{"id":330,"date":"2007-08-15T20:27:57","date_gmt":"2007-08-15T18:27:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2007\/08\/15\/die-dialektik-der-moderne\/"},"modified":"2013-05-03T21:44:57","modified_gmt":"2013-05-03T19:44:57","slug":"die-dialektik-der-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=330","title":{"rendered":"Die Dialektik der Moderne"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a9d47840388c0693655120aea1cf49\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Just zu Wendezeiten (dazu sangen 2005 Die Toten Hosen in ihrem Song \u201eWeltmeister\u201c auf dem Album \u201eNur zu Besuch: Unplugged im Wiener Burgtheater\u201c: \u201eUnd die geistig-moralische Wende, die wir damals herbei riefen: Der Geist und die Moral sind weg, nur die Schulden sind geblieben\u201c), also 1989, erschien bei Ithaca, N.Y. Zygmunt Baumanns \u201eModernity and The Holocaust\u201c (dt. \u00dcbers.: \u201eDialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust\u201c). Der Verlust von Geist und Moral ist auch Thema des Buches. Allerdings setzen Baumans Er\u00f6rterungen \u00fcber diese Form von &#8222;Zivilisationskrankheit&#8220; bereits zum Beginn der Moderne an.<\/p>\n<p>Seitdem hat Zygmunt Bauman, der weltweit einer der ber\u00fchmtesten Soziologen, Philosophen und Kulturkritiker der Moderne ist, nat\u00fcrlich weitere spannende Werke ver\u00f6ffentlicht. Zu erw\u00e4hnen w\u00e4ren beispielhaft: \u201eModerne und Ambivalenz\u201c,\u201eDas Ende der Eindeutigkeit\u201c, \u201eFlaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen\u201c, \u201eAlone Again &#8211; Ethics After Certainty\u201c, \u201eDas Unbehagen in der Postmoderne\u201c, \u201eWork, consumerism and the new poor\u201c, \u201eDer Mensch im Globalisierungsk\u00e4fig\u201c, \u201eFl\u00fcchtige Moderne\u201c, \u201eCommunity. Seeking Safety in an Insecure World\u201c, \u201eCity of fears, city of hopes\u201c, \u201eVerworfenes Leben\u201c, \u201eDie Ausgegrenzten der Moderne\u201c, \u201eLiquid Life\u201c, \u201eLiquid Fear\u201c, \u201eLiquid Times: Living in an Age of Uncertainty\u201c, \u201eConsuming Life\u201c.<\/p>\n<p>Zygmunt Baumanns Buch \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge von Moderne und Holocaust ist eines meiner wichtigsten B\u00fccher. Es geht nat\u00fcrlich nicht darum, alle anderen Betrachtungsweisen des Massenmordes der NS-Zeit an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung auszuschlie\u00dfen. Zygmunt Baumanns Thesen erweitern den Kontext und setzen die Geschehnisse in aktuelle Bez\u00fcge. Seiner Meinung nach ist der Holocaust kein Produkt barbarischer Verhaltensweisen, die vom Fortschritt \u00fcberwunden wurden, sondern vielmehr ging die moderne Gesellschaftsstruktur dem Nationalsozialismus voraus und bedingte diesen wesentlich. Daraus folgt, da\u00df die Gefahrenlage, die eben jene totalit\u00e4ren Systeme bef\u00f6rdern, noch nicht geschwunden ist.<\/p>\n<p>Bauman verweist auf die Verortung und Ausf\u00fchrung der Judenvernichtung in der Wirtschaftsverwaltungsabteilung des Reichssicherheitshauptamts. Hier wird z. B. geraubtes Eigentum gesammelt, hier werden Zwangsarbeit und Deportationen organisiert. Die Vernichtung der Juden, war, so kann man folgern, eine wirtschaftliche Angelegenheit. Welche weiteren Konstellationen bef\u00f6rderten den Holocaust, fragt Baumann weiter. Nat\u00fcrlich auch die Rassen-Ideologie des Nationalsozialismus, die Bauman nun in den Zusammenhang des \u201esocial engineering\u201c (u. a. zu beschreiben mit den Versuchen, die Natur zu verbessern) und die \u201eNormenklatur\u201c der Moderne (dem Trend alles in Normen zu packen) bringt, wie auch das \u201eFunktionieren\u201c von B\u00fcrokratie und Technokratie, also Abl\u00e4ufe eines unmenschlichen und entmenschlichten Apparates im wahrsten Sinn. Moral in der B\u00fcrokratie hei\u00dft nur noch, effizient, gewissenhaft und fachm\u00e4nnisch einwandfrei zu arbeiten, Probleml\u00f6sungen zu entwickeln, so Bauman. Auch hier sind die Parallelen zur aktuellen Gesellschaft un\u00fcbersehbar: Die Subjekte werden objektiviert und in technologische, anti-individuelle Termini \u00fcberf\u00fchrt. Dies wiederum f\u00fchrt gleichzeitig dazu, da\u00df sich die verbleibenden Subjekte mittels ihrer Subjekthaftigkeit abgrenzen k\u00f6nnen und damit implizit den objektivierten Subjekten wiederum ihre Subjekthaftigkeit abgesprochen wird. Isolation der Opfer, Sanktionen, Ghettoisierung, Reduzierung des Lebens auf den blo\u00dfen Existenzkampf, die Aufhebung von Moral trugen zur Degradierung und anschlie\u00dfender Massenmordung bei.<\/p>\n<p>Auch hier geht Bauman weiter und verweist auf das wirtschaftlich motivierte Konkurrenzdenken im Allgemeinen und analysiert die Unternehmenspropaganda gegen\u00fcber Konkurrenten in heutiger Zeit. Ein weiterer Punkt ist das Verschwinden der Gewalt aus dem Alltag und die mediale Aufbereitung von Gewalt einerseits. Die Gewalt, so Bauman, hat sich verlagert, indem der Staat restriktiv ist oder auch kontrolliert. Dies ist der Preis f\u00fcr ein vermeintlich sicheres Alltagsleben. Hier lohnt es sich, an 11\/2001 zu denken und an die Sicherheitsszenarien, deren Notwendigkeit vorgegaukelt wird, sowie auch an die aktuelle \u201eTerrorisierung\u201c der Linken, an die Video\u00fcberwachung des \u00d6ffentlichen Raumes, die Razzien gegen linke Projekte und die k\u00fcrzlich konstruierten Terrorismusvorw\u00fcrfe und erfolgten Verhaftungen. Das Gewaltmonopol hat sich zugunsten des Staates verschoben, welcher aber nicht neutral ist, sondern sich der Diktatur des Geldes untergeordnet hat und zur Exekutive der Macht geworden ist.<\/p>\n<p>Ein weiteres Moment ist die Hierarchisierung, die unmittelbarer Verantwortung enthebt. Wie reagieren Menschen auf den Verlust direkter Wahrnehmung und physischer Konsequenzen (etwas, das auch Haroun Farockis Video \u201eErkennen und Verfolgen\u201c thematisiert), auf Instrumentalisierung, auf die Fragmentisierung der Identit\u00e4ten, auf wachsende Differenzen zwischen den Lebenswelten, auf den Verlust sozialer Absicherung, auf den Verlust von Ethik. Hier konstatiert Bauman das Unbehagen in der modernen Gesellschaft und verweist in einem kurzen Exkurs auf Emanuel Levinas, der zwar von dem &#8211; seit Wittgenstein &#8211; geschwundenen Vertrauen in die Sprache ausgeht, aber in seiner Philosophie festh\u00e4lt, da\u00df ohne den Anspruch auf Wahrhaftigkeit das Dasein irrelevant wird und erst das \u201eF\u00fcrsein\u201c ein \u201eSelbstsein\u201c beinhaltet, eine \u201eDekonstruktion\u201c der hergebrachten Metaphysik und des Erbes der Aufkl\u00e4rung. Doch Zweifel an der Verl\u00e4\u00dflichkeit der Sprache f\u00fchren nicht dazu, da\u00df \u201edas zu Sagende\u201c gleichg\u00fcltig wird, da\u00df Indifferenz die Verantwortlichkeit ersetzt. Aus der offenen Begegnung mit dem ungesch\u00fctzten \u201eAntlitz\u201c des Anderen ergibt sich ein \u201eAn-spruch\u201c, ein Anspruch des \u201eAntlitz\u201c auf Kenntnisnahme und Antwort. Das blo\u00dfe \u201eAnderssein\u201c des Antlitzes beinhaltet schon den Vergleich des Selbst mit dem Antlitz; es bedeutet f\u00fcr das Selbst, sich relativ zu dem \u201eAntlitz\u201c zu verorten, Position zu beziehen. So macht etwa die N\u00e4he zwischen Selbst und \u201eAntlitz\u201c aus dem \u201eAnderssein\u201c ein \u201eF\u00fcrsein\u201c, sie l\u00e4\u00dft das Selbst \u201ef\u00fcr den Anderen\u201c sein.<\/p>\n<p>In Baumans sp\u00e4teren Werken \u201eUnbehagen in der Postmoderne\u201c, \u201ePostmoderne Ethik\u201c, \u201eFlaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen\u201c wird dieser Ansatz noch weiter ausgef\u00fchrt. Im letzten Kapitel res\u00fcmiert Zygmunt Bauman die Gefahren, die auch der heutigen Gesellschaft immanent sind: Soziale Erzeugung von Distanz, wie auch die Vergr\u00f6\u00dferung der Verantwortungsr\u00e4ume, f\u00f6rdern moralische Indifferenz. In modernen Gesellschaften greifen die Auswirkungen menschlichen Tuns weit \u00fcber den Fluchtpunkt moralischer Sichtbarkeit hinaus. Die Humanit\u00e4t bleibt auf der Strecke.<\/p>\n<p>Zygmund Baumans Buch von der Dialektik der Moderne ist ein schrecklich aktuelles Buch.<\/p>\n<p><em>Malah Helman<\/em><\/p>\n<p>Wer sich intensiver mit den Verbrechen der deutschen Wirtschaft im Nationalsozialsmus besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, dem sei die aktuelle Untersuchung von Adam Tooze empfohlen: \u00d6konomie der Zerst\u00f6rung. Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Siedler Verlag, M\u00fcnchen 2007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Just zu Wendezeiten (dazu sangen 2005 Die Toten Hosen in ihrem Song \u201eWeltmeister\u201c auf dem Album \u201eNur zu Besuch: Unplugged im Wiener Burgtheater\u201c: \u201eUnd die geistig-moralische Wende, die wir damals herbei riefen: Der Geist und die Moral sind weg, nur die Schulden sind geblieben\u201c), also 1989, erschien bei Ithaca, N.Y. 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