{"id":3280,"date":"2015-03-05T23:55:16","date_gmt":"2015-03-05T21:55:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=3280"},"modified":"2015-03-29T19:02:17","modified_gmt":"2015-03-29T17:02:17","slug":"grosses-spekulantenlynchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=3280","title":{"rendered":"Gro\u00dfes Spekulantenlynchen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/die_irre_von_chaillot.jpeg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3286 lazyload\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/die_irre_von_chaillot.jpeg\" alt=\"die_irre_von_chaillot\" width=\"512\" height=\"512\" data-srcset=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/die_irre_von_chaillot.jpeg 512w, https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/die_irre_von_chaillot-150x150.jpeg 150w, https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/die_irre_von_chaillot-300x300.jpeg 300w\" data-sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 512px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 512\/512;\" \/><\/a><\/p>\n<p>Droht Berlin die Normalit\u00e4t anderer St\u00e4dte? Die Inszenierung \u201e<a title=\"Die Irre von Chaillot\" href=\"http:\/\/www.theaterdiscounter.de\/stuecke\/die-irre-von-chaillot-1\">Die Irre von Chaillot<\/a>\u201c im <a title=\"Theaterdiscounter\" href=\"http:\/\/www.theaterdiscounter.de\">Theaterdiscounter<\/a> begreift Gentrifizierung als Spiegel einer gr\u00f6\u00dferen gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Jener, die das wilde politisch Ungem\u00fctliche beschneidet und eine leicht gangbare hyperwertkonservative Klientel hegt. Sie diagnostiziert eine ex-exzentrifizierung, bei der es zunehmend mehr um ein Angebot an Karriere f\u00f6rdernden Kinderg\u00e4rten als um die Erhaltung eines f\u00fcr Berlin einst typischen Lebensgef\u00fchls geht. K\u00e4mpfen wir nicht neben dem Kampf um bezahlbaren Wohnraum einen viel gr\u00f6\u00dferen Kampf? Werden wir in einem purifizierten Umfeld leben &#8211; oder in einem, das uns gef\u00e4llt?<\/p>\n<p><em>Eine Bande Grandes Dames wehrt sich gegen die Vertreibung aus ihrem Boh\u00e8me-Viertel. \u201eWir oder Ihr!\u201c skandieren sie und ertr\u00e4nken die Spekulanten in den Pariser Kan\u00e4len. Das Ensemble Mariakron versetzt die unauff\u00e4llig brutale Boulevardkom\u00f6die von Jean Giraudoux von der Seine an die Spree und inszeniert sie als Schlachtfest gegen urbane Durchschnittlichkeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Cornelius Schwalm radikalisiert das betulich angestaubte Theaterst\u00fcck f\u00fcr die lokal-emanzipative Verwertung. Seine Inszenierung diagnostiziert jene sich \u00fcber Berlin st\u00fclpende neuartige Ordnung, die droht, unseren sympathischen Moloch in die politisch-gesellschaftliche Seelenlosigkeit anderer St\u00e4dte einzureihen. Durch die Aufwertung ganzer Viertel gedeiht eine leicht zufriedenstellende Klientel und die Unbequemen werden an den (Stadt-) Rand gedr\u00fcckt. Peu \u00e0 peu werden Freiheit, Chaos und das raue Temperament Berlins \u00fcberpinselt und glatt geputzt. Schn\u00f6des Ruhemonopol der Besitzer statt t\u00f6nende Clubseeligkeit der Bewohner. Oder zertrampelt der Durchschnittliche die Phantasten, die Lichtscheuen, die Seltsamen, Einsamen, die Tr\u00e4umer und nachgiebig Nicht-Integrierbaren?<\/em><\/p>\n<p><em>Die ausgemachten Zerst\u00f6rer werden in einem knallharten Schauprozess zum Tode verurteilt und Berlin aus dem W\u00fcrgegriff befreit. Klappe zu, Kapitalist tot: Die Guten haben \u00fcber die B\u00f6sen gesiegt. So einfach ist das. Die Spekulanten-Makler-Besitzer-Spie\u00dfer verwesen im Keller, oben errichten wir romantische Inseln. Dem Aufbruch in eine ungewisse, aber neue Zukunft steht am Ende jedenfalls nichts mehr im Wege.<\/em><\/p>\n<p>Die Unterdr\u00fccker der Menschheit zu bestrafen, ist Wohltat. Ihnen zu verzeihen, ist Barbarei.<\/p>\n<p>Ich spekulier auf eine Bartholm\u00e4usnacht, und ehe ich die nicht durchsetze, schmeckt mir der beste Misset\u00e4ter nicht mehr. Der Kapitalismus, die Kapitalisten, Investoren, Start-Upper, Maschmeyer, Samwer, Koch und wie sie alle hei\u00dfen, sie alle vernichten den unsichtbaren Menschen, seine Seele. Zur\u00fcck behalten sie H\u00fcllen. Tausende H\u00fcllen, die sie gegeneinander ausspielen.<\/p>\n<p>Aber das ist nichts Neues, das wissen wir alles. Wir wollen es nur noch einmal wiederholen. Sie behalten nur die H\u00fcllen, und damit sind sie letzten Endes noch viel schlimmer als das Dritte Reich. Da sie so blutleer daherkommen. Das ganze neoliberale Geschwerl, das den Ton dieser Stadt ins Utilitaristische kippen l\u00e4sst, das die Brachen zubaut. Sie schmei\u00dfen Seelen in ihre preisgekr\u00f6nten Innovations\u00f6fen, in ihre sinnentleerten Humankapitalressourcenverschwendungsunternehmen. Ich verstehe sie nicht, seit Jahren versuche ich sie zu verstehen, aber ich sehe nur Dummheit und Kurzsichtigkeit.<\/p>\n<p>Es ist ein Kulturkampf, Dionysus gegen Klassik. Eine vollkommen neue Form der Arisierung, der Reinmachung, der S\u00e4uberungen. Das sind ethische S\u00e4uberungen. Sie wollen uns an den Rand dr\u00e4ngen, an den gesellschaftlichen Rand, hin zur Bedeutungslosigkeit, so lange, bis wir vom \u00fcbervollen Teller fallen und schweigen.<\/p>\n<p>Wobei \u201esie\u201c keine wirklich klar zu umrei\u00dfende Masse ist, wie es eben heute so ist, wo es keine klare Gut-B\u00f6se-Dichotomie mehr gibt &#8211; leider. Denn \u201esie\u201c, das ist immer auch der bildungsb\u00fcrgerliche Schauspieler und Regisseur, der sich von Papis Erbe eine Eigentumswohnung am Prenzlauer Berg kauft und sich damit wissentlich zum Schergen jener macht.<\/p>\n<p>Deswegen m\u00fcssen wir sehen, ob wir auch sie, die aus Versehen, aus Nachl\u00e4ssigkeit, aus Nicht-Mitdenken, ob wir die auch t\u00f6ten sollen oder nicht.<\/p>\n<p>Sie haben die Arbeiter zum Schweigen gebracht, indem sie das Privatfernsehen erfanden. Nun sitzen die potentiellen Revolution\u00e4re von morgen und lesenden Arbeiter von gestern paralysiert vor der Glotze und schauen das Dschungelcamp; anstatt Marx und Zizek zu lesen und dar\u00fcber zu reflektieren, dass der Kommunismus eine ewige Idee ist, die im Sinne der hegelschen <em>konkreten Allgemeinheit<\/em> wirkt, werden sie selbst zu Ausbeutern.<\/p>\n<p>Jeder ist schuldig, wir kaufen bei geknechteten, schlecht bezahlten Menschen und sind selbst geknechtet und schlecht bezahlt. Warum gibt es keine Biosiegel f\u00fcr Unternehmen? Warum ist da kein Aufkleber am Verk\u00e4ufer, der besagt, wo er herkommt, was er verdient, wie er behandelt wird, kurz: ob er ein gl\u00fccklicher Verk\u00e4ufer in artgerechter Haltung ist.<\/p>\n<p>Man sollte das Pack, das bei Primark kauft, zu Zwangsarbeit verurteilen. Am besten bei Primark. Man muss gar nicht mehr bis nach Sibirien. Bei Primark arbeiten zu m\u00fcssen, oder bei Uniqulo, das ist doch dasselbe wie ein Gulag. Nur, glaube ich, gab es da wenigstens ein Kulturprogramm.<\/p>\n<p>Wir schlagen ussere Feinde, die nichts B\u00f6ses von uns erwarten au\u00dfer einem schlechten Roman, einer misslungenen St\u00fcckentwicklung oder einer dummdreisten Installation, auf die man aber so stolz ist wie ein Kleinkind auf seine eigene Kacke, mit ihren eigenen Mitteln. Wir schlagen zu, Bringen den Krieg, den diese Menschen in ihren Betrieben, H\u00e4usern, Start-ups gegen ihre Angestellten, Mieter, Mitb\u00fcrger f\u00fchren in das Herz dieser narzisstischen Bestien zur\u00fcck und l\u00f6schen sie aus.<\/p>\n<p>Lasst uns diesmal nicht wieder irren und die Falschen vernichten. <em>Diesmal will ich die Richtigen vernichten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Droht Berlin die Normalit\u00e4t anderer St\u00e4dte? Die Inszenierung \u201eDie Irre von Chaillot\u201c im Theaterdiscounter begreift Gentrifizierung als Spiegel einer gr\u00f6\u00dferen gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Jener, die das wilde politisch Ungem\u00fctliche beschneidet und eine leicht gangbare hyperwertkonservative Klientel hegt. 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