{"id":329,"date":"2007-08-09T15:10:27","date_gmt":"2007-08-09T13:10:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2007\/08\/09\/goodbye-tristesse\/"},"modified":"2013-05-03T19:51:59","modified_gmt":"2013-05-03T17:51:59","slug":"goodbye-tristesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=329","title":{"rendered":"Goodbye Tristesse"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/368853488a70e2e64239d495103b58\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Ein Buch f\u00fcr all Diejenigen, die denken und handeln.<\/p>\n<p>\u201eGoodbye Tristesse\u201c hei\u00dft das 2005 in deutscher \u00dcbersetzung erschienene Buch von Camille de Toledo. In Anspielung auf den Film \u201eBonjour Tristesse\u201c der 60er-Jahre-Generation, in dem leichtfertiges Handeln eine gro\u00dfe Leere und gro\u00dfen Schmerz hinterl\u00e4\u00dft, geht es hier um die Verabschiedung dieses Lebensgef\u00fchls. Man k\u00f6nnte auch von der R\u00fcckkehr des Handlungsmoments sprechen: Der soziologischen oder philosophischen Theorie oder Interpretation folgt eine Praxis.<\/p>\n<p>Ich habe das Buch zu Beginn des Jahres von einer Freundin geschenkt bekommen und kannte es nicht. Ich befand mich im Zustand einer L\u00e4hmung. Alles schien sinnlos. Das Schlimmste aber war das Gef\u00fchl, alles sehen und erkennen, aber nichts tun zu k\u00f6nnen. Ich glaube, ich habe das Buch dann noch am selben Abend durchgelesen.<\/p>\n<p>Camilles Buch ist ein Essay \u00fcber die neue Freiheit. Es geht um ein neues Zeitgef\u00fchl, abseits vom Zwang zur Gro\u00dfartigkeit, dem Zwang zu Besitz oder Karriere. Es geht um das Eigentliche. Zun\u00e4chst beschreibt er das, was man in der Welt vorfindet. Dabei kommen viele Leute nicht gut weg. Auch die 68er, deren Aufbruch schnell in einen Abbruch m\u00fcndete. Nat\u00fcrlich hat man heutzutage deutlich das Gef\u00fchl, man stehe vor einem Scherbenhaufen, den andere produziert und hinterlassen haben. Leider hat sich der Scherbenhaufen selbst\u00e4ndig gemacht und l\u00e4\u00dft sich so schwer stoppen wie der Besen des Zauberlehrlings bei Goethe (\u00fcbrigens meine Lieblingsmetapher f\u00fcr eine au\u00dfer Rand und Band geratene verselbstst\u00e4ndigte Geldwirtschaft). Er schreibt vom Verlust der Unschuld. Heutzutage kann man an nichts mehr glauben, man wei\u00df um sein Betrogenwerden, durch Politik, durch Medien, durch Wirtschaft.<\/p>\n<p>Lebensmittelmanipulation, Konsummanipulation, Kriege, die vor allem dazu dienen, die Macht eines Systems auszudehnen und Alle gleichzuschalten (Jugoslawien, Irak). \u00c4hnlich wie in \u201eGeneration X\u201c kommt nicht nur ein Loser, sondern ein ausgesprochenes Lost-Gef\u00fchl auf. Die Macht ist asymmetrisch, unsichtbar und dennoch totalit\u00e4r. Nicht greifbare oder belangbare Stellvertreter managen Politik und Wirtschaft. Die Postmoderne zeichnet sich weiterhin aus durch die Vereinahmung der Avantgarde, alles ist eine Mode geworden. Die Rolle der Intellektuellen und K\u00fcnstler besteht in ihrer Trendsetterfunktion.<\/p>\n<p>Die Postmoderne ist ein riesiges Netzwerk. Kein Grund zur Verzweiflung, zur Resignation, sagt Camille. Es kann nicht darum gehen, sich ins Private zu retten, auf eine Insel zu fl\u00fcchten, vielmehr besteht die M\u00f6glichkeit, eine kostbare Erkenntnis zu gewinnen, wenn auch unter Zwang, dennoch ein ungeheurer Luxus, den man nur erlangen kann, wenn man im Abseits steht. Wir sind vorgewarnt, wir wissen, was die Aufgabe von Meinungen, Gef\u00fchlen, Ideen und Idealen kostet und dass dies mit Macht und Geld nicht aufzuwiegen ist. Abseits einer Gesellschaft des Spektakels, der Dienstleistungsgesellschaft, der Geldgesellschaft, der Sexgesellschaft, entsteht das Neue. Wo man sagt, was man denkt. Wo man handelt. Jenseits des Geld- und Warenwerts entstehen andere Werte, die Nein sagen lassen zu vermeintlichen Sachzw\u00e4ngen, Nein zur Realpolitik, Nein zur Herrschaft vorgeblicher Ratio und Nein zum Homo Oeconomicus. Erwachsenwerden bedeutet mehr als Anpassung und Selbstaufgabe, Demokratie bedeutet mehr als die Spiegelung \u00fcblicher Herrschaftsverh\u00e4ltnisse &#8211; und Entwicklung bedeutet mehr als Markt. Schlu\u00df mit der Endzeitstimmung, die eigentliche Wende steht noch aus. Lasst uns die Welt ver\u00e4ndern!<\/p>\n<p>Das mag naiv sein oder zumindest so klingen, aber aus Naivit\u00e4t und Humor, Tr\u00e4umerei und Hingabe kommt eine gro\u00dfe Kraft. Subversiv, anarchistisch und leicht sind die neuen Protestformen und der Widerstand. Diese kreative Unruhe zeigt sich in dem Zulauf, den Initativen und NGOs derzeit haben. Verweigerung, Ziviler Ungehorsam, reclaim the streets, die Clowns Army, Zapatisten, Hacker, Punks, Tute Bianche &#8211; sie sind alle TAZ (temporary autonomeous zone). Dieser Begriff von Hakim Bey beschreibt eine tempor\u00e4r, nur kurzzeitig existierende Zone, in der gesellschaftliche Regeln und Machtverh\u00e4ltnisse au\u00dfer Kraft gesetzt sind. Poetischer Terrorismus (Hakim Bey) oder Romantik der offenen Augen (Toledo) sind weitere Begriffe, die die Aktionsformen zwischen Theater, Maskierung und Persiflage, individuellem Ausdruck und Gesellschaftsk\u00f6rper und die Inhalte zwischen urkommunistischen Gemeinschaftsformen \u201eprimitiver\u201c St\u00e4mme und futuristischen Utopien einer postkapitalistischen Gesellschaft beschreiben.<\/p>\n<p>Die Geschichte des Protests ist im Grunde genommen viel \u00e4lter. Ein Novum ist jedoch das globale Zusammenspiel verschiedenster Gruppen und kreativer Widerstandsformen, die nachhaltiger sind, weil weniger schwer zu vereinnahmen. Immerhin sollten wir den Medien und der Werbung dankbar sein, denn durch das Zudr\u00f6hnen mit \u00fcberfl\u00fcssiger Produktion und gefakten Inhalten sind wir so abgestumpft, da\u00df wir nicht mehr darauf reinfallen. Wir entscheiden selbst, was wir wollen und wir machen unsere eigene Berichterstattung. Wenn niemand mehr kauft, was dann?<\/p>\n<p>Mit den neuen, kreativen Protesten vieler Menschen wird das System \u00fcberfordert. Dennoch darf man die wachsende Repression nicht untersch\u00e4tzen: Die aktuellen Razzien bei Hausprojekten und die Verhaftungen, die eingesetzten Agents Provocateurs und willk\u00fcrlich konstruierte Vorw\u00fcrfe sind m\u00f6glicherweise die rechtsfreie Zone, das Guant\u00e1namo der Zukunft.<\/p>\n<p><em>Malah Helman<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch f\u00fcr all Diejenigen, die denken und handeln. \u201eGoodbye Tristesse\u201c hei\u00dft das 2005 in deutscher \u00dcbersetzung erschienene Buch von Camille de Toledo. 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