{"id":1877,"date":"2009-05-09T23:55:50","date_gmt":"2009-05-09T21:55:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1877"},"modified":"2020-12-07T00:21:00","modified_gmt":"2020-12-06T22:21:00","slug":"tagebuch-einer-verdraengung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1877","title":{"rendered":"Tagebuch einer Verdr\u00e4ngung"},"content":{"rendered":"<p><em>Das letzte Haus in der Sophienstra\u00dfe in Berlin Mitte wird nun auch luxussaniert. Und was passiert mit den Mietern?<\/em><\/p>\n<p>Tagebuch einer Verdr\u00e4ngung<\/p>\n<p>Obwohl dieses Ereignis irgendwann kommen musste, war es dann doch ein Schock. Der Brief, der mir mitteilte, mein Haus ist verkauft! An die Prime Development Residential GmbH mit dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Yves Jachimowicz, gesch\u00e4ftsans\u00e4ssig am Savignyplatz.<\/p>\n<p>Nun durfte also auch ich die Bekanntschaft mit einem der ganz gro\u00dfen Immobilienfonds machen, einer der bereits bei Mediaspree das MTV Geb\u00e4ude sanierte und noch so viele andere Objekte aufgewertet hatte. Kurz musste ich mich auf meine Mieterrechte besinnen, \u201eKauf bricht Mietvertrag nicht\u201c, um nicht in Panik zu verfallen. Aber gaben die Mieterrechte wirklich noch so viel Schutz, dass ich mich gegen die allgegenw\u00e4rtige Macht der Immobilienhaie wirklich wehren k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Die Hausverwaltung \u201eSch\u00f6n und Sever\u201c teilte mir im selben Brief mit, dass sie vom Eigent\u00fcmer beauftragt sind und uns demn\u00e4chst besuchen kommen m\u00f6chten und sich sehr freuen w\u00fcrden, wenn wir sie in unseren Wohnungen empfangen w\u00fcrden. Ich w\u00fcsste nicht, warum ich mich \u00fcber einen Besuch freuen sollte und also beschloss ich, an diesem Abend nicht da zu sein.<\/p>\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter traf ich Frau Sonnenschein, eine Nachbarin, vor dem Haus. Sie wohnt seit Ende der 60er Jahre hier und hat ohne Zweifel die l\u00e4ngsten Rechte an diesem Haus.<\/p>\n<p>\u201eNa, sch\u00f6ne Schei\u00dfe, was sagst de?\u201c<br \/>\n\u201eIch, gar nichts, bin nicht da, wenn er kommt, hab kein Gespr\u00e4chsbedarf.\u201c<br \/>\n\u201eOh man, das kannste doch nicht machen.\u201c<br \/>\n\u201eSoll ich da sein?\u201c<br \/>\n\u201eJa, klar.\u201c<br \/>\n\u201eNa dann komm ich zu dir runter, dann warten wir gemeinsam.\u201c<br \/>\n\u201eJa, komm mal runter, warten wir vor der T\u00fcr auf ihn.\u201c<\/p>\n<p>Einen Tag vor dem angek\u00fcndigten Besuch dachte ich so bei mir, vielleicht haben wir alle dies Gef\u00fchl von \u201eOh Gott, was wird jetzt\u201c, so zwischen Neugier und Angst, und w\u00fcrden alle gern gemeinsam vor der T\u00fcr warten. Also schrieb ich ein Plakat:<\/p>\n<p>WIR ERWARTEN DEN VERTRETER<br \/>\nUNSERES EIGENT\u00dcMERS HEUTE<br \/>\nGEMEINSAM VOR DER T\u00dcR:<br \/>\nWER AUCH NICHT ALLEINE BLEIBEN WILL &#8230;<br \/>\nAU\u00dfERDEM: TIPPS<br \/>\nWIE BEHALTE ICH MEINE WOHNUNG<\/p>\n<p>und machte das Plakat noch nachts an der Haust\u00fcr an, mit Aufklebern vom Mietenstoppb\u00fcndnis \u201eSteigende Mieten stoppen\u201c.<\/p>\n<p>Am Abend dann, vor der T\u00fcr. Wusste gar nicht, dass wir so viele Mieter mit unbefristeten Mietvertr\u00e4gen sind. Die Studentin mit ihrem Freund aus Kolumbien war mir nie aufgefallen, obwohl sie auch schon seit 3 Jahren hier wohnen. In der letzten Zeit hatte die Erbengemeinschaft Zeitvertr\u00e4ge an WGs vergeben, darum gab es ein st\u00e4ndiges Kommen und Gehen. Eine Amerikanerin sagte mal zu mir, als ich bei ihr Kaffee trank, \u201e&#8230; da dr\u00fcben in der F\u00fcnfundzwanzigsten, ach nee, wir sind hier ja Berlin &#8230;\u201c. Damals dachte ich, oauh Metropole, find ich gut &#8230;<\/p>\n<p>Ja, jetzt standen wir gemeinsam vor der T\u00fcr. Man tauschte Infos und war \u00fcberrascht, wie lange man schon in einem Haus wohnte und doch so wenig voneinander wusste. Das also hatte der neue Eigent\u00fcmer schon erreicht, wir lernten uns kennen &#8230;<\/p>\n<p>Nach \u00fcber einer Stunde, jemand wollte gerade Bier runter holen, fragten wir uns, ob der neue Hausverwalter nicht l\u00e4ngst an uns vorbei gegangen sei, weil wir als offensichtlich laute Hausbewohnerschaft hier gemeinsam vor der T\u00fcr auf ihn warteten? Aber gerade, als wir uns immer weiter in unsere scheinbar abschreckende Wirkung hineinredeten und fast glaubten, die Luxussanierung schon verhindert zu haben, stand er pl\u00f6tzlich freundlich und offen vor uns. \u201eGuten Tag, ich bin Herr Sever, sie warten schon auf mich?\u201c Sprachlosigkeit machte sich breit. So freundlich &#8230;, kann der B\u00f6ses im Schilde f\u00fchren?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst bittet er uns, doch gemeinsam auf den Hof zu gehen und bedankt sich, dass er nun alles nur einmal erz\u00e4hlen braucht. Wir waren gespannt. Ja, hier wird alles saniert, ist aber auch n\u00f6tig. Schwamm im ersten Hinterhaus, das seit \u00fcber 20 Jahren leer steht. Marmorb\u00e4der, Eigentumswohnungen, alles chic und teuer.<\/p>\n<p>\u201eAber wir wollen hier wohnen bleiben und wir k\u00f6nnen uns das nicht leisten, hallo soziale H\u00e4rte nach \u00a7144 BGB?\u201c<br \/>\n\u201eJa, wir helfen Ihnen auch gern bei der Wohnungssuche. Die Sanierung wird eine riesige Baustelle.\u201c<br \/>\n\u201eMit welchem Recht wollen Sie uns hier rausschmei\u00dfen?\u201c<br \/>\n\u201eAber Sie sehen doch selbst, hier muss was gemacht werden.\u201c<br \/>\n\u201eJa, aber kann das nicht so saniert werden, dass wir uns das auch leisten k\u00f6nnen? K\u00f6nnen Sie nicht einfach nur instandsetzen und reparieren? Ach ja, die Haust\u00fcrklinke ist ab.\u201c<br \/>\n\u201eJa, die Haust\u00fcrklinke, da k\u00fcmmere ich mich. Aber Sie k\u00f6nnen dem neuen Eigent\u00fcmer wirklich nicht zumuten, die Sanierung aus der eigenen Tasche zu finanzieren.\u201c<\/p>\n<p>Mein Mitgef\u00fchl h\u00e4lt sich in Grenzen, er hat das Haus f\u00fcr 3 Mio Euro erworben, d. h. er spekuliert auf eine Miete, die mindestens 3 mal so hoch ist wie unsere derzeit. Das letzte Haus in der Sophienstra\u00dfe wird luxussaniert. Wird unsere Verdr\u00e4ngung aufzuhalten sein, oder geh\u00f6ren wir hier einfach nicht mehr her? Die n\u00e4chsten Wochen werden es zeigen. Auch eine Chance, noch einmal Revue passieren zu lassen, wie wir hier vor der Wende lebten, welche Geschichte in den Mauern steckt und zum Teil noch abzulesen ist, wie wir dann nach dem Mauerfall eine B\u00fcrgerinitiative gr\u00fcndeten, den weiteren Abriss verhinderten, den Fl\u00e4chendenkmalschutz noch durchsetzten, nachdem dann gleich der Westen mit all seiner behutsamen Stadterneuerung, Steuerabschreibungen und st\u00e4dtebaulichen Instrumenten \u00fcber uns kam.<\/p>\n<p>20 Jahre sp\u00e4ter, die Bankenkrise erm\u00f6glicht fast nur noch den Immobilienfonds sichere Anlagen, kommen auch wir in das Getriebe von Verwertung und Aufwertung, Spekulation mit H\u00e4usern und Verdr\u00e4ngung der Mieter. Man will es nicht glauben, wenn es einen selber trifft. Das kann doch einfach nicht sein. Meine Wohnung, mein verl\u00e4ngertes Wohlf\u00fchlnest mit so viel Geschichte in vier W\u00e4nden, die niemals zwischen zwei Buchr\u00fccken passen w\u00fcrde. Kann es wirklich sein, dass eine einzige Unterschrift unter einen Kaufvertrag all das in Frage stellt?<\/p>\n<p>Gibt es wirklich keine Chance f\u00fcr uns? Aufwertung, Verwertung, Gewinn gegen das Recht der Mieter! Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das letzte Haus in der Sophienstra\u00dfe in Berlin Mitte wird nun auch luxussaniert. Und was passiert mit den Mietern? Tagebuch einer Verdr\u00e4ngung Obwohl dieses Ereignis irgendwann kommen musste, war es dann doch ein Schock. Der Brief, der mir mitteilte, mein Haus ist verkauft! 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