{"id":1923,"date":"2010-07-09T17:55:03","date_gmt":"2010-07-09T15:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1923"},"modified":"2013-05-03T20:57:03","modified_gmt":"2013-05-03T18:57:03","slug":"denn-wir-sind-jetzt-wieder-wer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=1923","title":{"rendered":"Denn wir sind wieder wer"},"content":{"rendered":"<p>Weshalb der Typ im Unisex-WC des Musikclubs meinen Urin trank &#8211; pl\u00f6tzlich und unvermittelt, aus der Pinkelrinne heraus, das kann ich nicht genau erkl\u00e4ren, dazu befragt habe ich ihn n\u00e4mlich nicht. Denn schlie\u00dflich leben wir ja in einer von Anonymisierung durchsetzten Wirklichkeit, in der uns die Begehren der Mitmenschen fern und versteckt erscheinen, so sie sich nicht &#8211; offen zur Schau getragen &#8211; unserer Wahrnehmung aufdr\u00e4ngen. <em>Verroht<\/em> werden es die einen nennen, <em>sinnenfreudig<\/em> die anderen. Mir hingegen fehlen daf\u00fcr schlicht die Worte; \u00fcber eines jedoch bleibe ich mir im Klaren: Eine echte Schamlosigkeit ist mir genauso lieb wie eine echte Scham.<\/p>\n<p>En vogue ist derweil eine neue Biederkeit, die an Realit\u00e4ten der 50er Jahre erinnert, w\u00e4hrend zu gleicher Zeit eine sich fortsetzende Verrohung der Sitten aufbl\u00fcht. Beides l\u00e4sst sich gut an der Entwicklung der Musikszene ablesen und dort insbesondere am von strikt marktorientierten Akteuren beherrschten Business: Im popul\u00e4rkulturellen Segment steht zur Schau getragene Softsex-Attit\u00fcde hoch im Kurs, welche &#8211; mit scheinbar provokanten Gesten gepaart -, einen gewissen Anspruch auf gesellschaftliche Unangepasstheit beweisen soll, dem sie freilich an keiner Stelle tats\u00e4chlich entspricht. Dem Konsument bietet sie jedoch die Reflexionsfl\u00e4che f\u00fcr sein Bed\u00fcrfnis nach Ausbruch, Wildheit und Ekstase. Wo bereits Madonna schnell an die Grenzen ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit geriet, dort beginnt die Welt der Lady Gaga, in der sich die sinnliche Beliebigkeit der zu Humankapital transformierten Menschheit derzeit wohl am umfassendsten widerspiegelt:\u00a0 Ihre Accessoires wirken mitunter wie computergenierte Verlegenheitsl\u00f6sungen, zusammengest\u00f6pselt aus einem unersch\u00f6pflichen Pool an Pers\u00f6nlichkeitsausweisen, w\u00e4hrend sich hinter der lauten Sichtbarkeit ihres Tuns nicht viel mehr als ein umfassendes Sinn- und Gef\u00fchlsvakuum auftut.<\/p>\n<p>Und auch in der sogenannten Indieszene stehen Revoluzzerposen anstelle inhaltlicher Streitfragen, generieren sich einzig und allein zum Zwecke des vermarktungsf\u00f6rdernden Moments, verbreiten sich als Mode ohne gesellschaftsrelevante Botschaft und bleiben somit Selbstzweck. Im Gegensatz zu fr\u00fchem Punk oder der weithin gef\u00fcrchteten Rocker-Mode fehlt heutzutage den von musikkulturellen Szenen gepr\u00e4gten Mode-Statements der Thrill. Vielleicht ist tats\u00e4chlich der <em>Manga<\/em>-Style des viel geschm\u00e4hten <em>Tokio Hotel<\/em>-S\u00e4ngers Bill Kaulitz noch die gewagteste Inszenierung, weil der Zeichentrick in seiner Fleisch gewordenen Verk\u00f6rperung immerhin mit alten Sehgewohnheiten bricht. Denn geschlechtliche Uneindeutigkeiten f\u00fchren nach wie vor zielsicher zu Ansto\u00df erregender Verwirrung. Jede Transe kann davon ein Lied singen. Selbst in Berlin-Mittes Torstra\u00dfenviertel, das sich im Angesicht seiner urbanen Versprechen auch bei Touristen und Zugezogenen gro\u00dfer Beliebtheit erfreut, kann man keine zwei Ecken weit gehen, ohne angep\u00f6belt oder l\u00e4cherlich gemacht zu werden.<\/p>\n<p><!-- \t\t@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } --> <!-- \t\t@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } --> <!-- \t\t@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } -->Es k\u00f6nnte wom\u00f6glich der Schluss naheliegen, dass die eigentliche Provokation in der Besinnung auf \u201ewahre Werte\u201c l\u00e4ge. Doch geistern besagte Werte ohnehin als Untote durch das system-generierte Netzwerk namens Gesellschaft: Allenthalben finden sich W\u00fcnsche und Bilder aus l\u00e4ngst vergangen geglaubten Zeiten ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Entsprechend bieder fallen nicht nur die \u201eKunstwerke\u201c, Musik- und Videoproduktionen etablierter Stars aus, sondern auch die des Nachwuchses: Zwar im Cyberlook inszeniert und \u00fcber <em>iPhone<\/em>, <em>iPad<\/em>, <em>Facebook<\/em> und <em>Twitter<\/em> permanent mit der Umwelt verbunden und scheinbar in regem Austausch stehend, verharren die pers\u00f6nlichen Werte an der Schamgrenze der 50er. M\u00e4dchen tragen ihr Haar lang, Jungs kurz, und der Wunsch nach dem Kleinfamilienidyll als \u201edie wahre Lebensperspektive\u201c n\u00e4hrt sich aus dem Erlebnis der m\u00e4\u00dfig wilden Jahren der Jugend, das im Einklang mit der Entfremdung\u00a0 des gesellschaftlichen Ichs steht. Gleichzeitig pr\u00e4sentieren sich <em>User<\/em> in vielen Internetkontaktforen in\u00a0 sexuellen Posen, mit verrohtem Sprachgebrauch und abgestumpfter Sinnlichkeit.<\/p>\n<p><!-- \t\t@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } -->Eine Perspektive auf nahezu vollst\u00e4ndige Integration haben daher die neuen Schwulen zwischen 14 und 49. F\u00fcr nicht viel mehr als einen Tag im Jahr in aller sich im Einzelfall schnell als Einfalt herauskristallisierenden Vielfalt \u00f6ffentlich sichtbar, passen sich die Tr\u00e4ume der meisten schwulen M\u00e4nner an den 364 anderen Tagen im Jahr erst recht an die ihrer nicht-homosexuellen Konsumgenossen an. Wen w\u00fcrde es da also noch wundern, wenn die sog. Homo-Ehe unter schwarzer F\u00fchrung eingef\u00fchrt w\u00fcrde. Die neuen Schwulen haben sich l\u00e4ngst assimiliert und nur wenige, so scheint es, haben dar\u00fcber vorher umfassend nachgedacht. Das allgemeine Mitl\u00e4ufertum ist mittlerweile unter Schwulen mindestens so verbreitet wie in der Restbev\u00f6lkerung. Der sexuelle Selbstverwirklichungswahn wird zwar von vielen homosexuellen M\u00e4nnern immer noch besser beherrscht als von heterosexuellen Zeitgenossen, doch im Allgemeinen k\u00f6nnen Schwule heute nichts besser als jene. Dies zeigte sich auch j\u00fcngst bei den Veranstaltern des Christopher Street Day (CSD), die auf Vorw\u00fcrfe der Miterfinderin der Gender-Debatte, Judith Butler, den strukturellen Rassismus weitestgehend zu ignorieren, Kriegseins\u00e4tze zu verherrlichen und all zu sehr in die Kommerzialisierung abgerutscht zu sein, nicht nur sichtlich beleidigt, sondern &#8211; eine opulente Kleingeistigkeit offenbarend &#8211; dem Beifall klatschenden Teil des Publikums reflexartig entgegenhielten: \u201eEhrlich gesagt: Ihr seid hier nicht die Mehrheit!\u201c Die Mehrheit n\u00e4mlich hatte es mit ihrem Assimilierungswillen so ernst genommen, dass sie den CSD vom traditionellen Datum (26. Juni) aus Gr\u00fcnden der Staatsr\u00e4son auf den 19. Juni vorverlegte: Ein Kniefall vor K\u00f6nig Fu\u00dfball. Dementsprechend waren neben den F\u00e4hnchen in Regenbogenfarben diesmal noch mehr schwarz-rot-gelbe Lappen zu sehen als in den Vorjahren.<\/p>\n<p><!-- \t\t@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } -->Doch funktioniert der Eifer des Fu\u00dfballsports vor Allem auch als Durchlauferhitzer f\u00fcr Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchle;\u00a0 einmal mehr ist es das Mitl\u00e4ufertum, das den ohnehin latenten Drang zur Nationalisierung immer gef\u00e4hrlicher werden l\u00e4sst. Und so m\u00fcssen dagegen immunisierte Mitmenschen die bieder-ekstatische Heiterkeit der sich offenbarenden, patriotischen Gl\u00fccksgef\u00fchle mit Fassung tragen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, einer Anklage wegen Beleidigung staatlicher Hoheitszeichen ins Auge zu sehen. An den Fahnenmast mit vergoldeter Spitze, den mein Nachbar vor ein paar Tagen vor seinem Fenster f\u00fcnf Meter hoch in den deutschen Himmel baute, werde ich mich also gew\u00f6hnen m\u00fcssen &#8211; oder eben auch nicht. Und als vor mir ein sich als \u201erichtiger Deutscher&#8220; bezeichnender Jugendlicher mit wehender schwarz-rot-gelber Fahne \u00fcber der Schulter in einen prenzlbergischen Baumarkt hineinlief und dort Eltern und Bruder seine hervorragende Idee &#8211; \u201eWenn wir Weltmeister werden, lauf ich &#8217;n ganzes Jahr \u00fcberall als Deutscher\u201c &#8211; wissen lie\u00df, wuchs bei mir die Hoffnung auf den Endsieg der spanischen Mannschaft exponentiell; et voil\u00e0&#8230;<\/p>\n<p>Zwischen den sp\u00e4ten 60ern und 1990 war es im Westen, im Norden und auch im S\u00fcden der Bundesrepublik Deutschland mitunter verp\u00f6nt, nationale Symbole zu tragen, zu verbreiten oder sie sich gar ins Gesicht zu malen; nur Altnazis, Neonazis und rechtsgerichtete B\u00fcrgerliche hissten die deutsche Fahne. Und im Osten kannte man solche Bilder von inszenierten Aufm\u00e4rschen. Offenbar ist das alles in Vergessenheit geraten. Seit der Einverleibung der DDR durch die BRD sind \u201ewir\u201c ja wieder wer. Und schon war es aus mit der fr\u00fcheren Nachdenklichkeit &#8211; lang hatte sie nicht gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p><em>Ostprinzessin<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/nachbars_fahne.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1932 lazyload\" title=\"nachbars_fahne\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/nachbars_fahne.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"1073\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 550px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 550\/1073;\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Mitmachen, Ignorieren oder eine Axt zur Hand nehmen?<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weshalb der Typ im Unisex-WC des Musikclubs meinen Urin trank &#8211; pl\u00f6tzlich und unvermittelt, aus der Pinkelrinne heraus, das kann ich nicht genau erkl\u00e4ren, dazu befragt habe ich ihn n\u00e4mlich nicht. 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