{"id":2408,"date":"2011-07-11T14:47:30","date_gmt":"2011-07-11T12:47:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2408"},"modified":"2011-07-11T14:47:30","modified_gmt":"2011-07-11T12:47:30","slug":"luftschlosser-versenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2408","title":{"rendered":"Luftschl\u00f6sser versenken!"},"content":{"rendered":"<p>Die Freunde vordemokratischer Restauration hatten j\u00fcngst wieder einen Grund, die Korken knallen zu lassen: Der Haushaltsausschuss des Bundestages fand sich mit den \u2013 bestimmt nicht zum ersten Mal \u2013 gestiegenen Baukosten f\u00fcr die Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses ab und genehmigte mal eben die Erh\u00f6hung der Kostenobergrenze von 552 auf 590 Millionen Euro. Somit sollen nun der Bund mit 478 Millionen Euro und das Land Berlin mit 32 Millionen Euro f\u00fcr den Schlossbau aufkommen. Der fehlende Betrag von 80 Millionen Euro soll durch private Spenden aufgebracht werden, die wiederum f\u00fcr den Nachbau der \u201ehistorischen\u201c Fassade, eine Kuppel und drei Innenportale verwendet werden sollen. <\/p>\n<p>Es gibt zwar nach wie vor Zweifel, ob diese Summe eingesammelt werden kann und ob sie dann auch wirklich ausreicht \u2013 aber wenn es um repr\u00e4sentative Protzbauten geht, vergisst die politische Klasse schnell ihre sonstigen Litaneien von Sparzw\u00e4ngen und leeren Kassen. So sagte j\u00fcngst Bundestagsvizepr\u00e4sident Wolfgang Thierse (SPD), seines Zeichens Mitglied im Stiftungsrat der \u201eStiftung Berliner Schloss \u2013 Humboldtforum\u201c in der TAZ, dass zwar so viele Spenden wie m\u00f6glich gesammelt werden m\u00fcssten, sollten diese aber nicht ausreichen, sei \u201enotfalls\u201c der Staat gefragt, die fehlenden Summen auszugleichen. Immerhin, so Thierse an anderer Stelle, handle es sich bei dem Stadtschloss um \u201edas gr\u00f6\u00dfte Kulturprojekt\u201c in der Geschichte der Bundesrepublik. <\/p>\n<p>Die wirklichen Hauptfunktionen dieses \u201eKulturprojektes\u201c sind allerdings schnell benannt: Bei der im April 2013 geplanten Grundsteinlegung sowie der Mitte 2019 geplanten Er\u00f6ffnung k\u00f6nnen sich Politiker filmen lassen, wie sie ein schwarz-rot-goldenes B\u00e4ndel durchschneiden und dabei historisierend-staatstragend daherplappern. Weiterhin bietet das Schloss k\u00fcnftigen Berlin-Touristen ein Fotomotiv mehr und Schulklassen auf Jahresfahrt eine zus\u00e4tzliche St\u00e4tte zum gelangweilten Lauschen der Ausf\u00fchrungen ihres Gemeinschaftskundelehrers. Und weil das Bauprojekt nun mal in Berlin steht, wird das passieren, was in Berlin immer passiert: Termine verz\u00f6gern sich, die Baukosten steigen \u201ev\u00f6llig unerwartet\u201c und die Steuerzahler kommen schlie\u00dflich f\u00fcr so gut wie alles auf. Wenn sie Gl\u00fcck haben, gibt es irgendwann sp\u00e4ter noch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Kostensteigerungen und zur Verwendung von Spendengeldern. Dies ist zumindest naheliegend, betrachtet man sich das bisherige Wirken des \u201eF\u00f6rdervereins Berliner Schlo\u00df\u201c, dessen Gesch\u00e4ftsgebaren immer wieder kritisiert wird. <\/p>\n<p>Wenigstens wird die Bev\u00f6lkerung nicht wie im Mittelalter mit Zwangsabgaben f\u00fcr den Bau von Herrschaftsrepr\u00e4sentanzen drangsaliert, sondern ganz demokratisch vor die Wahl gestellt: Entweder mit Spenden oder mit Steuern alles zu finanzieren. Und wenn dann f\u00fcr die Jugendhilfe in Neuk\u00f6lln oder eine vern\u00fcnftige Ausstattung von Kitas und Schulen kein Geld mehr da ist, kann sich wenigstens mit den Politikern und den Abendschau-Moderatoren \u00fcber eine neue Berlin-Marketing-Attraktion gefreut werden. Andererseits aber k\u00f6nnte sich die heutige Bev\u00f6lkerung auch ein Beispiel an den sp\u00e4tmittelalterlichen Berlinern nehmen. Als ihnen das Treiben des Kurf\u00fcrsten Friedrich II. zu bunt wurde und er ihnen auch noch ein Gel\u00e4nde am Spreeufer des damaligen C\u00f6lln (heute Mitte) abkn\u00f6pfte, um darauf sein Schloss zu bauen, besetzten sie 1448 kurzerhand das Berliner Rathaus und setzten den Bauplatz f\u00fcr das Schloss unter Wasser. Etwas weniger Thierse und etwas mehr Berliner Unwille \u2013 das w\u00e4re mal was.<\/p>\n<p><em>Benedict Ugarte Chac\u00f3n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freunde vordemokratischer Restauration hatten j\u00fcngst wieder einen Grund, die Korken knallen zu lassen: Der Haushaltsausschuss des Bundestages fand sich mit den \u2013 bestimmt nicht zum ersten Mal \u2013 gestiegenen Baukosten f\u00fcr die Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses ab und genehmigte mal eben die Erh\u00f6hung der Kostenobergrenze von 552 auf 590 Millionen Euro. 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