{"id":2888,"date":"2013-04-27T00:30:29","date_gmt":"2013-04-26T22:30:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2888"},"modified":"2013-04-28T12:14:57","modified_gmt":"2013-04-28T10:14:57","slug":"rollrasen-im-garten-eden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=2888","title":{"rendered":"Rollrasen im Garten Eden"},"content":{"rendered":"<p>Wieder war ein St\u00fcck guten Gl\u00fccks der \u00dcbermacht einiger traumloser Gesellen in Regierung und Planwirtschaft zum Opfer gefallen. Und das Volk in seinen Gattern nahm dies hin, <a title=\"Der Flaschenhals ist freigemacht\" href=\"http:\/\/baumschutz.wordpress.com\/2013\/04\/22\/flaschenhals-freigemacht\/\">nicht alle und nicht alles freilich<\/a> und auch nicht sofort, aber die allermeisten von ihnen sp\u00e4ter dann doch. Die m\u00e4rchenhafte Wildnis im endzeitlichen Zauberwald inmitten der weitl\u00e4ufigen Stadt trug den ungeliebten Stempel der Freiheit. Diese grobe Ungewissheit weckte Argwohn nicht nur bei den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden. Jener verwunschene Ort ist daher l\u00e4ngst Geschichte; was von ihm blieb, ist <a title=\"Neues vom Gl\u00f6ckner: Darwin verkehrt\" href=\"http:\/\/www.weltuntergangs.info\/archives\/1524\">Erinnerung<\/a>.<\/p>\n<p>L\u00f6cher in den Z\u00e4unen ringsum dienten als Ein- und Ausgang. Die Menschen betraten das Areal, auch wenn dies selbstverst\u00e4ndlich nicht gestattet war. Jeder \u00dcbertritt markierte den ungesetzlichen Akt der Selbstbestimmung. Das informelle Naturerlebnis jenseits der engen H\u00e4userschluchten begeisterte seine Entdecker. Verfallende Ziegelbauten aus den Zeiten des bahnwirtschaftlichen Betriebs boten ihren Bewohnern eine karge Heimstatt, nat\u00fcrlich widerrechtlich. Mancheiner, der die Rechthaberei der Einfaltsgesellschaft satthatte, fand hier ein trautes Pl\u00e4tzchen, schlug sein Lager auf, ein Zelt: Improvisierte Heimat fernab von Hype und Habsucht einer zur Gefr\u00e4\u00dfigkeit erzogenen Metropole, Lagerfeuerromantik jenseits des \u00fcberbem\u00fchten Wohlstandsklischees.<\/p>\n<p>Wald sah man dort vor lauter B\u00e4umen nicht. Diese durchaus gespr\u00e4chigen Zeitgenossen fl\u00fcsterten ihren heimlichen Besuchern Geheimnisse ins Ohr, und als Zeugen der Melancholie ragten sie weltverloren ins Alles und Nichts der schwer zug\u00e4nglichen Lichtungen. Buschwerk \u00fcberwuchs Aufsch\u00fcttungen und Untiefen. Verkohlte Balken st\u00fcrzten von den Gem\u00e4uern der Ruinen und luden zum Verweilen ein. Rostende Signalmasten signalisierten dem sie belagernden Dschungel die Bereitschaft zu ewigem Ruhestand in Einheit mit Mutter Erde. Und Dunkelheit blieb Dunkelheit, keine Funzel leuchtete Spazierg\u00e4ngern den Weg. Selbst wer ihn kannte, konnte nach Sonnenuntergang rasch die Orientierung verlieren und musste nun den Entschluss fassen, sich einer neuen zu bequemen.<\/p>\n<p>Vielleicht stie\u00df ihn die ungewohnte Losigkeit in eine Not, die ihn nachdenklich machte und ihn am steilen Hang eines erweiterten Bewusstseinstrebens wieder zu sich finden lie\u00df. Vielleicht auch schlich er zu den Wilden ans Lagerfeuer. Man mochte kaum glauben, wieviele Menschen des Nachts in d\u00fcstrer Wildnis anzutreffen waren. Wer allein sein wollte oder allein unter Gleichgesinnten, suchte sich irgendwo in diesem zentral gelegenen Abseits ein sch\u00f6nes Pl\u00e4tzchen, an das niemals ein Landschaftsplaner Hand angelegt hatte und welches nur genau deshalb alle Kriterien erf\u00fcllte, die man sich von diesem Ort versprach: Ruhe, Erholung und Spa\u00df an der Entdeckung.<\/p>\n<p>Wer raus wollte aus dem Trott der Angepassten, folgte einfach dem Schienenverlauf. Verwaiste Gleise aus dem Zeitalter der Industrie f\u00fchrten geradewegs ins ungeplante Durcheinander und entgleisten imagin\u00e4re Eisenbahnz\u00fcge ins Reich der Fantasie. Die Tore nach Utopia standen weit offen, einen Moment lang nur, einen Augenblick zu lang. Da h\u00e4tte ja wer wei\u00df was passieren k\u00f6nnen. Das durfte nicht sein. Abhilfe fand man schlie\u00dflich in Form einer gro\u00df angelegten Gr\u00fcnfl\u00e4chenplanung nebst Bebauung.<\/p>\n<p>In Erinnerung an einen Ort, den es offiziell nie h\u00e4tte geben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><em>Ostprinzessin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder war ein St\u00fcck guten Gl\u00fccks der \u00dcbermacht einiger traumloser Gesellen in Regierung und Planwirtschaft zum Opfer gefallen. Und das Volk in seinen Gattern nahm dies hin, nicht alle und nicht alles freilich und auch nicht sofort, aber die allermeisten von ihnen sp\u00e4ter dann doch. 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