{"id":1032,"date":"2009-06-09T18:04:02","date_gmt":"2009-06-09T16:04:02","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=1032"},"modified":"2010-02-01T16:22:06","modified_gmt":"2010-02-01T14:22:06","slug":"desillusioniert-aber-von-vollem-herzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1032","title":{"rendered":"Desillusioniert, aber von vollem Herzen"},"content":{"rendered":"<p>Zu den Olympischen Spielen 1936 sollte Berlin \u201ezigeunerfrei\u201c sein, die Berliner Sinti und Roma wurden in das Zwangslager Marzahn deportiert, von wo aus die meisten nach Auschwitz in den Tod geschickt wurden.<\/p>\n<p>Zu den Feiern des 60-j\u00e4hrigen Bestehens Deutschlands im Jahr 2009 soll Berlin \u201ezigeunerfrei\u201c gehalten werden. Die Roma und Sinti, die nach Berlin fliehen, werden in das in einem Spandauer Industriegebiet gelegene \u201eAusreisezentrum Motardstra\u00dfe\u201c verbracht. Der Wunsch des Senats und weiter Teile der Bev\u00f6lkerung: Die R\u00fcckkehr der Roma, zum Beispiel nach Rum\u00e4nien. Doch dort &#8211; wie auch in manchen L\u00e4ndern des Balkans oder in Ungarn und Tschechien &#8211; stehen Viele vor dem Nichts. Und dies ist seit Generationen traurige Tradition: Roma werden von der Infrastruktur ausgeschlossen &#8211; Wasser, Strom und Bildung werden ihnen von der Administration vorenthalten, ganze Stadtviertel nicht an die \u00f6ffentliche Struktur angeschlossen. In vielen Gesch\u00e4ften werden Roma nicht bedient. Die allgegenw\u00e4rtige, sich versch\u00e4rfende Armut f\u00fchrt indes dazu, dass ein aufgehetzter, rechter Mob \u201eS\u00e4uberungen\u201c durchf\u00fchrt: H\u00e4user brennen, Mordkommandos machen Jagd auf Roma.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen heizt die Boulevardpresse in Berlin die Stimmung gegen die in die Stadt gekommenen Roma so sehr an, das auch hierzulande wieder mit Pogromen gerechnet werden kann. Differenziert wird dabei selten. Roma seien quasi naturgem\u00e4\u00df verwildert, verwahrlost, kriminell, aggressiv und unversch\u00e4mte Schmarotzer. Die real existierende Existenznot wird als Bettelmasche verniedlicht, die realen Lebensbedingungen in Mittel- und Osteuropa stets unterschlagen. Und historische Verantwortung? Nein, die muss man in Deutschland mit der Lupe suchen, wenn es um Roma und Sinti geht.<em> <\/em>Auch die Roma-Organisationen erweisen sich heute als wenig hilfreich; in der Praxis sind die Erfahrungen mit ihnen eher schlecht.<em> <\/em><\/p>\n<p>Die Verantwortlichen in der Bundesrepublik dr\u00fccken sich bequem um konstruktive L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge herum.<em> <\/em>Roma haben keine gro\u00dfe Lobby<em> <\/em>und hatten sie auch noch nie, wenn es hart auf hart kam.<em> \u201eR<\/em><em>assistisch Verfolgte sind keine Touristen &#8211; \u00dcbernehmt endlich Verantwortung f\u00fcr Sinti und Roma\u201c<\/em>, mahnten daher die Unterst\u00fctzer der Roma, die auf ihrer Suche nach Hilfe in der Not bei einer katholischen Gemeinde in der Kreuzberger Wrangelstra\u00dfe aufschlugen. Doch die beharrte darauf, dass sie vorab h\u00e4tte liebevoll um Hilfe gebeten werden m\u00fcssen. Die sie dann selbstverst\u00e4ndlich ausgeschlagen h\u00e4tte, wie man vermuten muss, denn die Gemeinden, die von den Unterst\u00fctzern bereits im Vorfeld angefragt worden waren, signalisierten alles Andere als christliche N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/keine-touristen.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1034 lazyload\" title=\"keine-touristen\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/keine-touristen-150x150.jpg\" alt=\"Keine Touristen\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/die-kirche-ist-geoeffnet.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1033 lazyload\" title=\"die-kirche-ist-geoeffnet\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/die-kirche-ist-geoeffnet-150x150.jpg\" alt=\"Die Kirche ist ge\u00f6ffnet\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/zur-freiheit-befreit.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1037 lazyload\" title=\"zur-freiheit-befreit\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/zur-freiheit-befreit-150x150.jpg\" alt=\"Zur Freiheit befreit (?)\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>\u201eZur Freiheit befreit\u201c<\/em> &#8211; dieser h\u00fcbsche Spruch entpuppt sich als Fake. Die Flyer auf den Kirchentischen l\u00fcgen sich so schamlos ins Papier wie das Grundgesetz der 60-j\u00e4hrigen Nation, wenn es in Artikel 3 behauptet: <em>\u201eNiemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi\u00f6sen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.\u201c <\/em>Die<em> <\/em>wenigen Gemeindemitglieder, die am 28. und 29. Mai den kurzen Weg in ihre Kirche fanden, best\u00e4rkten den ohnehin hasenf\u00fc\u00dfigen Pfarrer Polossek in seiner Haltung, ein menschliches Zeichen der Barmherzigkeit zu vermeiden. Manche wetterten so arg gegen die Roma, dass es schlussendlich keine andere M\u00f6glichkeit mehr geben konnte, als den Hort christlicher Abgr\u00fcnde zu verlassen. <em>\u201eIhr erf\u00fcllt alle Klischees, die man \u00fcber euch hat\u201c<\/em>, polterte Pfarrer Polossek gegen die Unterst\u00fctzer und ihren <em>\u201eunfreundlichen Akt\u201c<\/em>. Aber kann er darin wirklich sicher sein?<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t w\u00fcrde ihn sp\u00e4ter noch L\u00fcgen strafen &#8211; genauso wie sie es bei einer zunehmend aufgekratzten Katina Schubert vom Sozialsenat tun w\u00fcrde, die in einer unwirschen Minute br\u00fcllend aus der Diskussionsrunde im Gemeinderaum rannte: <em>\u201eMit euch kann man doch gar nicht reden! Ihr interessiert euch doch nur f\u00fcr euren Dreck!\u201c <\/em>Zuvor hatte sie bereits gezetert: <em>\u201eWenn ihr jetzt nicht aufh\u00f6rt, dann geht gar nichts!\u201c <\/em>Und damit<em> <\/em>war sie immerhin herzhafter gewesen als der \u201elinke\u201c Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler, der sich<em> <\/em>in sein Paragrafengef\u00e4ngnis zur\u00fcckzog und bei den Roma-Familien Stimmung gegen die Unterst\u00fctzer zu machen suchte: <em>\u201eSie sind schlecht beraten<\/em><em> von denen!\u201c<\/em><em> <\/em>Auf<em> <\/em>meinen Einwand hin, dass diese aber ja wohl die Einzigen seien, die sich \u00fcberhaupt k\u00fcmmern w\u00fcrden, verstummte er, ohne jedoch ger\u00fchrt zu sein.<\/p>\n<p>Seine Mutma\u00dfungen und faulen Angebote winselte Mildner-Spindler linientreu in jedes Mikrofon, das sich ihm bot. Und die Presse war sich ohnehin schon weitestgehend sicher darin, wer hier wen zu was gen\u00f6tigt hatte. Oliver Jarasch vom RBB &#8211; auch seine Hassparolen w\u00fcrden sp\u00e4ter L\u00fcgen gestraft werden &#8211; brachte es auf den hasserf\u00fcllten Punkt: <em><a title=\"AbendschauBlog - In Geiselhaft der Hausbesetzer\" href=\"http:\/\/blog.rbb-online.de\/roller\/abendschaublog\/entry\/in_geiselhaft_der_hausbesetzer\">\u201eIn Geiselhaft der Hausbesetzer\u201c<\/a><\/em>. Die einzige Person unterdes, die tats\u00e4chlich in eine Art Geiselhaft geriet, war eine \u201eJournalistin\u201c aus dem Hause Springer. Abgerichtet f\u00fcr Hassreportagen, nahm sie sich selbst zur Geisel &#8211; als Geisel der rei\u00dferischen Journaille. Und mit einigem Vergn\u00fcgen zischte sie auch noch w\u00e4hrend ihres frei gew\u00e4hlten Kirchenasyls: <em>\u201eIhr glaubt gar nicht, wie gern wir das machen!\u201c<\/em> Zuvor waren alle Versuche, sie von den &#8211; teilweise schlafenden &#8211; Roma, denen sie mit ihrer Handykamera nachstellte, fernzuhalten und sie aus der Kirche zu geleiten, fehlgeschlagen. \u00dcber den gesamten Tag hinweg musste sie begleitet werden, da sie sich standhaft weigerte, ihre Reportage in der Kirche abzubrechen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/springerjournaille.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1036 lazyload\" title=\"springerjournaille\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/springerjournaille-150x150.jpg\" alt=\"Springer-Journaille...\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/sankt-marien-liebfrauen.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1035 lazyload\" title=\"sankt-marien-liebfrauen\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/sankt-marien-liebfrauen-150x150.jpg\" alt=\"St. Marien Liebfrauen, Wrangelstra\u00dfe\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a><\/p>\n<p>Etwa 70 Unterst\u00fctzer &#8211; unter ihnen auffallend viele queere Personen, hatten sich im Kirchhof eingefunden und warteten dort auf ein g\u00f6ttliches oder wie auch immer geartetes Zeichen. Viele Stunden lang stand man umher und diskutierte, verhandelte und organisierte Verpflegung. Auch der Senat schickte \u201eUnterst\u00fctzung\u201c: Gegen\u00fcber der Kirche eine Hand voll Zivilpolizisten\u00a0 &#8211; in einem silbernen VW-Bus mit get\u00f6nten Fensterscheiben &#8211; die Situation stellvertretend f\u00fcr den Senat aussitzend. Der Staatsschutz ermittelt. Na danke. <em>\u201eWie im B\u00fcrgerkrieg\u201c<\/em>, so einer meiner Gef\u00e4hrten.<\/p>\n<p>Bei anbrechender Dunkelheit jedenfalls sprangen dann die Unterst\u00fctzer selbst wieder einmal in die klaffende L\u00fccke zwischen staatlicher und kirchlicher Ignoranz und gew\u00e4hrten den Roma-Familien Unterschlupf. In der beinahe gleichgeschalteten Presse wurde indes steif und fest behauptet, die Unterst\u00fctzer aus der autonomen linken Szene h\u00e4tten sich der Roma entledigt und Anderen das Problem &#8211; aus Jux und Dollerei nat\u00fcrlich &#8211; zugeschoben.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t interessierte bis zum heutigen Tage nicht. Und die Unterst\u00fctzer selbst &#8211; sie schwiegen und halfen weiter im Stillen: Spontan und selbstlos &#8211; aber das d\u00fcrfen die B\u00fcrger der Stadt Berlin nicht erfahren, damit sich ihr Bild von den Autonomen nicht zum Guten wendet. Aber auch B\u00fcrgerin <em>Sweet Mausi<\/em>, so nannte sie sich, half im Stillen: Sie brachte &#8211; wie auch andere mitf\u00fchlende Menschen &#8211; eine T\u00fcte voll Babynahrung und Hygieneartikel in die offene Etage des <a title=\"NewYorck im Bethanien\" href=\"http:\/\/www.newyorck.net\">NewYorck im Bethanien<\/a>. So sprang am Ende eines anstrengenden, frustrierenden Tages noch einmal ein menschlicher Funke \u00fcber im von sozialer K\u00e4lte und Vorurteilen zerr\u00fctteten Berlin. Und wenn die Unterst\u00fctzer nicht am Kummer \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse in unserer Stadt zerbrochen sind, dann k\u00fcmmern sie sich auch heute noch &#8211; tiefgreifend desillusioniert, aber immer noch von vollem Herzen.<\/p>\n<p><em>The Ostprinzessin<\/em><\/p>\n<p>(<a title=\"The Ostprinzessin\" href=\"http:\/\/www.ostprinzessin.de\">www.ostprinzessin.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Olympischen Spielen 1936 sollte Berlin \u201ezigeunerfrei\u201c sein, die Berliner Sinti und Roma wurden in das Zwangslager Marzahn deportiert, von wo aus die meisten nach Auschwitz in den Tod geschickt wurden. Zu den Feiern des 60-j\u00e4hrigen Bestehens Deutschlands im Jahr 2009 soll Berlin \u201ezigeunerfrei\u201c gehalten werden. 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