{"id":2022,"date":"2010-08-10T01:18:00","date_gmt":"2010-08-09T23:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2022"},"modified":"2013-07-08T19:29:09","modified_gmt":"2013-07-08T17:29:09","slug":"urbane-einsamkeitsraeume-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2022","title":{"rendered":"Urbane Einsamkeitsr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p><em>Stadtsoziologin Karin Baumert befragt Daniel Sebastian Schaub zu seinem Erleben urbaner Einsamkeitsr\u00e4ume und zu seinen Fotografien der Nachkriegsmoderne.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Sind Deine Ausfl\u00fcge in die Stadt spontan oder geplant?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Meine Ausfl\u00fcge sind sehr spontan \u2013 Spontanit\u00e4t ist eine Vorbedingung, die zum Gelingen einer Begegnung mit einem Ort oder einem Geb\u00e4ude f\u00fchrt. Durch spontane Handlung kann ich aus meiner strengen Selbstregulierung und meiner zwanghaften Enge ausbrechen. In der Folge entsteht die notwendige Offenheit und Unvoreingenommenheit, die \u00fcberhaupt erst ein Erkennen von Zust\u00e4nden au\u00dferhalb des Selbst erm\u00f6glicht. Ich gebe mir also meist eine grobe Fahrtrichtung vor oder suche mir einen Ort aus, an den ich gerne fahren w\u00fcrde. Ein paar Minuten sp\u00e4ter bin ich dann schon auf der Stra\u00dfe. Alles geschieht rasend schnell. Im Laufe der Zeit wurde es f\u00fcr mich immer komplizierter, die Spontanit\u00e4t aufrecht zu erhalten. Mittlerweile hat sich f\u00fcr mich ein breites Spektrum an Orten und Geb\u00e4uden ergeben. Es gibt unz\u00e4hlige Orte in dieser Stadt, die sich au\u00dferhalb einer funktionierenden gesellschaftlichen Struktur befinden, oder Geb\u00e4ude, die massive Prozesse der Entwertung und der Zerr\u00fcttung durchlaufen haben. Ich begegne diesen Orten zwar stets mit den gleichen Motivationen \u2013 ich konfrontiere mich mit dem Defizit\u00e4ren, dem Wertlosen, dem Unsch\u00f6nen, der Deformation, der Ausgrenzung und dem Ver\u00e4chtlichen. Dennoch weist jeder dieser R\u00e4ume eine eigene Identit\u00e4t auf, die zu v\u00f6llig unterschiedlichen Erscheinungen f\u00fchrt. Mit dem Zuwachs an mir bekannten Orten stellen sich mir Fragen der eigenen Verwaltung dessen. Die Ansammlung von Orten auf Zetteln, die mich an die Existenz der Orte erinnern sollen, kann durchaus st\u00f6rend wirken und jegliche Spontanit\u00e4t ersticken.<\/p>\n<p><strong><em>Wann hast Du Dich das erste Mal in Deinem Leben in \u201eEinsamkeitsr\u00e4ume\u201c verliebt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das erste Mal habe ich mich in Einsamkeitsr\u00e4ume verliebt, als ich in gro\u00dfer Not war und \u00fcberhaupt keinen Weg mehr in die Gesellschaft sah \u2013 ich f\u00fchlte mich leblos und isoliert. Die leeren Orte und Geb\u00e4ude haben mich f\u00f6rmlich angezogen \u2013 wir sind uns einfach begegnet! Relativ schnell wurde mir bewusst, dass diese zerr\u00fctteten R\u00e4ume Bruchstellen in einem engen Gesellschaftsgef\u00fcge darstellen. An diesen Orten sp\u00fcrte ich ganz viel Platz und Raum, eben weil sie keinen vorgegebenen Funktionen mehr unterliegen \u2013 Verwertung und Illusion, Menschen und Werbung, Licht und Glanz sind abwesend. Diese Orte wurden f\u00fcr mich zum Beleg, dass das politische Streben nach Wachstum l\u00e4ngst zu einem Phantom geworden ist und es zahlreiche Stellen in dieser Gesellschaft gibt, die mit einer ganz anderen Logik besetzt sind. Gerade weil an diesen Orten herk\u00f6mmliche Strukturen abwesend sind, kann ich dort anwesend sein. Allerdings verweile ich nicht in diesen R\u00e4umen, sondern nehme ihre Logik in mich auf und versuche damit einen gesellschaftlichen Raum zu entwickeln, in dem ich anwesend bleiben kann. Mittlerweile habe ich das Gef\u00fchl, immer mehr und gleichzeitig immer weniger in einer Gesellschaft leben zu k\u00f6nnen. Diese gegenl\u00e4ufigen Tendenzen gehen einfach miteinander einher und regeln meine Anwesenheit.<\/p>\n<p><strong><em>Wie kehrst Du von Deinen Exkursionen zur\u00fcck?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich kehre voller Lebendigkeit und Leichtigkeit zur\u00fcck. Die erlebbaren Identifikations- und Entfaltungsm\u00f6glichkeiten an diesen Orten beruhigen mich, ohne mich zu bes\u00e4nftigen oder zu s\u00e4ttigen. Durch diese Orte und Geb\u00e4ude kann ich meine Not in nutzbares Handlungspotential verwandeln. In der Folge verschwindet meine Not zwar nicht, aber es wird m\u00f6glich, mit ihr in Austausch zu treten und mit ihr zu handeln. Meine Fotografien verdeutlichen zum Einen, wie ich diese gesellschaftlichen R\u00e4ume sehe und zum Anderen kann ich durch diese eine gesellschaftliche Position gestalten, die es mir gestattet, meiner eigenen Anwesenheit Raum zu geben und mit mir selbst in Austausch zu treten.<\/p>\n<p><strong><em>Hast Du eine Lieblingstageszeit, ein bevorzugtes Wetter, eine bestimmte Jahreszeit?<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Erstmal gibt es keine Beschr\u00e4nkungen. Ich gehe zu allen Tages- und Nachtzeiten an leere Orte, sofern ich ein Bed\u00fcrfnis danach habe. Manche Orte besuche ich nur in der Nacht. IDann laufe ich im Dunkeln \u00fcber abger\u00e4umte Fl\u00e4chen und kann keinen Unterschied mehr zwischen mir und meiner Umgebung feststellen. In so einem Moment f\u00fchle ich mich vollst\u00e4ndig. Die meisten Orte und Geb\u00e4ude besuche ich allerdings am Tage, da ich sie meist \u2013 aber nicht immer \u2013 fotografiere und dazu gen\u00fcgend Licht ben\u00f6tige. Dennoch ist es so, dass ich mich sehr stark auf die \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten einlasse. Dass sich die \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten \u2013 die Erscheinung der Orte, das Wetter, die Jahreszeit \u2013 st\u00e4ndig ver\u00e4ndern, ist f\u00fcr mich sehr hilfreich, weil ich dadurch den Ort in seiner Verschiedenheit erleben kann. So kann die Begegnung mit einem Raum jedes Mal etwas vollkommen Neues bedeuten. Es entstehen keine Routinem\u00e4\u00dfigkeiten, ich kann mich nicht einrichten und halte in der Konsequenz meine Aufmerksamkeit aufrecht.<\/p>\n<p><strong><em>Wie findest Du das Detail?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Detail finde ich auf der Grundlage meiner Pers\u00f6nlichkeitsstruktur. F\u00fcr mich gibt es erstmal keine Grenzen zwischen mir und jemand oder etwas Anderem \u2013 bei jeder Begegnung erlebe ich dies aufs Neue! Demzufolge reduziere ich mein Gegen\u00fcber auf etwas Essentielles, um mir Orientierung und Klarheit zu verschaffen. Die Begegnung mit einem Geb\u00e4ude oder einem gesellschaftlichen Zustand ist f\u00fcr mich einfacher als die Begegnung mit einem Menschen. Denn ein Geb\u00e4ude vermittelt einen abstrakten und umfassenden Gesellschaftszustand, den ich durch meine eigene Erfahrungswelt entschl\u00fcsseln kann. Ich gehe also sehr nah an ein Geb\u00e4ude heran und fixiere mich auf einzelne Elemente oder ganze Einheiten. Nat\u00fcrlich spielt auch der Blick durch die Kamera eine Rolle, da sich darin die Welt immer in reduzierter und konzentrierter Form zeigt. Die Fixierung auf Fl\u00e4chen und die Verwandlung der Geb\u00e4ude sind ein enormer Konzentrationsakt, der mich an die R\u00e4nder meiner Kraft und des Machbaren treibt, was mir letztlich meine tats\u00e4chliche Anwesenheit belegt.<\/p>\n<p><strong><em>Wie lange verweilst Du an den Orten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich verweile nie, ich bin dort die ganze Zeit am Handeln und wenn es f\u00fcr mich dort nichts mehr zu tun gibt, dann gehe ich! Die Orte und Geb\u00e4ude sind f\u00fcr mich Projektionsr\u00e4ume \u2013 ihr Zustand ist mein Zustand. Wir unterscheiden uns nur in der Konsequenz \u2013 sie werden unsichtbarer und ich sichtbarer, sie verfallen und ich formiere mich. Ich akzeptiere das, denn ich verinnerliche ihre Seinsweise und erschaffe durch und mit diesen R\u00e4umen neue Gegenst\u00e4ndlichkeiten. Diese Gegenst\u00e4ndlichkeiten bilden die Grundlage f\u00fcr den Entwurf neuer gesellschaftlicher R\u00e4ume. Ich erlebe es als Bedrohung und als Gl\u00fcck zugleich, strukturell keine alternative Handlungsweise erstellen zu k\u00f6nnen, in der ich leben k\u00f6nnte, als die, in der ich mit mir verfahre.<\/p>\n<p><strong><em>Wann begegnet Dir das korrespondierende theoretische Moment?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das korrespondierende theoretische Moment ist permanent anwesend. Es f\u00fchrt mich zu diesen Orten und Geb\u00e4uden hin, es wartet dort schon auf mich und ich nehme immer etwas davon in mich auf. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, selbst mehr ein theoretisches Moment zu sein als ein Mensch. Aber nat\u00fcrlich gibt es auch konkrete Momente, in denen mir die Wirkung der Stadt- und Geb\u00e4udestruktur der Moderne besonders bewusst wird. Meist dann, wenn ich von der einen in die andere Stadtstruktur \u00fcbergehe. Kehre ich z. B. in die gr\u00fcnderzeitliche Blockrandbebauung zur\u00fcck, dann verdunkelt sich f\u00fcr mich quasi der Himmel. Ich sp\u00fcre ganz konkret, wie sich der verf\u00fcgbare \u00f6ffentliche Raum reduziert und dass dies mit geistiger Beschr\u00e4nkung, Enge und Mangel an Optionen einhergeht. Daran kann ich auch immer wieder feststellen, dass der Entwurf einer Stadtstruktur Ausdruck eines Gesellschaftsentwurfs ist. Daraus folgt f\u00fcr mich, dass eine jeweils angemessene Betrachtung und Bewertung von Stadt und Geb\u00e4uden nur Sinn macht, wenn neben dem aktuellen Zustand und dem zeitlichen Verlauf auch die gesellschaftliche Idee, die zum Entwurf dieser R\u00e4ume f\u00fchrte, Ber\u00fccksichtigung findet. Gerade dann, wenn ich unmittelbar vor den Geb\u00e4uden der Nachkriegsmoderne stehe und ihre Logik auf mich wirken lasse, entpuppt sich eine ganze Denkwelt, die dort nach wie vor anwesend ist und sich sogar in der Zeit fortentwickelt hat.<\/p>\n<p><strong><em>Kannst Du in einem Satz zusammenfassen, was f\u00fcr Dich \u201edie Moderne\u201c ist?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Moderne ist eine gesellschaftliche Konzeption, die dem Menschen in vielerlei Hinsicht Raum und Platz in der \u00d6ffentlichkeit gestattet \u2013 eine gesellschaftliche Idee, die allerdings unter der Dominanz b\u00fcrgerlicher Tradition kaum erkennbar bleiben wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.transformationsfelder.de\">http:\/\/blog.transformationsfelder.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stadtsoziologin Karin Baumert befragt Daniel Sebastian Schaub zu seinem Erleben urbaner Einsamkeitsr\u00e4ume und zu seinen Fotografien der Nachkriegsmoderne. 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