{"id":221,"date":"2007-06-20T14:09:48","date_gmt":"2007-06-20T12:09:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2007\/06\/20\/stadtumstrukturierung-berlin-was-tun\/"},"modified":"2014-02-01T15:14:25","modified_gmt":"2014-02-01T13:14:25","slug":"stadtumstrukturierung-berlin-was-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=221","title":{"rendered":"Stadtumstrukturierung &#8211; Berlin, was tun?"},"content":{"rendered":"<p>Globalisierung ist in aller Munde. Wenn sich in Heiligendamm die \u201ewichtigsten\u201c Staatschefs trafen, um \u00fcber eine bessere Vernetzung zu reden, dann meinten sie in erster Linie die Vernetzung von Warentransporten und Geldverkehr. Die urspr\u00fcngliche Akkumulation von Kapital frisst sich in den letzten Winkel der Erde und sucht nach immer neuen Verwertungsbedingungen, Absatzm\u00e4rkten und billigster Lohnarbeit. Der informelle Charakter des Treffens in Heiligendamm kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass ein einzigartiger Konkurrenzkampf weltweit in eine neue Phase eingetreten ist: Ausbeutung schafft Terror, schafft Sicherheitswahn, schafft weitere Ungleichheit.<\/p>\n<p>Auch Berlin ist von den Krisen- und Restrukturierungsprozessen des Kapitals betroffen. Wenn Politiker von der Zukunft Berlins reden, dann meinen sie eine Metropole, die in der Standortkonkurrenz ihren Platz findet, um Investoren zahlreich begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Es geht nicht um eine lebenswerte Stadt f\u00fcr Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihre G\u00e4ste, sondern um die Stadt als Ware. Grundst\u00fccke werden gekauft und weiter verkauft, die Freizeit wird zu einem einzigartigen Markt an Dienstleistungen, die Konkurrenz schafft die Rechtfertigung f\u00fcr Verdr\u00e4ngung, <a title=\"Segregation (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Segregation\">Segregation<\/a> und <a title=\"Gentrifikation (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gentrifikation\">Gentrifikation<\/a>.<\/p>\n<p>Berlin gilt unter Investoren und Immobilienfonds als \u201eunterbewertet\u201c. Richtig ist, dass auch noch 17 Jahre nach dem Mauerfall die imagin\u00e4re Grenze zwischen Ost- und Westberlin unterschiedliche Barrieren gegen eine z\u00fcgellose Aufwertung gestellt hat. Neben den H\u00e4userk\u00e4mpfen in Kreuzberg, der behutsamen Stadterneuerung, der Ostberliner Moderne im Stadtzentrum und den vielf\u00e4ltigsten Partizipations- und Protestformen, ist die Mitte Berlins v\u00f6llig untypisch f\u00fcr ein Metropolenzentrum: Sanierungsgebiete mit Mietobergrenzen, soziale Brennpunkte, kinderreiche Stadtquartiere und besetzte H\u00e4user, Wagenburgen und Aufwertungsgebiete liegen dicht beieinander.<\/p>\n<p>Im Zentrum findet der letzte symbolische Kampf des Kalten Krieges seinen vorl\u00e4ufigen Abschluss im Abriss des Palastes der Republik und dem Wiederaufbauplan des alten Stadtschlosses. Gleichzeitig besetzt die ger\u00e4umte <a title=\"New Yorck 59 im Bethanien\" href=\"http:\/\/www.yorck59.net\">Yorck59<\/a> das leere Sozialamt im legend\u00e4ren <a title=\"Das Bethanien\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bethanien_%28Berlin%29\">Bethanien<\/a> und <a title=\"IZB - Initiative Zukunft Bethanien\" href=\"http:\/\/bethanien.info\">stoppt mit Hilfe eines <em>B\u00fcrgerbegehrens<\/em><\/a> die Privatisierung. Die BVV einigt sich auf einen Beschluss, der einen <em>B\u00fcrgerentscheid<\/em> er\u00fcbrigt und der gr\u00fcne Bezirksb\u00fcrgermeister richtet einen Runden Tisch ein. Formen des Zivilen Ungehorsams wechseln mit diskursiven Verfahren der Verhandlungen am Runden Tisch.<\/p>\n<p>All das aber kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass auch Berlin von den gr\u00f6\u00dften Stadtumstrukturierungsprozessen betroffen ist. Internationale Waren-, Finanz- und Migrationsstr\u00f6me binden Berlin in einen globalen arbeitsteiligen Prozess ein. Eine rot-rote Landesregierung legitimiert eine sogenannte Arbeitsmarktreform, die den Ausschluss gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung aus dem Arbeitsmarkt zur Folge hat, ohne alternative Formen der Integration und Teilhabe zu entwickeln. Diese m\u00fcssen erk\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Darum hat Berlin zu jedem Projekt, das scheinbar das Gute will und das B\u00f6se schafft, eine Patenschaft im alternativen Spektrum: \u201e<a title=\"Mediaspree\" href=\"http:\/\/www.mediaspree.de\">Mediaspree<\/a>\u201c, die Aufwertung des Spreeufers zwischen Ost- und Westberlin, wird begleitet durch die <a title=\"Initiativkreis Mediaspree Versenken\" href=\"http:\/\/www.ms-versenken.org\">Initiative Mediaspree Versenken<\/a>, die weitere sozialr\u00e4umliche Spaltung durch die sogenannte Arbeitsmarktreform wird begleitet durch die \u201e<a title=\"Kampagne gegen Zwangsumz\u00fcge\" href=\"http:\/\/www.gegen-zwangsumzuege.de\">Kampagne gegen Zwangsumz\u00fcge<\/a>\u201c, die Privatisierung der G\u00fcter \u00f6ffentlicher Daseinsvorsorge wird vom <a title=\"Berliner B\u00fcndnis gegen Privatisierung\" href=\"http:\/\/www.unverkaeuflich.org\">Antiprivatisierungsb\u00fcndnis<\/a> begleitet. Konkrete Sanierungs- und Aufwertungsvorhaben werden durch spontane Initiativen, wie die <a title=\"Initiative Fichtebunker\" href=\"http:\/\/www.fichtebunker.com\">Initiative Fichtebunker<\/a>, an die \u00d6ffentlichkeit gebracht.<\/p>\n<p>Aber unter den Bedingungen neoliberaler Globalisierung und der damit einhergehenden \u00d6konomisierung jeglicher offizieller Stadtpolitik, reicht es nicht aus, an einzelnen Fronten zu k\u00e4mpfen. Die zum Teil disparat erscheinenden Akteurskonstellationen brauchen ihrerseits Formen der <a title=\"Netzwerk Abriss Berlin\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\">Vernetzung, der Solidarisierung und des fr\u00f6hlichen Widerstandes<\/a>. Die Stadt ist nicht nur der Ort der Verwertung von Kapital und den damit einhergehenden sozialr\u00e4umlichen Spaltungen, sondern eben auch der Ort der Decodierung \u00f6konomischer Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>Der neoliberale Stadtumbau, die Stadt in der Standortkonkurrenz, die Renaissance der Innenst\u00e4dte, oder wie immer auch dieser Prozess offiziell beschrieben wird, es ist ein einzigartiger Umbau der Stadt in sozial ausgegrenzte Stadtr\u00e4ume und zu jeglichem Verlust an \u00f6ffentlichem Raum und Gemeinwesen. \u00d6ffentlicher Raum ist jedoch weder eine fr\u00f6hliche Begegnungsst\u00e4tte, die innerhalb der monofunktionalen Shoppingcenter, die wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen, mal eben im Eventcharakter des gemeinsamen weltmeisterlichen Erlebens ins \u201eSony-Center\u201c implantiert werden kann, noch stellt er sich dar als \u201eneutraler Ort\u201c, an dem sich Menschen begegnen. Vielmehr transportiert der \u00d6ffentliche Raum als ein Medium wechselnde Identit\u00e4ten und reproduziert bestehende Machtverh\u00e4ltnisse; der \u00d6ffentliche Raum war stets gepr\u00e4gt durch den spezifischen Ausschluss von Gruppen. Im neoliberalen Berlin wird der Ausschluss u. a. durch die marktdominierende Logik der Kapitalverwertung hergestellt. Soziales Leben entzieht sich allerdings einer \u00f6konomischen Bewertung, weshalb unz\u00e4hlige gute Ideen an der Umsetzung scheiterten, weil der <a title=\"Liegenschaftsfonds Berlin\" href=\"http:\/\/www.liegenschaftsfonds-berlin.de\">Liegenschaftsfonds Berlin<\/a> &#8211; als zentraler Akteur &#8211; die Stadtentwicklungspolitik in barer M\u00fcnze misst.<\/p>\n<p>Die Kehrseite der Aufwertung ist der Verfall, der Leerstand. Dort, wo die erwarteten Mieten nicht zu erzielen sind, bleibt Leerstand und Verfall \u00fcbrig, dort wo Mieten steigen, werden Mieterinnen und Mieter verdr\u00e4ngt, R\u00e4ume der Subkultur verschwinden. Es geht nicht nur um Kauf und Verkauf, sondern um Spekulation auf Grund und Boden. Der Protest, die Besetzung von R\u00e4umen, der Widerstand ist die einzige Antwort, um diese Spirale zu durchbrechen. Die Stadt ist nicht der Ort, um aus Geld Geld zu machen, sondern um ihn zu nutzen und zu benutzen, ihn sich anzueignen, zu besetzen, Spa\u00df zu haben. Man kann weiter zusehen oder man kann es jetzt tun: Besetzen und bleiben, bis auch dem letzten die Augen aufgehen, was hier eigentlich los ist. Nein, wir brauchen keine Rente und keinen Rentenfonds, wir versichern uns nicht privat, wir wollen keine Eigentumswohnung &#8211; wir wollen jetzt und hier die Stadt zur\u00fcck!<\/p>\n<p>Wir sind gekommen, um zu bleiben und geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n<p><em>Karin Baumert, Stadtsoziologin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Globalisierung ist in aller Munde. 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