{"id":2195,"date":"2010-12-20T21:41:54","date_gmt":"2010-12-20T19:41:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2195"},"modified":"2010-12-24T15:46:24","modified_gmt":"2010-12-24T13:46:24","slug":"besinnliche-weihnachtszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2195","title":{"rendered":"Besinnliche Weihnachtszeit"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Der B\u00f6se Wolf erkl\u00e4rt Berlin<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wenn sich am \u201eHeiligen Abend\u201c die Familien besinnlich zusammenfinden, wenn die Christmetten die Gl\u00e4ubigen aufrichten und den weniger Gl\u00e4ubigen zumindest das Gef\u00fchl der Glaubenspflichterf\u00fcllung geben, wenn die ewig \u00fcbers\u00e4ttigten Berufsjugendlichen sich auf \u201eChristmas Partys\u201c begeben und sich dabei innerlich rebellierend vorkommen, wenn Marianne und Michael ihren J\u00fcngern zum hundertsten Mal weismachen wollen, dass Weihnachten in den Bergen am sch\u00f6nsten ist, wenn die grell beleuchteten Kaufh\u00f6fe und die br\u00fcllenden Media M\u00e4rkte ihre Pforten geschlossen haben, dann werden wichtige Politiker und fr\u00f6mmelnde Bisch\u00f6fe mit salbungsvoller Miene wieder von dem lieben Kindlein sprechen, das unter \u00e4rmlichen Bedingungen im Stall von Bethlehem zur Welt kam. Und sie werden \u2013 wie so oft \u2013 ihre Zuh\u00f6rer mahnen, dass die Kinder dieser Welt etwas sehr Wertvolles seien und dass sie die Zukunft seien und dass man sie sch\u00fctzen m\u00fcsse und dass man daf\u00fcr Sorge zu tragen habe, dass es ihnen an nichts fehle.<\/p>\n<p>Im weihnachtlichen Deutschland werden, wenn es an die Bescherung geht, viele Kinder ihre Eltern fragen, warum der Gabentisch nicht so reichhaltig oder gar nicht gedeckt ist. Und die Eltern werden ihnen erkl\u00e4ren, dass in diesem Land zwar Milliarden und Abermilliarden Euro vorhanden sind, um Banken und Banker aber nicht um arme Kinder gl\u00fccklich zu machen. Und sie werden ihnen vielleicht auch erkl\u00e4ren, dass sie sich in recht gro\u00dfer Gesellschaft befinden, denn immerhin, so fanden kluge Leute heraus, leben in Deutschland 14 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in dem Zustand, den man Kinderarmut nennt, der aber eigentlich Familienarmut hei\u00dfen sollte.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Fragen werden am Weihnachtstage auch viele Kinder ihren Eltern zum Beispiel in Lateinamerika stellen. Nur dass sie nicht nach Weihnachtsgeschenken, sondern nach einem warmen Essen und vielleicht auch nach Medizin fragen werden. Und die Eltern werden ihnen erkl\u00e4ren, dass das Land, in dem sie leben, zwar reich an Rohstoffen ist, die korrupte Regierung diese aber an internationale Konzerne verh\u00f6kert hat und die Einheimischen au\u00dfer harter, krank machender und schlecht bezahlter Arbeit nichts davon haben. Dass man noch froh sein k\u00f6nne, dass es nicht \u00fcberall so schlimm sei wie in der Minenstadt La Oroya in Peru, wo ein US-amerikanischer Konzern Blei und Zink abbauen l\u00e4sst und sich einen Dreck um die Gesundheit seiner Arbeiter und der Bewohner der Stadt schert, in der so viele Kinder mit Behinderungen auf die Welt kommen und dann, wenn sie es schaffen, erwachsen zu werden, an Krebs sterben. Und w\u00e4hrend die Eltern dies erkl\u00e4ren, werden sie hoffen, dass ihre Kinder nicht eines Tages in die F\u00e4nge eines dieser vielen kleinen Drogenbosse geraten, die mit ihren Banden die Armenviertel der gro\u00dfen St\u00e4dte beherrschen, und dass ihre Kinder nicht irgendwann erschossen in der Gosse liegen.<\/p>\n<p>In einigen L\u00e4ndern Afrikas aber auch S\u00fcdamerikas und des Nahen Ostens werden an den Weihnachtstagen viele Kinder ihre Eltern gar nichts fragen k\u00f6nnen, denn ihre Eltern haben sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Weil sie auf dem Schulweg paramilit\u00e4rischen H\u00e4schern in die Arme liefen und verschleppt worden sind und nun als Kindersoldaten zur Sklavenarbeit, zum Pl\u00fcndern, zum Brandschatzen und zum Morden gezwungen werden und ihr zartes Leben opfern m\u00fcssen f\u00fcr die Privatkriege irgendwelcher Rebellenf\u00fchrer, War Lords oder sonstwelcher feiner Herren im edlen Zwirn auf weichen Kissen. Man sch\u00e4tzt, dass es weltweit 250 000 Kindersoldaten gibt.<\/p>\n<p>Zwischen drei und vier Millionen Kinder, auch dies eine Sch\u00e4tzung, werden an diesen Weihnachtstagen rund um die Welt gezwungen sein, sich zu prostituieren, um triebgesteuerten Unmenschen, die ihre Armut ausnutzen, ein paar sch\u00f6ne Stunden zu bereiten oder vor der Kamera zu posieren, damit auch die Verbrecher auf ihre Kosten kommen, die lieber zu Hause oder im B\u00fcro genie\u00dfen. Es werden weitere Millionen Kinder in Fabriken, in Bergwerken und auf Feldern schuften, sich die Gelenke und die Knochen kaputt machen und Staub und giftige Partikel einatmen, w\u00e4hrend sie auch Waren herstellen, die unter deutschen Weihnachtsb\u00e4umen landen. Oder sie werden Waren, die einstmals unter den Weihnachtsb\u00e4umen lagen, wieder in ihre Einzelteile zerlegen. So wie die Kinder auf den M\u00fclldeponien in Ghana. Hier werden jeden Monat Hunderte Container mit Schrottcomputern von skrupellosen europ\u00e4ischen \u201eEntsorgungsunternehmen\u201c angeliefert. Die Kinder m\u00fcssen die Computer und Monitore auseinander nehmen und die einzelnen Teile ins Feuer werfen, damit sich Plastik von Metall l\u00f6st. Die dabei entstehenden D\u00e4mpfe vergiften die schuftenden Kinder, teilweise nicht einmal zehn Jahre alt, und fressen sich in ihre Lungen, Nieren und Gehirne.<\/p>\n<p>Wie viele Kinder in den so genannten Entwicklungsl\u00e4ndern w\u00e4hrend der Weihnachtstage sterben, weil sie zu krank sind und ihre Eltern zu arm, und die Pharmaindustrie nichts zu verschenken hat, wird niemand z\u00e4hlen. Man wei\u00df, dass allein an Malaria, einer mit entsprechenden Medikamenten heilbaren Krankheit, jedes Jahr rund 800 000 und an Durchfallerkrankungen j\u00e4hrlich 1,5 Millionen Kinder unter f\u00fcnf Jahren sterben. Man wei\u00df auch, dass im Jahr 2008 rund 280 000 Kinder an den Folgen von AIDS starben und 2,1 Millionen Kinder den t\u00f6dlichen Virus in sich trugen. Allein in Afrika sterben jedes Jahr 80 000 bis 90 000 Kinder an der \u201eArmenkrankheit\u201c Noma. Aber wer k\u00f6nnte schon sagen, wie viele Kinder in den \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c dem Tod n\u00e4her als dem Leben sind \u2013 einfach weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Wer wei\u00df \u00fcberhaupt, dass es diese Kinder gibt? Die \u00e4rmsten der Armen werden bei ihrer Geburt nicht einmal registriert. Und wie viele Hunderttausende Kinder an diesen Weihnachtstagen in den zur Zeit ungef\u00e4hr 30 Kriegen und bewaffneten Konflikten auf der ganzen Welt ihre Freunde und Verwandte verlieren, fliehen m\u00fcssen, verletzt und get\u00f6tet werden, wird ebenfalls ungez\u00e4hlt bleiben. Genauso wie die Zahl der Kinder, die als Opfer von terroristischen Anschl\u00e4gen sterben oder gezwungen werden, als Selbstmordattent\u00e4ter die Ideologien der Erwachsenen in die Gesellschaften hinein zu bomben. Wie viele Kinder werden in diesen Tagen fr\u00f6hlich zum Spielen gehen und dabei auf eine zur\u00fcckgelassene Landmine treten und zerfetzt werden?<\/p>\n<p>In seiner Weihnachtsansprache vom 25.12.2009 wandte sich Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler mit folgenden Worten an die Bev\u00f6lkerung: \u201eAchtsam leben, das hei\u00dft auch, sich f\u00fcr eine gerechte Ordnung einsetzen, bei uns und in der Welt. Da gibt es noch viel zu tun. Wir haben gerade erlebt, dass Ma\u00dflosigkeit bei Finanzakteuren und M\u00e4ngel bei der staatlichen Aufsicht die Welt in eine tiefe Krise gest\u00fcrzt haben. Wir brauchen Ehrbarkeit und bessere Regeln in der Finanzwirtschaft. Wir brauchen das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Geld den Menschen dienen muss und sie nicht beherrschen darf.\u201c<\/p>\n<p>Wenn der 24.12.2010 zu Ende geht, werden an diesem einzigen Tag \u2013 wie an allen \u00fcbrigen Tagen des Jahres auch \u2013 weltweit 16 000 Kinder an Hunger gestorben sein.<\/p>\n<p><em>Benedict Ugarte Chac\u00f3n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der B\u00f6se Wolf erkl\u00e4rt Berlin Wenn sich am \u201eHeiligen Abend\u201c die Familien besinnlich zusammenfinden, wenn die Christmetten die Gl\u00e4ubigen aufrichten und den weniger Gl\u00e4ubigen zumindest das Gef\u00fchl der Glaubenspflichterf\u00fcllung geben, wenn die ewig \u00fcbers\u00e4ttigten Berufsjugendlichen sich auf \u201eChristmas Partys\u201c begeben und sich dabei innerlich rebellierend vorkommen, wenn Marianne und Michael ihren J\u00fcngern zum hundertsten Mal [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[],"class_list":["post-2195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-der-boese-wolf-erklaert-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2195"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2203,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2195\/revisions\/2203"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}