{"id":203,"date":"2007-05-23T18:49:51","date_gmt":"2007-05-23T16:49:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2007\/05\/23\/bildung-auf-abriss-privatisierung-im-trend\/"},"modified":"2013-05-03T21:51:54","modified_gmt":"2013-05-03T19:51:54","slug":"bildung-auf-abriss-privatisierung-im-trend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=203","title":{"rendered":"Bildung auf Abriss &#8211; Privatisierung im Trend"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/1dc44f041f2ba5df94447524ecd742\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><strong>Die Berliner Hochschulen und die Verwicklungen des Marktes<\/strong><\/p>\n<p>Bologna-Prozess, Akkreditierungsagenturen, Bachelor und Master, Credit Points, Exzellenzinitiative, Hochschulpakt 2020, Hochschulranking und Studiengeb\u00fchren sind die Begrifflichkeiten, hinter denen sich die \u00d6konomisierung und Umstrukturierung der Hochschullandschaft verbirgt. In Niedersachen gilt schon das neue \u201eHochschulfreiheitsgesetz\u201c, das vom von der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bertelsmann-Stiftung\">Bertelsmann-Stiftung<\/a> finanzierten \u201e<a href=\"http:\/\/www.che.de\">Centrum f\u00fcr Hochschulentwicklung<\/a>\u201c (CHE) ma\u00dfgeblich bestimmt wurde. Die \u00c4nderungen sind tiefgreifend. Wirtschaftlichkeit und Demokratieabbau stehen im Vordergrund. So wurden in Niedersachen bereits f\u00fcnf vormals staatliche Hochschulen in Stiftungen umgewandelt. Neu ist auch die Einf\u00fchrung eines externen Gremiums, des Hochschulrats. Dieser ber\u00e4t und entscheidet mit der Hochschulleitung \u00fcber die Abschaffung oder Einf\u00fchrung von neuen Studieng\u00e4ngen, \u00fcber Personalentscheidungen, die Mittelvergabe und auch \u00fcber die Wahl der Hochschulleitung selbst. An den Hochschulen, wo der Hochschulrat bereits besteht, sitzen in ihm neben den WissenschaftlerInnen \u00fcberwiegend Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsratsvorsitzende oder Aufsichtsratsmitglieder gro\u00dfer Konzerne oder die Chefs gro\u00dfer mittelst\u00e4ndischer Unternehmen. Sonstige Vertreter gesellschaftlicher Gruppen, von den Kirchen bis zu den Gewerkschaften, sind nicht darunter.<\/p>\n<p>Die Zielrichtung ist eindeutig: Zwar kommen die meisten Finanzmittel f\u00fcr die Hochschulen noch immer aus \u00f6ffentlichen Haushalten, letztlich, doch der Bildungsauftrag wird zunehmend privatwirtschaftlichen Interessen untergeordnet. W\u00e4hrend viele der privatwirtschaftlich initiierten Universit\u00e4ten derzeit wegen Mangel an Geld und zahlungswilligen Studenten schlie\u00dfen, tritt das Ph\u00e4nomen \u201ePrivatisierung staatlicher Hochschulen\u201c in eine neue Phase. Auch in Berlin wird das Hochschulgesetz novelliert. Hier arbeiten Initiativen aus der Wirtschaft an einer \u00e4hnlichen Struktur. Die Wissenschaftskommission, die den Senat ber\u00e4t, wurde 2005 unter Mitwirkung verschiedener Zusammenschl\u00fcsse von Unternehmen &#8211; z. B. \u201ean morgen denken\u201c oder die Technologie Stiftung Innovationszentrum Berlin &#8211; etabliert. Es ist daher nur konsequent, die Gesch\u00e4ftsstelle der Kommission im <a href=\"http:\/\/www.leh-berlin.de\">Ludwig-Erhard-Haus<\/a> anzusiedeln.<\/p>\n<p>Schon jetzt sind an den Berliner Hochschulen die ersten Konsequenzen der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Public_Private_Partnership\">PPP<\/a> (Public Private Partnership), so hei\u00dft das Modell, in dem Wirtschaft und Universit\u00e4ten kooperieren, zu bemerken. H\u00e4ufig hinter verschlossenen T\u00fcren entwickelt, werden die Abh\u00e4ngigkeiten und Konsequenzen wenig thematisiert. F\u00fcr die Zusammenarbeit werden jedenfalls Infrastruktur und Renomm\u00e9 der Universit\u00e4ten genutzt. Der Markt hat die Bildung entdeckt. In ihrem 2007 vorgestellten Szenario \u201e2020\u201c orientiert die Deutsche Bank deutlich auf diesen Sektor. Die Universit\u00e4t Potsdam kooperiert schon seit einiger Zeit mit der Deutschen Bank. Nicht nur den lukrativen Gesch\u00e4ftsbereich der Bildungskredite will die Bank erschlie\u00dfen, sondern auch ihre Kompetenzen in den Aufbau eines Angebots zur Vermittlung von Schl\u00fcsselqualifikationen einbringen. Die FU plant mit dem Klett Verlag die Gr\u00fcndung der \u201eDeutsche Universit\u00e4t f\u00fcr Weiterbildung\u201c, die im Oktober 2007 er\u00f6ffnet werden soll. Da die FU in dieser Kooperation kein Kapital einbringen konnte, wurde kurzerhand eine Villa zur Verf\u00fcgung gestellt, in der bislang der Studiengang der Ethnologie untergebracht war. Das neue Prestige-Objekt der FU brachte f\u00fcr die 700 Studierenden eine drastische Verschlechterung mit sich: Ohne Institut und Leerr\u00e4ume findet der Unterricht mal hier, mal dort statt. Brisant ist auch, da\u00df an der FU Weiterbildungen im Bereich von Publizistik und Verlagswesen angeboten werden sollen, hingegen der regul\u00e4re Studiengang Kommunikationswissen an chronischer Unterfinanzierung leidet. An der Universit\u00e4t der K\u00fcnste (UdK) wurden Ende der 90er die ersten kostenpflichtigen Aufbau- und Masterstudieng\u00e4nge im Medienbereich eingef\u00fchrt. Man wollte trotz des Sparzwangs nicht auf die Entwicklung neuer Inhalte verzichten und auch f\u00fcr bereits Berufst\u00e4tige Weiterbildungen erm\u00f6glichen, so die Hochschulleitung. Geworben wird mit Qualifizierung und Kontakten zum Arbeitsmarkt, die ja in Zeiten, in denen der Arbeitsmarkt f\u00fcr AbsolventInnen immer unzug\u00e4nglicher wird, an Bedeutung gewinnen. Eine spezielle Ausbildung und Arbeitspl\u00e4tze also nur noch f\u00fcr zahlungskr\u00e4ftiges Publikum?<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr die subtilen Verwicklungen des Marktes war die UdK-Kooperation mit dem Weiterbildungsangebot der \u201e<a href=\"http:\/\/www.akademiedermedien-berlin.de\">Akademie der Medien Berlin GmbH<\/a>\u201c, einem Tochterunternehmen der <a href=\"http:\/\/www.berliner-synchron.de\">Berliner Synchron AG<\/a> (BSAG), die letztes Jahr an die B\u00f6rse ging. Dort werden u. a. Synchron-Workshops auch f\u00fcr SchauspielstudentInnen angeboten. Das Papier zum B\u00f6rsengang der BSAG verhei\u00dft gr\u00f6\u00dfere Gewinnmargen durch Kostenoptimierung, die durch g\u00fcnstigen Sprechernachwuchs entsteht, und sieht im Lohndumping die M\u00f6glichkeit, sich gegen\u00fcber anderen Studios durchzusetzen. Die BSAG erh\u00e4lt von der <a href=\"http:\/\/www.ibb.de\">Investitionsbank Berlin<\/a> f\u00fcr 2007\/2008 Zusch\u00fcsse in H\u00f6he von bis zu 720 000 Euro f\u00fcr die Verbesserung der Studioausstattung. Au\u00dferdem m\u00f6chte die BSAG f\u00fcr den Bereich der Synchronsprecher eine Arbeitsvermittlungsagentur einrichten. Ob hierf\u00fcr dann eine Vermittlungsgeb\u00fchr von den Schauspielern f\u00e4llig ist, wie mancherorts schon \u00fcblich, oder ob diese Ma\u00dfnahme zus\u00e4tzlich etwa vom Arbeitsamt gef\u00f6rdert wird, ist offen. Die Zusammenarbeit sei mittlerweile beendet, sagte der UdK-Pr\u00e4sident, die Hochschule habe beschlossen, nur noch dort zu kooperieren, wo sie auch \u00fcber eigene Kompetenzen verf\u00fcge. Das sei im Filmbereich nicht der Fall. Offensichtlich bleibt: Das Gesch\u00e4ft mit der Wissensgesellschaft und der Markt um Privatisierung und Arbeit haben auch die Hochschulen zum Kampfplatz gemacht. Die bislang geplanten und durchgesetzten Reformen richten sich nach dem Warenwert und nicht dem wahren Wert der Bildung, und Universit\u00e4tsreformer \u00e0 la Wilhelm Humboldt, mit dessen Reformen die deutsche Hochschule zum Ort der universellen Bildung und kritischen Lehre wurde, sind leider nicht in Sicht.<\/p>\n<p>Nach dem letzten gro\u00dfen Bildunsgstreik 2003 und der Besetzung der Humboldt-Uni gr\u00fcndeten Studierende die \u201e<a href=\"http:\/\/www.offeneuni.tk\">Offene Universit\u00e4t Berlin<\/a>\u201c. Sie erstellen seither ein Alternatives Vorlesungsverzeichnis und bieten eigene Seminare an. Selbstorganisierte Bildung als Modell gegen Zugangsbeschr\u00e4nkung und Normierung der Lerninhalte? Das seit einem Jahr bestehende <a href=\"http:\/\/www.freie-bildung-berlin.de\">B\u00fcndnis f\u00fcr Freie Bildung<\/a> in Berlin plant ein Volksbegehren f\u00fcr mehr Demokratie und Mitbestimmung der Hochschulmitglieder, sowie gegen Studiengeb\u00fchren und Reglementierung von Masterstudieng\u00e4ngen. Auch die Gewerkschaften sollten verst\u00e4rkt in diese gesellschaftlichen Prozesse eingreifen, gegen Privatisierung und f\u00fcr eine Mitbestimmung an Strukturen und Inhalten im Hochschulbereich eintreten. Schlie\u00dflich geht es im Bildungsbereich um Ausbildung, Arbeitspl\u00e4tze, aber auch um die gesellschaftliche Zukunft.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist, da\u00df diese Umstrukturierungen von all jenen initiiert und getragen werden, die selbst noch von einem freien Bildungssystem profitiert haben. Im Grundgesetz ist das Recht auf Bildungsfreiheit nicht explizit verankert. Lediglich der Artikel 2 verweist auf das Recht auf freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit. Man k\u00f6nnte meinen, da\u00df hier der freie Zugang zur Bildung inbegriffen sein k\u00f6nnte. Aber in j\u00fcngster Zeit unterliegt das Grundgesetz ja sowieso der freien Interpretation der regierenden Meinung.<\/p>\n<p>Wir lassen uns nicht f\u00fcr dumm verkaufen! <em><\/em><\/p>\n<p><em>Malah Helman<\/em><\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Links:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.biwifo.bb.verdi.de\/studierende\">www.biwifo.bb.verdi.de\/studierende<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.rewi.hu-berlin.de\/AKJ\/zeitung\/annex\/annex1\/index.htm\">www.rewi.hu-berlin.de\/AKJ\/zeitung\/annex\/annex1\/index.htm<\/a><\/p>\n<p><a title=\"R\u00fcckbau, Umbau oder demokratischer Prozess?\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/05\/R%C3%BCckbau,%20Umbau%20oder%20demokratischer%20Prozess.jpg\"><img decoding=\"async\" id=\"image206\" src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/05\/R%C3%BCckbau,%20Umbau%20oder%20demokratischer%20Prozess.thumbnail.jpg\" alt=\"R\u00c3\u00bcckbau, Umbau oder demokratischer Prozess?\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"imagelink\">Die Berliner Bildungslandschaft: R\u00fcckbau, Umbau oder demokratischer Prozess?<br \/>\nFoto\/Montage: <em>Malah Helman<\/em><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><em><span class=\"imagelink\">Am 26. Mai um 15 Uhr findet am Lausitzer Platz in Berlin eine Demonstration gegen die Bildungspolitik der G8 statt.<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berliner Hochschulen und die Verwicklungen des Marktes Bologna-Prozess, Akkreditierungsagenturen, Bachelor und Master, Credit Points, Exzellenzinitiative, Hochschulpakt 2020, Hochschulranking und Studiengeb\u00fchren sind die Begrifflichkeiten, hinter denen sich die \u00d6konomisierung und Umstrukturierung der Hochschullandschaft verbirgt. In Niedersachen gilt schon das neue \u201eHochschulfreiheitsgesetz\u201c, das vom von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten \u201eCentrum f\u00fcr Hochschulentwicklung\u201c (CHE) ma\u00dfgeblich bestimmt wurde. 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