{"id":1803,"date":"2010-03-01T20:42:19","date_gmt":"2010-03-01T18:42:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1803"},"modified":"2010-03-01T20:42:19","modified_gmt":"2010-03-01T18:42:19","slug":"flasche-leer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1803","title":{"rendered":"Flasche leer?"},"content":{"rendered":"<p>8 oder 15 Cent \u2013 das ist hier die Frage<\/p>\n<p>Ein wirklich boomender Markt, das ist unserer. Die Konkurrenz w\u00e4chst von Monat zu Monat. Manche von uns \u00fcberlisten die neuen West-T\u00fcrschl\u00f6sser in den alten T\u00fcren der Ost-H\u00e4user mit einer einfachen Plastikkarte. Im Hof schauen wir dann in fast alle Tonnen: In die f\u00fcr Glas, die f\u00fcr Papier, in die Gelbe Tonne und in den Restm\u00fcll; den Biom\u00fcll lassen wir meist au\u00dfer Acht. Oft finden wir weder da noch dort etwas. Auch den M\u00fclleimern an der Stra\u00dfenecke widmen wir uns. Manche benutzen Taschenlampen, um hineinzuleuchten, denn dann brauchen wir nicht so sehr im zerrissenen Plastik, im zerkn\u00fcllten Papier, in den Essensresten und gebrauchten Taschent\u00fcchern herumzuw\u00fchlen. Mag eigentlich noch irgendjemand sein Ekelzeug in die \u00f6ffentlichen M\u00fclleimer werfen?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hat man es uns auf drei Kilometer Entfernung angesehen. Klar, auch heute noch sind einige von uns hinkende, alte Frauen in verlumpten Strickjacken oder Hauskitteln, Schuhen aus den 80ern und zerknautschtem Gesicht. Andere von uns tragen Jeans-Klamotten, Sportschuhe und Rucks\u00e4cke \u2013 von dieser Sorte gibt es immer mehr, von der anderen nie weniger. Manche Leute halten uns f\u00fcr B\u00fcroangestellte. Lustig, denn eigentlich arbeiten wir so autonom wie sonst kaum jemand. Ohne Aldi-, Lidl-, Penny- oder Plus-T\u00fcten wird man uns nur selten zu sehen bekommen; sie sind unsere Basisausstattung. Effizienz geh\u00f6rt zu den Grundregeln. Wer es zu gem\u00fctlich angeht, kann sich morgen Mittag den Fr\u00fchst\u00fcckskaffee nicht leisten oder zum n\u00e4chsten Ersten seine Schulden nicht bedienen. Und wer zwischendurch nach Hause geht, um zwischenzulagern, verliert wertvolle Zeit, in der die Anderen alles abgrasen.<\/p>\n<p>Seit ein paar Jahren stellen uns die Leute ihre leeren Flaschen gut sichtbar an den Gehwegrand. Immer mehr machen das so. F\u00fcr viele ist es ganz sicher die einzige soziale Tat des Tages. Die Jugendlichen haben damit angefangen. Sie denken noch unkomplizierter, ganz pragmatisch. Au\u00dferdem macht es einen guten Eindruck bei der Freundin. Mitunter ist es eine noble Pflicht. In den Gegenden der Stadt, wo viele Leute ausgehen, die neben ihrer unb\u00e4ndigen Feierlaune auch ein ungepf\u00e4ndetes Konto ihr Eigen nennen, gilt das ganz besonders: Im Prenzlauer Berg, im Friedrichshain, in Mitte \u2013 in Kreuzberg seltener.<\/p>\n<p>Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. In den sp\u00e4teren Abend- und Nachtstunden aber w\u00e4chst der Konsum und damit unsere Chance auf ein Auskommen. Wenn die Leute heiter nach Hause wanken, dann beginnt f\u00fcr uns die Arbeitszeit. Wir arbeiten \u00fcberall in der Stadt und wir sind un\u00fcberh\u00f6rbar. Klar, das Klirren der Flaschen besch\u00e4mt. Doch es ist kein Spa\u00dfartikel, man kann es nicht abstellen.<\/p>\n<p>Beim Sammeln sind wir flink. \u00dcberhaupt geht alles rasant: Nach und nach fallen bei den meisten von uns die Charmegrenzen \u2013 Stufe f\u00fcr Stufe. Es ist kaum m\u00f6glich, die Flaschen schnell einzustecken, denn erst einmal m\u00fcssen wir den restlichen Fusel aussch\u00fctten, denn sonst wird das Ganze zu einer noch weitaus klebrigeren Angelegenheit als ohnehin schon: In k\u00fcrzester Zeit sind Taschen, Kleider und Haut alkoholdurchtr\u00e4nkt. Und das f\u00e4llt dann noch mehr auf.<\/p>\n<p>Einige von uns beh\u00e4ngen ihr Fahrrad mit T\u00fcten, in denen t\u00e4glich hunderte Flaschen ihrer Erl\u00f6sung in den Sammelautomaten der Discounter harren. Dort geschieht es relativ anonym. Auch untereinander bleiben wir lieber anonym, obgleich wir uns fortw\u00e4hrend begegnen und bereits nach wenigen Tagen wissen, wer wann und wo seine Strecke l\u00e4uft. Wir fixieren einander nicht. Genausowenig schauen wir den Leuten auf der Stra\u00dfe ins Gesicht. Wir handeln zielstrebig.<\/p>\n<p>Im Dunkeln k\u00f6nnen wir nicht erkennen, ob vielleicht Hunde an die Flaschen gepinkelt haben \u2013 oder auch Menschen. Und nicht alle von uns greifen in die M\u00fcllk\u00fcbel am Stra\u00dfeneck hinein, aber die meisten schon, denn auf dem Trottoir finden sich einfach immer noch nicht gen\u00fcgend Flaschen. Gen\u00fcgsamkeit, ja das ist ohnehin ein relativer Begriff. Das Pfandflaschensammeln wird zum Fieber und nicht alle von uns machen es aus blanker Not heraus. Gerade f\u00fcr die Autodidakten unter den Raffgeiern ist diese T\u00e4tigkeit wie geschaffen. Nat\u00fcrlich muss man sein moralisches Empfinden abstreifen, um Anderen die Flaschen vor der Nase wegzuschnappen. Doch oft genug sind die \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend.<\/p>\n<p>Alle kennen uns. Abwertende Blicke werden seltener \u2013 besch\u00e4mt schauen allerdings auch nur noch die Wenigsten. Wir sind eine der gro\u00dfen sichtbaren Gruppen der Unsichtbaren. Auffallen wollen wir alle nicht und das ist den Anderen wohl auch ganz recht so. Schweigen im Walde.<\/p>\n<p><em>Ostprinzessin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8 oder 15 Cent \u2013 das ist hier die Frage Ein wirklich boomender Markt, das ist unserer. Die Konkurrenz w\u00e4chst von Monat zu Monat. 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