{"id":2845,"date":"2012-12-16T02:19:46","date_gmt":"2012-12-16T00:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2845"},"modified":"2012-12-16T14:06:28","modified_gmt":"2012-12-16T12:06:28","slug":"wer-klopfet-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2845","title":{"rendered":"Wer klopfet an?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/berlin-brandenburger-tor.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2854 lazyload\" title=\"berlin-brandenburger-tor\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/berlin-brandenburger-tor.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"413\" data-srcset=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/berlin-brandenburger-tor.jpg 550w, https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/berlin-brandenburger-tor-300x225.jpg 300w\" data-sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 550px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 550\/413;\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eines der Hauptmotive der Weihnachtsgeschichte ist die Herbergssuche von Josef und Maria. Das Paar wird, obwohl Maria hochschwanger ist, von mehreren Wirten abgewiesen. Nur in einem Stall in der N\u00e4he von Bethlehem ist noch Platz. Und so bringt Maria ihren Sohn eben dort zur Welt und legt ihn in die mit Stroh gef\u00fcllte Krippe.<\/p>\n<p>In der einen oder anderen Weihnachtsmesse wird wohl auch in diesem Jahr von der Herbergssuche gepredigt werden. Und die \u00fcblichen Festredner \u2013 ob Politiker oder Fernsehmoderatoren \u2013 werden ebenfalls auf diese Geschichte zu sprechen kommen, deren Moral ja recht einfach zu verstehen ist: Seht, man weist Menschen, die sich in einer Notlage befinden, nicht einfach von der T\u00fcr, sondern man soll ihnen Obdach gew\u00e4hren, sie bei sich aufnehmen. Und ja, aus der weihnachtlich-warmen Stube heraus lassen sich gl\u00e4nzend moralische Gedanken machen. Man muss dabei nur ausblenden, dass es den Menschen, die heute abgewiesen werden oder die auf ihrem Weg nicht einmal an die Grenzen gelangen, von denen sie dann abgewiesen werden k\u00f6nnten, schlechter geht, als Maria und Josef im Stall von Bethlehem. Zu ihnen kommen keine Hirten oder Weise aus dem Morgenland. Sie fristen ein karges Dasein in einem illegalen Fl\u00fcchtlingslager irgendwo zwischen den Staaten von Afrika oder in einem \u201eAuffanglager\u201c auf Lampedusa. Oder sie treiben tot und vergessen im Mittelmeer, welches sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben in einem kleinen, \u00fcberlasteten Fischerboot \u00fcberqueren wollten.<\/p>\n<p>Die <em>tageszeitung<\/em> verwies Anfang November auf eine in Marokko vorgestellte Bilanz, wonach allein in der zweiten Oktoberh\u00e4lfte dieses Jahres 90 Fl\u00fcchtlinge auf dem Weg \u00fcber das Mittelmeer ertrunken seien. Regelm\u00e4\u00dfig zieht die italienische K\u00fcstenwache Leichen von Fl\u00fcchtlingen aus dem Meer. Nach Sch\u00e4tzungen der UNHCR gibt es weltweit 43 Millionen Fl\u00fcchtlinge oder Menschen, die in einer \u201efl\u00fcchtlings\u00e4hnlichen Situation\u201c leben m\u00fcssen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Flucht sind vielf\u00e4ltig: Krieg, Folter, Menschenrechtsverletzungen, Verfolgung oder einfach die Armut, die ihnen das Leben in ihrer Heimat unertr\u00e4glich macht. Und diese Armut ist nicht gottgegeben, sie ist von Menschen gemacht. Auch durch die Gier der Menschen auf einem Teil der Erde, die die Augen vom dadurch verursachten Elend auf dem anderen Teil verschlie\u00dfen m\u00fcssen, weil es sonst unertr\u00e4glich w\u00fcrde. Aber: Auf den eigenen Wohlstand zu verzichten, w\u00e4re undenkbar.<\/p>\n<p>Und so wird mit dem Hunger, der Armut und dem Tod von Millionen Menschen spekuliert. Ob milliardenschwere Fonds, Banken oder Kleinanleger \u2013 allesamt beteiligen sie sich an der Spekulation mit Rohstoff-Papieren und setzen damit auch auf m\u00f6glichst steigende Preise von Getreide, Zucker oder Speise\u00f6l. Die Rohstoffb\u00f6rse bestimmt den Preis. Von 2001 bis 2011 haben sich die Weltmarktpreise der ern\u00e4hrungsrelevanten Rohstoffe teilweise mehr als verdoppelt. Der Welthungerindex 2011 benennt die Ausweitung von Warentermingesch\u00e4ften mit Agrarg\u00fctern neben der Verwendung von Agrarprodukten zur Treibstoffherstellung und durch den Klimawandel hervorgerufene extreme Wetterereignisse als Hauptursache f\u00fcr h\u00f6here Lebensmittelpreise und deren starke Schwankung. Arme, hungernde Menschen k\u00f6nnen weder mit Preisanstiegen mithalten noch sich den starken Preisschwankungen anpassen \u2013 sie k\u00f6nnen h\u00f6chstens ihre Kalorienzufuhr vermindern und st\u00e4rker hungern oder im Zweifelsfall auf billigere, minderwertige Lebensmittel zur\u00fcckgreifen. Beides f\u00fchrt zu Mangel- und Unterern\u00e4hrung, zu Krankheit und Tod.<\/p>\n<p>Dass die Preise stark schwanken, erm\u00f6glicht Investoren eine h\u00f6here Renditechance, was wiederum zu vermehrten Spekulationen f\u00fchrt. Ein Teufelskreis, der die Situation der \u00c4rmsten der Armen in den n\u00e4chsten Jahren weiter versch\u00e4rfen wird. Die Kriege der Zukunft m\u00f6gen um Wasser gef\u00fchrt werden. Die Aufst\u00e4nde der Gegenwart werden aus Hunger gef\u00fchrt. Wer will es da den Menschen ver\u00fcbeln, auf ein Leben jenseits von Krieg, Hunger und Elend zu hoffen und sich auf den Weg in scheinbar bessere Gefilde zu machen? Dies sollten sich vor allem jene kleinen Leute vor Augen halten, die in einer diffusen Mischung aus \u00c4ngstlichkeit und falschem Stolz von \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtlingen\u201c salbadern. Es sei hier an die Worte von Bertolt Brecht erinnert, der den armen Mann zum reichen Mann bleich sagen l\u00e4sst: \u201e&#8230;w\u00e4r ich nicht arm, w\u00e4rst du nicht reich.\u201c<\/p>\n<p>Mit jenen, die es hinter die Grenzen geschafft haben und denen man nun unsere Gastfreundschaft vorh\u00e4lt, wird nicht weniger dem\u00fctigend verfahren als mit jenen, denen der erste Eintritt gar nicht erst gelingt. Als Beispiel daf\u00fcr m\u00f6gen hier die Vorkommnisse geschildert sein, die sich im vorgeblichen Herzen der Stadt, am Brandenburger Tor, abspielten: Der erste Advent 2012 war in Berlin ein tr\u00fcber Tag. Es herrschten Temperaturen zwischen minus und plus zwei Grad und der Tag war einer der ersten des Jahres, an dem leichter Schnee fiel. Wie es fast typisch f\u00fcr solchen ersten Schnee ist, blieben die Stra\u00dfen nicht lange wei\u00df, sondern der Schnee wurde schnell zu einem feuchten Matsch, der die Stadt noch ungem\u00fctlicher machte. Hielt man sich an diesem Tag l\u00e4nger im Freien auf, so kroch die feuchte K\u00e4lte durch die Kleidung und man war froh, wenn man es irgendwo behaglich hatte.<\/p>\n<p>Feierlich ging es zu an diesem ersten Advent. Vor der erhabenen Kulisse des Brandenburger Tores wurde der traditionelle Weihnachtsbaum erleuchtet, den Norwegen jedes Jahr als Zeichen des Friedens an Berlin spendiert. Unterhalten wurden die Besucher von einer Trompeter-Gruppe, die weihnachtliche Weisen zum Besten gab, dazu gab es Waffeln, W\u00fcrstchen und Gl\u00fchwein. Am Abend zuvor hatte ein braver Beamter des Ordnungsamts Mitte den Pariser Platz f\u00fcr die besinnliche Adventsfeier herrichten lassen. Denn den Besuchern sollte die Stimmung nicht mit dem Anblick eines Busses getr\u00fcbt werden, der schon einige Zeit dort stand. Es handelte sich um einen \u201eW\u00e4rmebus\u201c. In ihm konnte sich das Dutzend Fl\u00fcchtlinge aufw\u00e4rmen und erholen, das schon seit einigen Wochen bei K\u00e4lte, Regen und nun auch Schnee Tag und Nacht auf dem Platz ausharrt.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge sind zu Fu\u00df nach einem langen Marsch durch die halbe Republik nach Berlin gekommen, um gegen die Bedingungen zu protestieren, denen sie ausgesetzt sind. So d\u00fcrfen sie den ihnen zugewiesenen Landkreis nicht verlassen, werden in \u201eSammelunterk\u00fcnften\u201c weggesperrt, warten viel zu lange auf die Bearbeitung ihrer Asylantr\u00e4ge und wollen \u2013 so wie jeder Mensch \u2013 w\u00fcrdig behandelt werden. Die Fl\u00fcchtlinge am Brandenburger Tor sind so verzweifelt und entschlossen, dass sie sich in einen Hungerstreik begaben. Der W\u00e4rmebus, den ein privater Unterst\u00fctzer auf den Platz gefahren hatte, wurde ihnen genommen. Die Polizisten machten ihn unbrauchbar, so dass er nicht mehr heizen kann. Das tolerante und multikulturelle Berlin zeigte den Fl\u00fcchtlingen seine obrigkeitsstaatliche Fratze.<\/p>\n<p>Eine wirkliche Weihnachtsbotschaft\u00a0\u2013 wenn man diesen s\u00fc\u00dflichen Begriff gebrauchen m\u00f6chte\u00a0\u2013 brachten weder Pfarrer noch Politiker zu den Fl\u00fcchtlingen ans Brandenburger Tor. Dies \u00fcbernahmen zahlreiche stillere und lautere Unterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer, die Kleidung herbeischafften, die f\u00fcr Decken sorgten, die warme Getr\u00e4nke und W\u00e4rmflaschen bereitstellten. Alles schnell organisiert und auf eigene Kosten. Die Botschaft hie\u00df: \u201eIhr seid nicht allein\u201c.<\/p>\n<p><em>Benedict Ugarte Chac\u00f3n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der Hauptmotive der Weihnachtsgeschichte ist die Herbergssuche von Josef und Maria. Das Paar wird, obwohl Maria hochschwanger ist, von mehreren Wirten abgewiesen. Nur in einem Stall in der N\u00e4he von Bethlehem ist noch Platz. Und so bringt Maria ihren Sohn eben dort zur Welt und legt ihn in die mit Stroh gef\u00fcllte Krippe. In [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-2845","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-no-go-area-wir-bleiben-alle"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2845"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2853,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2845\/revisions\/2853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}