{"id":216,"date":"2007-06-13T21:17:33","date_gmt":"2007-06-13T19:17:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2007\/06\/13\/wenn-die-steine-fliegen\/"},"modified":"2012-08-14T01:10:48","modified_gmt":"2012-08-13T23:10:48","slug":"wenn-die-steine-fliegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=216","title":{"rendered":"Wenn die Steine fliegen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie ich G8 im Camp erlebte<\/strong><\/p>\n<p>Auf einem Transpi am Zaun des Camps in Reddelich stand \u201eWir haben Spa\u00df, ihr Bereitschaft!\u201c. Was mir den Spa\u00df etwas verdorben hat, ist die leidige, mediale Debatte \u00fcber den Schwarzen Block, die Steineschmei\u00dfer, ihre Kriminalisierung und diese unglaubliche Verlogenheit, mit der sie jetzt daf\u00fcr benutzt werden, um eine weitere \u00dcberwachung und innerdeutsche Militarisierung zu begr\u00fcnden \u2013 als ob wir nicht bereits mittendrin w\u00e4ren. Aber nicht nur zum Spa\u00df waren wir in Heiligendamm, sondern uns einte die \u00dcberzeugung, dass dem globalen Wahnsinn, der Ausbeutung von Natur und Mensch, etwas entgegen gesetzt werden kann. Und zwar jetzt und sofort. Zwei Jahre wurde gerungen, gestritten und auseinandergesetzt. Wir gingen gemeinsam nach Heiligendamm, aber klar war, dass jeder seine Geschichte mitbringen w\u00fcrde. So gab es gro\u00dfe NGO&#8217;s, in denen immer noch ein einzelner die Last der Verantwortung nicht abgeben konnte und spontan und \u00fcbereifrig f\u00fcr die ganze NGO sprach \u2013 arme Socke, kennt er nicht die wunderbare Welt des Plenums, manchmal langsam, aber jede Stimme h\u00f6rend, diskutierend, abw\u00e4gend? Immer geht man schlauer heraus als hinein und nie tr\u00e4gt man die Last der Verantwortung allein. Noch der scheinbar kleinste Gedanke hat die Chance, geh\u00f6rt zu werden und jeder kann zu jedem Zeitpunkt ein Veto einlegen. Wer es noch nie erlebt hat, wird es nicht glauben k\u00f6nnen. In der Ruhe liegt die Kraft, wussten schon unsere Gro\u00dfm\u00fctter. Und so war vielleicht diese Art der Organisation das gr\u00f6\u00dfte Geheimnis f\u00fcr das Leben im Camp und den Erfolg der Blockaden. Man findet das N\u00e4chstliegende gemeinsam und sofort. Niemand wartet mehr auf die einzig selig machende Theorie und darum streitet auch keiner mehr, wer Recht hat, sondern im Plenum wird der n\u00e4chste Schritt entschieden. Da kann sich jeder einbringen, aber keiner dominiert. Unsere Lieblingstheoretiker werden dem gerecht, sie sprechen nur noch von Multitude, von dem Bruch (\u201eDie Zukunft der Bewegung h\u00e4ngt von unserer F\u00e4higkeit zum Bruch ab\u201c, Holloway), oder schenken uns ihre Lieblingszitate (\u201eDie befreiende Freiheit ist ein Mysterium\u201c, Ziegler). Im Camp in Reddelich wurde dieses Mysterium gelebt, f\u00fcr uns wurde es real&#8230;<\/p>\n<p>Das Camp war wie eine kleine Stadt aufgebaut, in <em>barrios<\/em> (span. Stadtviertel) unterteilt, Wege mit Absperrband markiert und mit Mulch, geschredderter Rinde, gegen N\u00e4sse vorbereitet. Die gesamte Infrastruktur war von einer Handwerkerbrigade errichtet worden. Am aufwendigsten und phantasievollsten der Spielplatz, obwohl der Anteil der Kinder erwartungsgem\u00e4\u00df gering war. Hier haben sich gro\u00dfe Kinder ausgelebt. Der Spielplatz war am hinteren Rand des Camps, strategisch gut gew\u00e4hlt. Nach dem ersten Alarm zeigten die Anwohner ihre Bereitschaft, die Kinder im Ernstfall in ihre H\u00e4user zu nehmen und baten darum, den Spielplatz sp\u00e4ter nicht zur\u00fcckzubauen. Den <em>barrios<\/em> waren verschiedene Gruppen zugeordnet. Es gab nat\u00fcrlich das Sanizelt, Zelte f\u00fcr \u201eout of action\u201c, in denen man seine Ruhe wiederfinden konnte, ein Traumazentrum, nat\u00fcrlich ein Medienzelt usw. usf.; in der Mitte stand ein gro\u00dfes Zirkuszelt f\u00fcr die abendlichen Plenas, aber auch f\u00fcr Workshops und Massenschlafpl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Eines Vormittags, es war der Morgen nach dem ersten Alarm, kam ich dazu, wie der sog. Schwarze Block gerade sein Plenum abhielt. Es war alles \u00f6ffentlich, man konnte \u00fcberall hingehen und mitreden. Das einzige, was man nicht fand, war den Chef des Camps: Es gab ihn nicht. Oder er war sehr inkognito. Meine Bezugsgruppe lebte im <em>queer barrio<\/em>. \u201eQueer\u201c f\u00e4ngt dort an, wo das Geschlecht aufh\u00f6rt, eine soziale Konstruktion zu sein. &#8222;Queer&#8220; sieht sich nicht in Konfrontation zu etwas Anderem. Wenn wir mit den Traditionen brechen, dem tradierten Geschlechterverhalten, und diesen Bruch nicht kultivieren im Anderssein, dann sind wir queer. Jedes <em>barrio<\/em> hatte eine Vok\u00fc. Man stand morgens auf, krabbelte aus dem Zelt und fiel praktisch auf den Fr\u00fchst\u00fcckstisch, mit &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; \u00f6kologischer Nahrung. Im Camp konnte man erleben, welche Kulturleistungen in die neue Welt eingehen werden: Abends und morgens das gemeinsame Z\u00e4hneputzen an wassersparenden \u201eTr\u00e4nken\u201c; man musste an die Wasserh\u00e4hne von unten dr\u00fccken, um Wasser zu bekommen. Die Sauberkeit auf den Klos. ALLE BEFOLGTEN DIE Hinweise auf den Dixiklos: Hinsetzen und danach H\u00e4ndewaschen. In jedem <em>barrio<\/em> gab es am Eingang Wasserkanister und Seife. Was noch \u00fcberleben wird, ist Arbeitsteilung und Aufteilung in kleinere Strukturen. Der Rest war anders: Die Selbstorganisation. Jeden Abend war in jedem <em>barrio<\/em> ein Plenum und die schickten ihre Delegierten in das Gro\u00dfe Plenum im Zirkuszelt, die dann zur\u00fcckkamen und berichteten. Man konnte sich jederzeit und \u00fcberall einmischen, man musste aber auch nicht und konnte ganz auf die Klugheit und Weisheit der Plenumsstruktur vertrauen. Es gab nur kluge Entscheidungen und deshalb wurden sie auch von allen getragen, z. B. die Entscheidung, in der Zeit der Blockaden keinen Alkohol zu trinken. Auch das war keine mit aller Sch\u00e4rfe durchgestellte Ma\u00dfnahme. Der Schlachter am Eingang des Camps, der etwas weltfremd &#8211; aus der Sicht des Camps &#8211; dort siedelte (eigentlich war es anders herum: Er war schon da und das Camp siedelte um einen kleinen Gewerbepark herum), er\u00f6ffnete einen Ausschank und man konnte dort Bier trinken und Fleisch essen. An seinem Zaun hing ein Transpi: DIE REVOLUTION WILL BE VEGAN. Niemand wurde ge\u00e4chtet, wenn er vor dem Transpi Bratwurst a\u00df und in der Blockadezeit Bier trank. Aber alle <em>barrios<\/em> im Camp und auch die zentrale \u201eVer\u00e4nderBar\u201c schenkten keinen Alkohol aus. Am auff\u00e4lligsten anders aber war die Stimmung, die Atmosph\u00e4re. Ein ganzes Camp von 5.000 bis zum Teil 6.000 Menschen und alle sind freundlich, offen, auf eine eigenartige Weise auch still und behutsam, aufmerksam zueinander und aufeinander, neugierig, entspannt. Eine der zentralen Erfolgsrezepte war neben der politischen Motivation das Leben in einer Bezugsgruppe, strukturiert, aber auch offen, handlungsf\u00e4hig, spontan. Die Bezugsgruppe gab Sicherheit und Vertrautheit. Sie war die erste Erfahrung f\u00fcr ein gemeinsames Handeln, politisch und sinnlich.<\/p>\n<p>Und wo war der Schwarze Block? Irgendwie waren wir alle der Schwarze Block, aber wo waren die Steineschmei\u00dfer, wenn sie nicht gerade Zivibullen waren? Das erste Mal, dass ich einige bewusst wahrnahm, war in der Nacht des ersten Alarms. Wir waren auf Alarm vorbereitet. Im Plenum des <em>barrios<\/em> wurde uns das Sicherheitskonzept des Camps erkl\u00e4rt. Die Polizei mit ihren st\u00e4ndigen, viel zu tiefen Hubschrauberfl\u00fcgen direkt \u00fcber dem Camp und ringsherum mit ihren Wannen und permanenten Kontrollen und ihrer Pr\u00e4senz tat das ihrige, um keinen Zweifel an der Notwendigkeit eines Sicherheitskonzeptes zu lassen. Es ist die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch. Alle waren vorbereitet, um am n\u00e4chsten Tag am Flughafen in Laage demonstrieren zu gehen und die Delegationen zu empfangen. Da tauche ich langsam aus dem Tiefschlaf auf, weil ein Hubschrauber direkt \u00fcber meinem Zelt steht: Ich sp\u00fcre den Sturm seiner Bewegung und hoffe, er dreht ab, aber er steht und steht und steht. Kurz \u00fcberlege ich, hinauszugucken, wie tief er steht, noch lauter als am Tag erscheint er mir, aber ich will mich von dieser Milit\u00e4rpr\u00e4senz nicht fertigmachen lassen, nein ich werde ihn ignorieren und warten bis es vorbei ist. Irgendwann dreht er endlich ab. Scheinbar nur einen Augenblick sp\u00e4ter, aber vielleicht verwischt auch der Schlaf die Zeitgrenzen, ert\u00f6nt die Sirene und noch bevor ich mich frage, ob das wirklich Alarm bedeutet, kommt der Hubschrauberl\u00e4rm wieder in mein Bewusstsein und viele Stimmen wiederholen das Wort ALARM. Mit m\u00fcden und schweren Knochen aus dem Zelt herauskrabbelnd, die Sachen suchend. Verst\u00f6rte Gesichter, Ungewissheit. Wie verabredet, treffen wir uns am Feuerplatz des <em>barrio<\/em>. Am Rande kotzt jemand. Auch mir ist mulmig. Unser <em>barrio<\/em> liegt sehr weit weg vom Eingang. Wird vorn schon die R\u00e4umung des Camps begonnen?<\/p>\n<p>Nachdem am Sonnabend auf der Gro\u00dfdemo die Steine geflogen sind, stand das Camp Reddelich unter Generalverdacht. Wir waren alle nicht nur \u00a7129a, sondern auch Kriminelle, nat\u00fcrlich Ausl\u00e4nder und die gesamte Schande dieser Nation. Man konnte sich einfach nur solidarisieren, egal wie man \u00fcber Gewalt dachte. Auf keinen Fall w\u00e4re man jetzt weggegangen, denn man kannte die Wahrheit: Hier hatte die andere Welt schon begonnen. Musste sie verteidigt werden oder durfte sie hier einfach ihren Platz einnehmen? Nach einigen langen Minuten der Ungewissheit ENTWARNUNG, geht schlafen, Gefahr vorbei! Nun aber war ich wach, wollte wissen, was vorne los war und machte mich auf den Weg durch ein Camp, das von einer Minute zur anderen angezogen bereit stand, ohne wirklich zu wissen, wozu, und dass sich ebenfalls von einer Minute zur anderen wieder zur\u00fcckzog in die Zelte, vertrauend auf das Sicherheitskonzept und die Weisheit des Plenums eines selbstorganisierten Camps. Das Vertrauen in einen demokratischen Rechtsstaat war weit weg, war man doch gerade geschlossen stigmatisiert worden und aufgerufen zur Entsolidarisierung. Aber in der Gewissheit, dass die neue Welt ihre eigenen Kinder nicht verst\u00f6\u00dft, gab es kein Zur\u00fcck. Am Eingang sah ich die Wache, die noch in Aufregung war. Eine Frau sprach auf einen scheinbar selbsternannten Sicherheitschef ein, dass ihr sein Checkergehabe m\u00e4chtig auf den Sack ging. In einiger Entfernung sah ich die ersten schon angezogen zur Demo stehend, ach nein, daneben ein Einkaufswagen voller Steine \u2013 dort gab es anscheinend noch ein zweites Sicherheitskonzept. Nun war an Schlafen endg\u00fcltig nicht mehr zu denken. Was war passiert? Nachdem der Hubschrauber minutenlang \u00fcber dem Camp gestanden hatte und eine nicht mehr zu sch\u00e4tzende Anzahl an Bullenwannen auf- und abfuhren, schoss eine Wanne in das Camp hinein, hielt an, Bullen in voller Kampfmontur stiegen aus. Daraufhin wurde sofort Alarm ausgel\u00f6st. Die Bullen stiegen wieder ein und fuhren raus aus dem Camp und mit ihnen zogen alle Wannen ab. Dann stiegen nach kurzer Absprache zwei Frauen aufs Fahrrad, um auszukundschaften, in welcher Entfernung die Wannen lagerten. Auf dem Weg durch das Dorf, in dem nur die \u00fcblichen Punkte besetzt waren, beschlossen sie, zum Bahnhof zu radeln, weil dort immer ein Arsenal an Wagen stand. Sie stiegen ab und schoben ihre R\u00e4der, bis sie jemanden sahen, der Mister Wichtig sein konnte. \u201eGuten Morgen, Sie wollten nicht gerade das Camp r\u00e4umen?\u201c <em>\u201eNein, w\u00fcrden wir nicht machen.\u201c<\/em> \u201eNa das ist ja gut zu wissen, und was war das gerade f\u00fcr eine Aktion von Ihnen?\u201c <em>\u201eJa, ein Kollege hatte sich verfahren, wollte wenden und ist aus Versehen bei Ihnen reingefahren, hatte kein Navi im Wagen, kann ja mal passieren.\u201c<\/em> \u201eWAS hatte er nicht?\u201c <em>\u201eKein Navigationsger\u00e4t im Wagen!\u201c<\/em> \u201eSo, okay, bei uns wurde daraufhin Alarm ausgel\u00f6st.\u201c <em>\u201eHaben wir mitbekommen!\u201c<\/em> \u201eAuch gut zu wissen. Gute Nacht!\u201c <em>\u201eGute Nacht.\u201c<\/em> Wir fahren zur\u00fcck und ich werde den Rest der Nacht mit vielen anderen die Koordinierung der Sicherheit unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wird meine Bezugsgruppe ohne mich losgehen. Spontan werden sie mit vielen anderen entscheiden, nicht nach Laage zu gehen, sondern gleich an den Zaun. \u00dcber Felder und Wege werden sie gehen, erstaunt, kaum auf Polizei zu treffen. Aber die ist ja in Laage und hat damit nicht gerechnet. Uns kann man abh\u00f6ren, Zivilbullen einschleusen, aber nichts ist gegen die Spontanit\u00e4t des Plenums gewappnet. Und deshalb kommen die Demonstranten bis an den Zaun und lassen sich dort nieder. Bevor sie losgingen: Arbeitsteilig werden wir im Camp nicht m\u00fcde, mit jedem, der Steine in seinen Rucksack packt, zu reden, Gruppen, die losziehen wollen, noch mit einem Gespr\u00e4ch aufzuhalten. Dann gehen einige zur\u00fcck ins <em>barrio<\/em>, andere ziehen in kleinen Gruppen los.<\/p>\n<p>Am Abend darauf werden Barrikaden gebaut. In einem selbstorganisierten Camp gibt es keine Verbote, aber Konsensentscheidungen. Eine junge Frau tritt an die Gruppe der Barrikadenbauer heran und m\u00f6chte wissen, was sie hier tun. Ein hochgewachsener, aufgeregt fuchtelnder Junge tritt aus der Gruppe heraus: \u201eIch kann das hier mal erkl\u00e4ren!\u201c Er erz\u00e4hlt nicht dar\u00fcber, was wir hier gerade sehen: Steinschleuder, Feuerstelle, Barrikaden zum Anz\u00fcnden, eine Masse an Steinen, sondern er erz\u00e4hlt \u00fcber Sicherheitsfragen im allgemeinen. Die Gruppe, die dazu geh\u00f6rt, ist still und anonym, sie hat ihren Mister Wichtig. Die junge Frau h\u00f6rt sich alles an und k\u00fcndigt dann an, dass sie bei Alarm mit einer kleinen Gruppe und Transpis zu diesem Ort kommen w\u00fcrden. Mister Wichtig ist irritiert. Sie aber l\u00e4sst ihn mit dem Satz stehen: \u201eDas war eine Konsensentscheidung im Plenum. Wir bleiben friedlich.\u201c<\/p>\n<p>Nach der ersten Blockadenacht war das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis neu geordnet. Zeitweise waren alle Zugangsstra\u00dfen blockiert, die Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzte die Blockaden, die Ostblockade hatte in den letzten zwei Tagen geradezu den Charakter eines Happenings. Die Polizei blieb bei ihrer Variante von \u201eDeeskalation\u201c: Mit schweren R\u00e4umfahrzeugen und Wasserwerfern, einem massivem Polizeiaufgebot und t\u00e4glichen Schikanen, Kontrollen und Pr\u00e4senz. Einmal wurden wir auf einer Tankstelle durchsucht wie Schwerstverbrecher. Wir durften nur einzeln aussteigen, mussten uns dann am ganzen K\u00f6rper begrabschen lassen; in jede Tasche, jeden Winkel wurde geschaut. Von der Tankstelle her\u00fcber schrie ein Mann, dass er eigentlich froh gewesen sei, die Stasi vor 16 Jahren hinter sich gelassen zu haben. Nat\u00fcrlich fand man nichts bei uns, denn wir waren eine Stra\u00dfentheaterperformancegruppe. Wir waren bunt gekleidet und queer. Der Tankstellenwart lie\u00df uns trotzdem nicht auf sein Klo und schrie durch den Verkaufsraum laut \u201eRaus hier\u201c. Wieviel allt\u00e4gliche Gewalt liegt dem zugrunde? In den Feldern und W\u00e4ldern wurde dagegen gesummt:\u00a0 \u201eEines Abends, ihr Partisanen, bela&#8230; (&#8230;)\u201c, ganze V\u00f6lkerwanderungen zogen in Gruppen und Gr\u00fcppchen durch die Sicherheitszone. Vereinzelt stie\u00df man auf Bewohner, die einem den besten Weg zuriefen.<\/p>\n<p>Donnerstagabend wurde die Westblockade ger\u00e4umt. Einer Frau hat der Wasserwerfer das Auge herausgeschossen. Die Bewohner waren zu dem Zeitpunkt bereits geschlossen zu Gipfelgegnern geworden, nachdem ihnen die Polizei das Wasser abgestellt hatte, weil sie die Blockade versorgten. Die Ostblockade ging freiwillig am Freitag in der Fr\u00fch und zog in Bad Doberan mit diesem Spruch ein: DANKESCH\u00d6N BAD DOBERAN, AUSRUHN UND IN URLAUB FAHRN.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen, sehe ich nun eine der \u00fcblichen Talkshows mit dem Titel \u201eIst die Polizei der Pr\u00fcgelknabe der Nation?\u201c. Aber Hallo, man muss nicht zur Polizei, man kann wieder austreten, sich krank schreiben lassen oder einfach k\u00fcndigen. Aus einer Gesellschaft aber, die mit milit\u00e4rischen Mitteln ihre Gewinne sichert und das bl\u00f6de Stimmvieh gegeneinander aufbringt, kann man nicht austreten. Man kann nur gemeinsam etwas tun, sich neu organisieren. Alle reden nur von Sonnabend, der Gro\u00dfdemo und den armen Polizisten. Kein Wort von den Zivibullen, die enttarnt wurden im Schwarzen Block, kein Satz \u00fcber den weiteren Verlauf der Proteste, die friedlichen Blockaden, die Solidarit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung mit der internationalen Vernetzung des Protests. Oauh, waren wir so erfolgreich, das man uns totschweigen muss?! Dankesch\u00f6n, Schwarzer Block!<\/p>\n<p>WER NUR \u00dcBER STEINE REDET, LEGITIMIERT DIE STRUKTURELLE GEWALT DES STAATES.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Ein Lied aus der Blockade:<\/p>\n<p>Was solln wir tun mit den 8 Bestimmern<br \/>\nWas solln wir tun mit den 8 Bestimmern<br \/>\nWas solln wir tun mit den 8 Bestimmern<br \/>\nNICHT BESTIMMEN LASSEN<br \/>\nFresst euer Geld und lasst uns leben<br \/>\nEuch abzuschaffen ist unser Bestreben<br \/>\nFresst euer Geld und lasst uns leben<br \/>\nEINE WELT F\u00dcR ALLE<br \/>\nHurra, und hoch wir springen<br \/>\nHurra, und laut wir singen<br \/>\nHurra, es wird gelingen<br \/>\nSCHMEI\u00dfT SIE IN DIE OSTSEE<\/p>\n<p>&#8230;und so gehen wir in unseren Alltag zur\u00fcck, h\u00f6ren auf, an die objektive Berichterstattung der Medien zu glauben, den Rechtsstaat als einzigen Garant f\u00fcr Frieden und Demokratie anzusehen und lassen uns von der Welle der Sympathie in einer internationalen Protestbewegung tragen, und von den Erfahrungen des Camps. Es gibt viel zu tun: Privatisierungen stoppen, Stigmatisierung der Armut beenden und Bezugsgruppen aufbauen, gewaltfrei und plenumsdemokratisch.<\/p>\n<p>In der Hoffnung, die Steine in der Tasche lassen zu k\u00f6nnen.<em><\/p>\n<p>Karin Baumert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ich G8 im Camp erlebte Auf einem Transpi am Zaun des Camps in Reddelich stand \u201eWir haben Spa\u00df, ihr Bereitschaft!\u201c. Was mir den Spa\u00df etwas verdorben hat, ist die leidige, mediale Debatte \u00fcber den Schwarzen Block, die Steineschmei\u00dfer, ihre Kriminalisierung und diese unglaubliche Verlogenheit, mit der sie jetzt daf\u00fcr benutzt werden, um eine weitere [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,5,17,15],"tags":[],"class_list":["post-216","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dancing-in-the-street","category-netze-spinnen","category-willkuer-und-repression","category-ziviler-ungehorsam"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=216"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/216\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2785,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/216\/revisions\/2785"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}