{"id":2533,"date":"2011-12-20T01:07:26","date_gmt":"2011-12-19T23:07:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2533"},"modified":"2011-12-20T01:07:26","modified_gmt":"2011-12-19T23:07:26","slug":"schlaft-in-himmlischer-ruh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2533","title":{"rendered":"Schlaft in himmlischer Ruh!"},"content":{"rendered":"<p>Sie br\u00fcllt, sie rauscht, sie stampft. Die Weihnachtsmaschine l\u00e4uft auf Hochtouren. Ob Media- oder Weihnachtsm\u00e4rkte, ob Abendschau oder Musikantenstadl \u2013 \u00fcberall ist \u201eWeihnachtsstimmung\u201c oberste Pflicht. Es geh\u00f6rt dabei zu den allj\u00e4hrlichen Ritualen, dass sich die W\u00fcrdentr\u00e4ger ganz besonders nachdenklich geben. Pfarrer und Bisch\u00f6finnen erinnern dann mit bed\u00e4chtiger Mine an den wahren Sinn des Festes, bei dem es darum gehe, dass der Gottessohn auf die Erde geschickt wurde, um den Menschen N\u00e4chstenliebe zu predigen, damit \u201eFriede auf Erden\u201c sei, wie die Engelsch\u00f6re den Hirten in der Weihnachtsnacht verk\u00fcndeten. \u00c4hnlich rituell sind die Salbadereien von Politikern jeglicher Couleur, deren Texter angehalten sind, etwas zusammenzuschreiben, das einerseits ruhig und erhaben und andererseits auch ein bisschen mutmachend klingt. So wies Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Beispiel in einem Text f\u00fcr \u201eDie Zeit\u201c zu Weihnachten 2010 auf \u201edie Verletzlichkeit des Menschen\u201c hin, der dennoch in der Lage sei, \u201eDinge zum besseren zu wenden\u201c. N\u00e4chstenliebe, Solidarit\u00e4t und ganz besonders Wertvorstellungen seien das \u201eFundament des Zusammenhalts\u201c in der Gesellschaft, was ja irgendwie auch mit der Geburt des Kindes im Stall von Bethlehem zu tun habe.<\/p>\n<p>Zu den Ritualen geh\u00f6rt bei vielen auch die besinnliche Weihnachtsv\u00f6llerei. Der \u00fcbertriebene Konsum wird dabei begleitet von den allj\u00e4hrlichen Ratgebern in Fernsehen und Zeitschriften, wie denn das zugelegte Gewicht m\u00f6glichst schnell wieder abgespeckt werden kann. Man kann annehmen, dass ein ebenso \u00fcbertriebener, gro\u00dfer Teil der zum Fest gekauften und bereitgestellten Lebensmittel hernach bedenkenlos auf den M\u00fcll geschmissen wird. Dies ist naheliegend, denn diese Art von Umgang mit einwandfreien Lebensmitteln ist in Deutschland und Europa keine weihnachtliche Besonderheit, sondern eingefahrene Normalit\u00e4t. Die Welthungerhilfe berichtet, dass allein in Deutschland j\u00e4hrlich 20 Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel auf der M\u00fcllkippe oder in der Biogasanlage landen. Diese stammen nicht nur aus den Haushalten, die zuviel und zu unbedacht einkaufen. Sie stammen auch aus den Superm\u00e4rkten und Gro\u00dfm\u00e4rkten, die den \u201eVerbrauchern\u201c immer penibelst einwandfreie Ware darbieten wollen, da diese angeblich danach verlangten. Eine Kiste Orangen, in der zwei Fr\u00fcchte \u00fcberreif sind, wird komplett entsorgt, weil es sich nicht lohnen w\u00fcrde, die zwei Fr\u00fcchte auszusortieren. Verpackte Lebensmittel, Fleisch, Fisch, die nur noch in geringer St\u00fcckzahl vorhanden sind, landen im Abfall, weil in den Regalen Platz f\u00fcr neue Ware gebraucht wird. Pro Jahr werden in Deutschland 500.000 Tonnen Brot vernichtet. Dies hat seinen Grund in der verbraucherorientierten \u00dcberproduktion: Weil die \u201eVerbraucher\u201c angeblich noch um 19:30 Uhr im Supermarkt ein Brotregal mit voller Auswahl haben wollen, wird zwischen 10 und 20 Prozent mehr Brot hergestellt, als tats\u00e4chlich gebraucht wird. Was in den \u201ezivilisierten\u201c L\u00e4ndern im M\u00fcll landet, w\u00fcrde \u2013 so eine theoretische Rechnung \u2013 gen\u00fcgen, um drei Mal alle Hungerleidenden der Welt zu ern\u00e4hren. Die Gegen\u00fcberstellung von \u00dcberfluss auf der einen und Hunger auf der anderen Seite der Welt mag etwas abstrakt erscheinen, denn ein \u00fcbrig gebliebenes Brot in Deutschland nutzt einer Familie in Afrika nichts. Auf den zweiten Blick ist dieser Zusammenhang aber doch nicht so abstrakt. Denn die sinnlose \u00dcberproduktion von Brot vergr\u00f6\u00dfert die Nachfrage auf den internationalen Getreidem\u00e4rkten. Und wo die Nachfrage steigt, steigt auch der Preis. Und hohe Getreidepreise treffen die Armen der Welt konkret, da sie, im Gegensatz zur Bev\u00f6lkerung reicherer L\u00e4nder, den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Eink\u00fcnfte f\u00fcr Lebensmittel aufwenden m\u00fcssen. F\u00fcr einen mitteleurop\u00e4ischen Haushalt ist ein erh\u00f6hter Weizenpreis keine wahrnehmbare Gr\u00f6\u00dfe \u2013 f\u00fcr eine afrikanische Familie kann er eine Frage auf Leben und Tod sein.<\/p>\n<p>Nicht nur die Verschwendung des wohlhabenderen Teils der Weltbev\u00f6lkerung tr\u00e4gt zum Hunger der Armen bei. Die Mehrung des Wohlstands auf der einen Seite steht im direkten Zusammenhang mit der Mehrung von Hunger und Armut auf der anderen. Wie dies funktioniert, hat der Finanzjournalist Harald Schumann (Tagesspiegel) in einem umfangreichen Report f\u00fcr die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch herausgearbeitet. Ob milliardenschwere Fonds, Banken oder Kleinanleger \u2013 allesamt beteiligen sie sich an der Spekulation mit Rohstoff-Papieren und setzen damit auch auf m\u00f6glichst steigende Preise von Getreide, Zucker oder Speise\u00f6l. Die Rohstoffb\u00f6rse bestimmt den Preis, die tats\u00e4chlichen Gr\u00f6\u00dfen von realem Angebot und realer Nachfrage r\u00fccken in den Hintergrund. Von 2001 bis 2011 haben sich die Weltmarktpreise der ern\u00e4hrungsrelevanten Rohstoffe teilweise mehr als verdoppelt. Der Welthungerindex 2011 benennt die Ausweitung von Warentermingesch\u00e4ften mit Agrarg\u00fctern neben der Verwendung von Agrarprodukten zur Treibstoffherstellung und durch den Klimawandel hervorgerufene extreme Wetterereignisse als Hauptursache f\u00fcr h\u00f6here Lebensmittelpreise und deren starke Schwankung. Arme, hungernde Menschen k\u00f6nnen weder mit Preisanstiegen mithalten noch sich den starken Preisschwankungen anpassen \u2013 sie k\u00f6nnen h\u00f6chstens ihre Kalorienzufuhr vermindern und st\u00e4rker hungern oder im Zweifelsfall auf billigere, minderwertige Lebensmittel zur\u00fcckgreifen. Beides f\u00fchrt zu Mangel- und Unterern\u00e4hrung, zu Krankheit und Tod. Dass die Preise stark schwanken, erm\u00f6glicht Investoren eine h\u00f6here Renditechance, was wiederum zu vermehrten Spekulationen f\u00fchrt. Ein Teufelskreis, der die Situation der \u00c4rmsten der Armen in den n\u00e4chsten Jahren weiter versch\u00e4rfen wird. Die Kriege der Zukunft m\u00f6gen um Wasser gef\u00fchrt werden. Die Aufst\u00e4nde der Gegenwart werden aus Hunger gef\u00fchrt. Ob in Haiti oder Indonesien, ob in Bangladesch oder im Jemen \u2013 als in den Jahren 2007 und 2008 die Preise f\u00fcr Soja, Reis und Weizen in die H\u00f6he schossen, kam es zu sozialen Unruhen.<\/p>\n<p>Die Spekulation auf Kosten der \u00c4rmsten und ihre gesellschaftlichen Folgen sind l\u00e4ngst ein sattsam bekanntes Problem, auch und gerade bei den europ\u00e4ischen Regierungen. Doch die Regierung der von vorgeblich christlichen Wertvorstellungen getragenen Bundeskanzlerin Merkel hat bis heute rein gar nichts unternommen, was diesen Zustand wenigstens entsch\u00e4rfen k\u00f6nnte. Im Gegenteil, die heiligen M\u00e4rkte werden von der politischen Klasse, gef\u00fchrt durch Finanzmarktlobbyisten und beeinflusst durch \u201eParteispenden\u201c, nicht angetastet. \u201eFinanzmarktstabilit\u00e4t\u201c ist Sinn, Zweck und Ziel dieser Politik, der die Folgen ganz egal sind und der Verantwortung fremd ist. Die einfachsten Zusammenh\u00e4nge werden geleugnet, Probleme in eine ungewisse Zukunft vertagt. Ein sch\u00e4biges Verhalten, so menschenverachtend, dass man diesen Leuten w\u00fcnscht, sie w\u00fcrden einmal in der Haut einer afrikanischen Mutter stecken, der das Kind in den Armen verhungert. Gerade wenn es um Wertvorstellungen geht, sollte man sich, vielleicht nicht nur an Weihnachten, den Satz vor Augen halten, den das Christuskind sagte, als es nicht mehr klein und niedlich, sondern ein ausgewachsener Rebell war: \u201eWas ihr f\u00fcr einen meiner geringsten Br\u00fcder getan habt, das habt ihr mir getan.\u201c<\/p>\n<p><em>Benedict Ugarte Chac\u00f3n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie br\u00fcllt, sie rauscht, sie stampft. Die Weihnachtsmaschine l\u00e4uft auf Hochtouren. Ob Media- oder Weihnachtsm\u00e4rkte, ob Abendschau oder Musikantenstadl \u2013 \u00fcberall ist \u201eWeihnachtsstimmung\u201c oberste Pflicht. 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