegenw\u00e4rtigen Rassismus durchaus bewusst sei, aber leider kein gutes Angebot machen k\u00f6nne. In dieser Art zelebrierten alle Verwaltungseinheiten ihre selbstgew\u00e4hlte Ohnmacht. Wir haben das und das gepr\u00fcft und sind zu dem und dem Schluss gekommen, n\u00e4mlich dass Sie hierauf und darauf keinen Anspruch haben.<\/p>\n<p>Denn die Roma seien ja als Touristen hier. Das hatten Franz Schulz und andere Politschranzen bereits im Vorfeld betont. Und sie wurden auch am Eckigen Tisch dieser zynischen Sprachregelung nicht \u00fcberdr\u00fcssig. Die erste Wahl aller Verwaltungseinheiten stellt das Ausreiselager Motardstra\u00dfe in Spandau dar. Hier sei es sch\u00f6n kuschelig &#8211; wie auch die RBB-Abendschau eiligst in einem Beitrag \u201ebelegte\u201c &#8211; und au\u00dferdem sei man der gro\u00dfherzigen Geste, die \u201eR\u00fcckf\u00fchrung nach Rum\u00e4nien\u201c zu bezahlen, nicht abgeneigt.<\/p>\n<p>Diesem Vorschlag wurde seitens der Roma und ihrer von Moderator und Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (LINKE) als \u201eF\u00fcrsprecher\u201c verniedlichten Begleitpersonen vehement widersprochen. \u201eDort leben ist wie im Knast\u201c, \u00fcbersetzte die ansonsten wenig geliebte Gemeinde\u00fcbersetzerin den Einwand der Roma aus dem Rum\u00e4nischen. Bethanien hingegen konnte mit Romanes-\u00dcbersetzer prahlen. Die bessere Organisation, auch in dieser Hinsicht. Nach einigen ausufernden Eiert\u00e4nzen mit der Politik gab es dann die Vereinbarung, Wohnungen und Heimpl\u00e4tze f\u00fcr die Roma-Familien zu finden. F\u00fcr wie lange, das mochte niemand sagen. Und es interessierte die Politniks auch gar nicht. Franz Schulz beispielsweise ritt lieber unentwegt darauf herum, dass es im Bethanien eine \u201eillegale Besetzung\u201c der R\u00e4ume im Erdgeschoss des S\u00fcdfl\u00fcgels gibt. Dort wurden die Roma nach Tagen kaum ertragbarer Enge in den Projektetagen dar\u00fcber im Zuge eines selbstbestimmten Aktes untergebracht. Und Holzf\u00e4llerhemd-Liebhaberin Monika Herrmann &#8211; ihres Zeichens Familienstadtr\u00e4tin &#8211; sprang erst in der Endrunde auf, l\u00fcftete ihren Platz auf der Regierungsbank und stellte klar: \u201eIch als Jugendstadtr\u00e4tin sage mal: Es dr\u00e4ngt. Besonders f\u00fcr die Kinder.\u201c Sie habe bereits im G\u00f6rlitzer Park deaskalierend eingegriffen, indem sie das Jugendamt nicht h\u00e4tte einschreiten lassen und au\u00dferdem habe sie ja die Unterbringung im Bethanien akzeptiert.<\/p>\n<p><em><strong>Stellvertretertr\u00e4nen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Engagement der <a title=\"NewYorck im Bethanien\" href=\"http:\/\/www.newyorck.net\">NewYorck im Bethanien<\/a> zu w\u00fcrdigen, das fiel allen Politniks schwer. Lediglich einer der amtlichen Verwaltungsmenschen sprach davon, dass er es gern gesehen habe, dass die Roma im Bethanien aufgenommen worden seien. Gl\u00fccklicherweise fand der Sprecher der Roma ein paar angemessene Worte und \u00e4u\u00dferte den \u201eherzlichen Dank\u201c der betroffenen Roma: In Deutschland g\u00e4be es viele Menschen mit gro\u00dfem Herz. Spontan bekam ich feuchte Augen, Tr\u00e4nen der R\u00fchrung. Obwohl ich doch gar nichts gemacht hatte, diesmal. Stellvertretertr\u00e4nen also.<\/p>\n<p>In Schulz-typischer Arroganz verk\u00fcndete selbiger seine Sicht der Dinge bereits vorab im Tagesspiegel: Es handle sich bei den Roma nicht um Fl\u00fcchtlinge oder Asylbewerber, sondern \u201eum Touristen, die ohne Dach \u00fcber dem Kopf campieren.\u201c Dass der Projektezusammenhang NewYorck den Familien Unterkunft gew\u00e4hre, nannte er &#8211; mit fuchsigem Unterton &#8211; \u201eeine gener\u00f6se Geste\u201c. Allerdings sei das Ganze nun ein \u201eprivates Problem\u201c der Gastgeber. Wir erinnern uns: Roma sind das letzte Glied der Kette. Rechte haben sie oft nur dann, wenn sich Andere f\u00fcr diese einsetzen. So w\u00e4re es auch nie zu einem Runden Tisch gekommen, wenn die NewYorck nicht beherzt eingegriffen h\u00e4tte. Aber davon will man in der etablierten Politszene lieber nichts wissen und deshalb wurde ein ums andere Mal herumgesabbert, man wolle direkt und ohne Mittler mit den Roma ins Gespr\u00e4ch kommen. Ja dann w\u00e4re wohl Einiges etwas anders gelaufen.<\/p>\n<p>Wer etwa ein beherztes L\u00f6sungsangebot seitens der Politik erwartet hatte, h\u00e4tte sich schlecht beraten. Sehr schlecht, denn Franz Schulz hat einfach Recht: Roma sind selbstverst\u00e4ndlich als Touristen hier. Wohnen kostenfrei, gehen tags\u00fcber auf Sightseeing-Tour und Papa Roma bringt der 7-k\u00f6pfigen Familie abends Souvenirs mit &#8211; kleine Brandenburger Tore, Reichstage und Wimpel zum 60-j\u00e4hrigen Bestehen des Reichs. Das kulturelle Abendprogramm besteht aus Versteckspielen mit der Polizei; Verachtung und Beschimpfung gibts gratis dazu, an jeder Ecke. Hach herrlich so ein Touristenleben.<\/p>\n<p><em>The Ostprinzessin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein subjektiver Bericht \u00fcber Terror, \u201eTouristen\u201c und die Ignoranz der Macht &#8211; mit objektiven Tatsachen und einem Bezirksb\u00fcrgermeister, der sich von seiner schlechtesten Seite zeigt Roma leben im Terror. Das ist nichts Neues. Vor etwas mehr als 60 Jahren beschlossen die M\u00e4chtigen in diesem Staat die Vernichtung der Sinti und Roma. 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