{"id":3308,"date":"2015-06-03T01:55:15","date_gmt":"2015-06-02T23:55:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=3308"},"modified":"2015-06-03T01:55:15","modified_gmt":"2015-06-02T23:55:15","slug":"berlins-elbphilharmonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=3308","title":{"rendered":"Berlins Elbphilharmonie"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Der B\u00f6se Wolf erkl\u00e4rt Berlin<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die Hauptstadt hat einen weiteren Bauskandal: Die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden<\/em><\/p>\n<p>Was Skandale im Baubereich angeht, kann Berlin mittlerweile eine gewisse Erfahrung und Leidensf\u00e4higkeit zugestanden werden. Ihre lange Reihe wird sicherlich gekr\u00f6nt vom Debakel um Terminverzug um Jahre und Kostensteigerungen in Milliardenh\u00f6he bei der Errichtung des nach wie vor nicht fertiggestellten Flughafens Berlin-Brandenburg BER (siehe jW-Thema vom 2.1.2014). Dessen Baukosten stiegen mittlerweile von vormals geplanten 2,8 Milliarden Euro auf 5,4 Milliarden Euro \u2013 wobei nach Aussagen des ehemaligen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers der Flughafengesellschaft, Hartmut Mehdorn, die Aufwendungen f\u00fcr Zinsen und Finanzierungsaufwand noch gar nicht mit eingerechnet sein sollen. Gerade die Dauer des Skandals um den BER l\u00e4sst die Vorg\u00e4nge um die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden als vergleichsweise harmlos erscheinen. Doch besieht man sich den Fall der Staatsoper etwas genauer, so lie\u00dfe diese Betrachtung durchaus den Schluss zu, dass es sich hier um einen Skandal handelt, der in derselben Liga wie der verkorkste Bau der Hamburger Elbphilharmonie spielt. Zwar bewegen sich die mittlerweile veranschlagten Kosten in H\u00f6he von 389 Millionen Euro f\u00fcr die Opernsanierung noch unter den 789 Millionen Euro, die f\u00fcr die Errichtung des Hamburger Konzerthauses angedacht sind. Doch in Berlin wei\u00df man mittlerweile, dass die Nennung irgendwelcher Kosten durch den Senat eher als unverbindliche Absichtserkl\u00e4rung denn als glaubw\u00fcrdige Prognose zu betrachten ist.<\/p>\n<p><strong>Sanierung dringend notwendig<\/strong><\/p>\n<p>Erstmals in Betrieb genommen wurde das Geb\u00e4ude am Prachtboulevard Unter den Linden im Jahr 1742. Seitdem wurde es mehrfach umgestaltet. Im Zweiten Weltkrieg schwer besch\u00e4digt, wurde die Oper nach Pl\u00e4nen des Architekten Richard Paulick in den 1950er Jahren wieder aufgebaut. Nach der Jahrtausendwende setzte eine Diskussion um eine Generalsanierung ein. In einem Gutachten eines Ingenieurb\u00fcros von 2001, das dem Abgeordnetenhaus zugeleitet wurde, hei\u00dft es: \u00bbDas Landesamt f\u00fcr Arbeitsschutz, der Technische \u00dcberwachungsverein und der Vorbeugende Brandschutz (Feuerwehr) drohen zum Teil seit Jahren, den Betrieb des Geb\u00e4udes einstellen zu lassen f\u00fcr den Fall, dass die Betriebssicherheit nicht unverz\u00fcglich durch l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige, durchgreifende Ma\u00dfnahmen wieder hergestellt wird.\u00ab Und alarmierend wird geschlossen: \u00bbDie Standsicherheit von Teilen des Geb\u00e4udes ist gef\u00e4hrdet.\u00ab Eine Sanierung der Spielst\u00e4tte tut demnach schon seit Jahren not.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wurde 2008 ein Architekturwettbewerb ausgerufen. Der erste Preis ging dabei an das B\u00fcro des Architekten Klaus Roth, dessen Konzept eine komplette Neugestaltung des Innenraums vorsah. Allerdings war der Siegerentwurf bei einigen Akteuren von vorneherein umstritten, was den Senat schlie\u00dflich zu der merkw\u00fcrdigen Entscheidung veranlasste, die Sanierung nach Pl\u00e4nen des Architekturb\u00fcros \u00bbhg merz\u00ab durchf\u00fchren zu lassen, welches zuvor aus dem Wettbewerb ausgeschieden war. Mit den Bauma\u00dfnahmen wurde im Herbst 2010 begonnen. Sie umfassen nicht nur die Oper an sich, sondern auch die R\u00e4umlichkeiten der Intendanz, einen Teil des Magazingeb\u00e4udes und ein unterirdisches Verbindungsbauwerk zwischen Magazin und Opernhaus. In diesem \u00bbKernst\u00fcck\u00ab eines neuen Logistiksystems sollen k\u00fcnftig Kulissen transportiert und montiert werden. Zudem ist geplant, die Akustik im Zuschauersaal zu verbessern.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich sollte die Sanierung im Oktober 2013 abgeschlossen sein und der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Geplant waren damals Gesamtkosten von 239 Millionen Euro, die auch jahrelang vom Senat kommuniziert wurden. Im Laufe der letzten Jahre wurde die Fertigstellung allerdings immer wieder verschoben. Zun\u00e4chst sollte der Spielbetrieb im Herbst 2014 wieder aufgenommen werden, dann ein Jahr sp\u00e4ter. Mittlerweile wird der Herbst 2017 als Termin genannt. Als Gr\u00fcnde f\u00fcr die st\u00e4ndigen Verschiebungen werden vom Senat eine ganze Reihe von Ereignissen genannt. So seien zum Beispiel in der Baugrube Holzpf\u00e4hle von fr\u00fcheren Geb\u00e4uden aus dem 17. Jahrhundert gefunden worden, die man dort nicht vermutet habe. Dies wiederum habe Auswirkungen auf die gesamte Baugrube gehabt. Oder es habe bei der Mauerwerkssanierung zun\u00e4chst der Bestand freigelegt werden m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt den Sanierungsbedarf beurteilen zu k\u00f6nnen. Sowohl die Probleme mit der Substanz des Mauerwerks als auch die durch die Holzfunde in der Baugrube ausgel\u00f6sten seien \u00bbdefinitiv nicht vorhersehbar\u00ab gewesen, hei\u00dft es in einer Darstellung der Senatsverwaltung f\u00fcr Stadtentwicklung.<\/p>\n<p>Dabei handelten die Verantwortlichen allerdings nach einer fatalen Pr\u00e4misse: \u00bbAlle Beteiligten waren dar\u00fcber informiert, dass der Bauablaufplan keine Puffer enth\u00e4lt und alle unvorhergesehenen Ereignisse sich direkt auf den Endtermin auswirken w\u00fcrden\u00ab, hei\u00dft es in der Antwort der Senatsbaudirektorin Regula L\u00fcscher auf eine parlamentarische Anfrage der Fraktion der oppositionellen Piratenpartei. Bereits vor einem Jahr war klar, dass die Sanierung weit kostspieliger wird als gedacht. Damals gab der Senat bekannt, dass die Gesamtausgaben auf 296 Millionen Euro steigen w\u00fcrden. Doch schon Ende 2014 war die Summe auf die nun genannten 389 Millionen Euro angewachsen. Ob sich die Kosten weiter erh\u00f6hen werden, scheint zur Zeit noch offen.<\/p>\n<p><strong>Taktische Spielchen<\/strong><\/p>\n<p>Nach der genannten Kostensteigerung konkretisierte sich bei der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus aus Linken, Piraten und Gr\u00fcnen die Absicht, dem bisherigen Verlauf der Sanierung mit einem Untersuchungsausschuss auf den Grund zu gehen. Dieser wurde im M\u00e4rz vom Parlament beschlossen. Am 8. Mai trat er schlie\u00dflich unter dem Vorsitz des kulturpolitischen Sprechers der Linksfraktion, Wolfgang Brauer, zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Bei seiner T\u00e4tigkeit soll es sowohl um die Voruntersuchungen zur Sanierung, das erstellte Bedarfsprogramm als auch um die Bauplanung und -ausf\u00fchrung gehen. Angedacht ist, die Arbeit des Ausschusses nach zw\u00f6lf Monaten abzuschlie\u00dfen. Da allerdings im Herbst 2016 die n\u00e4chsten Wahlen anstehen, ist zu bef\u00fcrchten, dass sowohl die jetzigen Regierungsparteien als auch jene, die auf einen Senatsposten ab 2016 spekulieren, ihren Aufkl\u00e4rungswillen daran ausrichten und die Ausschussarbeit entsprechend oberfl\u00e4chlich und taktierend gestalten.<\/p>\n<p>Darauf deutete schon das Agieren der Koalitionsfraktionen SPD und CDU im Verbund mit B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen w\u00e4hrend der konstituierenden Sitzung des Ausschusses hin. Gemeinsam beschlossen sie, das Rederecht von stellvertretenden Mitgliedern im Ausschuss einzuschr\u00e4nken. Dies trifft insbesondere die kleineren Fraktionen der Linken und der Piraten, die jeweils nur ein ordentliches Mitglied in den Ausschuss entsenden konnten. Der Obmann der Gr\u00fcnen, Oliver Schruoffenegger, bedankte sich sodann auch w\u00e4hrend der Sitzung in Richtung der CDU f\u00fcr die konstruktiven Vorgespr\u00e4che, die im Vorfeld stattgefunden h\u00e4tten. Dieses Detail macht wohl deutlich, woran zumindest den Gr\u00fcnen \u00fcber die Aufkl\u00e4rung des Opernskandals hinaus gelegen sein d\u00fcrfte. Begr\u00fcndet haben Koalition und Gr\u00fcne die Schw\u00e4chung der kleineren Fraktionen \u00fcbrigens mit der Absichtsbekundung, man wolle die Ausschussarbeit z\u00fcgig gestalten und nicht unn\u00f6tig in die L\u00e4nge ziehen \u2013 wozu das Vertagen eines gro\u00dfen Teils der Beweisantr\u00e4ge der Piratenfraktion allerdings nicht so recht passen mag. Auch die von den Gr\u00fcnen mitgetragene Begrenzung der Arbeitsdauer des Ausschusses auf zw\u00f6lf Monate spielt der Koalition in die H\u00e4nde: Sie kann mit ihrer Mehrheit die Tagesordnung festlegen, und es ist zu erwarten, dass sie somit die Vernehmung ihr nicht genehmer Zeugen m\u00f6glichst weit hinausschiebt oder gar versucht, sie ganz zu verhindern.<\/p>\n<p>Ohnehin legt die Koalition im Berliner Abgeordnetenhaus so gut wie keinen aufkl\u00e4rerischen Ehrgeiz an den Tag. So erkl\u00e4rten SPD und CDU nach der ersten Sitzung des Untersuchungsausschusses: \u00bbAus unserer Sicht sind die wesentlichen Fakten, die zu den Abweichungen bei den Kosten- und Terminplanungen gef\u00fchrt haben, bekannt.\u00ab Ob mit solcherlei Man\u00f6vern eine tats\u00e4chliche Aufkl\u00e4rung wird stattfinden k\u00f6nnen, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p><strong>Das Finanzierungskonzept<\/strong><\/p>\n<p>Denn jenseits von Baupfusch, fragw\u00fcrdigen Umplanungen und Kostensteigerungen, die auch bei anderen Projekten immer wieder auftreten, br\u00e4chte eine genauere Untersuchung zum urspr\u00fcnglichen Finanzierungskonzept der Sanierung sicherlich interessante Einblicke in das Verst\u00e4ndnis, mit dem in Berlin solcherlei Gro\u00dfprojekte angegangen werden.<\/p>\n<p>Die Finanzierung sollte urspr\u00fcnglich zwischen dem Bund, dem Land Berlin und dem \u00bbVerein der Freunde und F\u00f6rderer der Staatsoper Unter den Linden\u00ab aufgeteilt werden. Im sogenannten Hauptstadtfinanzierungsvertrag von 2007 ist in Paragraph 2 festgehalten, dass der Bund sich an der Ma\u00dfnahme mit einer festen Summe von 200 Millionen Euro beteiligen wird. Einem Zusatzvertrag von 2008, der sich konkret mit der Sanierung der Oper befasst, ist zu entnehmen, dass der F\u00f6rderverein neben einer damals bereits geleisteten Spende von 500.000 Euro plane, weitere 29,5 Millionen Euro an Spenden f\u00fcr die Sanierung einzuwerben.<\/p>\n<p>Auf Berlin w\u00e4ren nach diesem Modell lediglich neun Millionen Euro entfallen \u2013 eine vergleichsweise g\u00fcnstige Summe f\u00fcr ein general\u00fcberholtes Opernhaus samt Errichtung eines neuen unterirdischen Verbindungsbauwerks. Laut Vertrag mit dem Bund hat Berlin eine gesonderte Vereinbarung mit dem Verein \u00fcber dessen Beitrag zu treffen. In einem internen Vermerk vom 16. Juli 2009 der Berliner Senatskanzlei, der die Kulturverwaltung unterstellt ist, hei\u00dft es, von letzterer sei nun eine \u00bbAufstellung und Abstimmung einer Vereinbarung zur Einbindung\u00ab des Freundeskreises in \u00bbPlanung und Ausf\u00fchrung der Sanierung und Modernisierung\u00ab einzuleiten. Dies ist allerdings bis heute nicht geschehen, lediglich bei einzelnen Ma\u00dfnahmen haben sich Opernfreunde und Senat vertraglich festgelegt. Dar\u00fcber, warum Berlin seine eigenen Vorgaben hier nicht eingehalten hat, kann im Moment nur spekuliert werden. Vielleicht war den Verantwortlichen damals schon klar, dass der F\u00f6rderverein gar nicht in der Lage sein w\u00fcrde, die zugesagten Mittel tats\u00e4chlich zu erbringen.<\/p>\n<p><strong>Berliner Kulturfilz<\/strong><\/p>\n<p>Doch in jedem Fall spielte der Verein in dem urspr\u00fcnglichen und l\u00e4ngst hinf\u00e4lligen Finanzierungsmodell eine nicht unbetr\u00e4chtliche Rolle. Dessen Vorsitzender, der mittlerweile verstorbene Berliner Unternehmer Peter Dussmann, lie\u00df sich Ende Mai 2006 vom \u00bbChefreporter\u00ab des Berliner Boulevardbl\u00e4ttchens BZ, Gunnar Schupelius, interviewen. Dussmann sei, so hei\u00dft es im lobhudelnden Vortext, \u00bbeiner der gr\u00f6\u00dften Dienstleister der Welt\u00ab und \u00bbder wichtigste M\u00e4zen der Staatsoper\u00ab. Die \u00bbOpernfreunde\u00ab g\u00e4ben mit der Finanzierung der Planung \u00bbden Startschuss\u00ab f\u00fcr die Sanierung, lie\u00df Dussmann den Reporter wissen: \u00bbWir vom Freundeskreis schie\u00dfen 30 Millionen Euro bei, der Rest kommt von Bund und Land. Darauf haben sich Bund, Land Berlin und wir, die Freunde und F\u00f6rderer der Staatsoper Unter den Linden, verst\u00e4ndigt\u00ab, so Dussmann. Was der M\u00e4zen allerdings verga\u00df zu erw\u00e4hnen, war der schon genannte Umstand, dass zwischen den Freunden der Staatsoper und dem Land Berlin au\u00dfer dieser nebul\u00f6sen Verst\u00e4ndigung nie eine verbindliche Vereinbarung zu einem finanziellen Beitrag getroffen wurde, womit der Verein auf die Zahlung der gro\u00dfspurig zugesagten Mittel h\u00e4tte verpflichtet werden k\u00f6nnen. So kam es, dass der F\u00f6rderverein bislang lediglich 2,5 Millionen zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Weitere 1,6 Millionen Euro sollen bis Ende 2016 \u00fcberwiesen werden. Vereinbart wurde mit dem Freundeskreis lediglich die Verwendung der Mittel f\u00fcr die Aufstellung eines Bedarfsprogramms im Jahr 2007 (0,5 Millionen Euro), die Sanierung des Apollosaales des Opernhauses (drei Millionen Euro) sowie den Einbau einer Untertitelungsanlage (0,6 Millionen Euro).\u00b9<\/p>\n<p>Dar\u00fcber, wie der Verein die versprochenen 30 Millionen Euro h\u00e4tte aufbringen wollen, scheint er sich selbst nie im klaren gewesen zu sein: Im Zuge einer Ringvorlesung an der Freien Universit\u00e4t Berlin hielt Dussmann im Juli 2005 einen Vortrag mit dem Titel \u00bb\u00dcberlegungen eines Berliner Unternehmers zur privaten Finanzierung einer Staatsoper\u00ab. Darin erl\u00e4uterte er, wie der Freundeskreis damals gedachte, die 30 Millionen Euro aufzutreiben. Man habe auf der Mitgliederversammlung im Juni 2005 beschlossen, die Summe \u00bbaus privaten Mitteln\u00ab aufzubringen. Man wolle \u00bbguten Willen\u00ab beweisen und einen Ansto\u00df zur \u00fcberf\u00e4lligen Sanierung geben. Hierzu wolle der Verein \u00bbbei Banken m\u00f6glichst viele zinsfreie Kredite aufnehmen\u00ab und in f\u00fcnf bis zehn Jahren wieder zur\u00fcckzahlen. Damals meinte Dussmann, der Bund, das Land Berlin und sein F\u00f6rderverein sollten jeweils ein Drittel der Sanierungskosten \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter hatte sich die angeblich beabsichtigte Finanzierungsmethode der Opernfreunde deutlich gewandelt. Im bereits erw\u00e4hnten Interview mit der BZ gab Dussmann an, dass die 30 Millionen Euro nun von seinem Verein innerhalb von zehn Jahren zusammengebracht werden sollten. Dies w\u00e4ren pro Jahr drei Millionen Euro gewesen. Eine Million davon h\u00e4tten die Vereinsmitglieder beisteuern sollen \u2013 wozu allerdings deren Anzahl erheblich h\u00e4tte erh\u00f6ht werden m\u00fcssen. Die zweite j\u00e4hrliche Million solle, so Dussmann 2006, durch Sponsoring aufgetrieben werden, wovon er selbst 500.000 Euro \u00fcbernehmen wolle. Eine weitere Million sollte \u00fcber Veranstaltungen hereinkommen: \u00bbdurch Barenboim-Konzerte\u00b2 in der Waldb\u00fchne und Fundraising-Dinner im Apollosaal\u00ab.<\/p>\n<p>Auch dieses Konzept schien nicht aufgegangen zu sein, denn sp\u00e4ter habe der Verein nach Angaben des Senats vorgehabt, seine Spenden \u00fcber Gro\u00dfplakatwerbung an der Fassade der Staatsoper zusammenzubringen, was letztlich aber aus baurechtlichen Gr\u00fcnden gescheitert sei. Mit dieser Reklame sollten nach Auffassung Dussmanns j\u00e4hrlich 750.000 Euro eingespielt werden, so der Senat. Allerdings d\u00fcrfte es sich hier um eine recht zweifelhafte Art der Spendenakquise gehandelt haben: Aus welchem Grund sollte das Land Berlin die Fassade einer landeseigenen Baustelle einem privaten F\u00f6rderverein als Werbefl\u00e4che zur Verf\u00fcgung stellen, damit dieser die damit generierten Einnahmen als Spenden an das Land Berlin zur\u00fcck\u00fcberweist?<\/p>\n<p>Nachdem Dussmann aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden aus dem Vorstand des F\u00f6rdervereins ausgeschieden war, nahm sein Nachfolger, das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und seit 2011 auch Mitglied im Stiftungsrat der Dussmann Group, Tessen von Heydebreck, die Zusage des Vereins \u00fcber die 30 Millionen Euro zur\u00fcck. Nach einer Antwort des Senats auf eine weitere parlamentarische Anfrage der Piratenfraktion habe der Verein im Juni 2010 schriftlich mitgeteilt, dass \u00bbeine auf 30 Millionen Euro festgeschriebene Selbstverpflichtung nicht abgegeben und die Erbringung dieses Beitrages zur Sanierung der Staatsoper nicht gew\u00e4hrleistet werden k\u00f6nne\u00ab.\u00b3 Man mag diesen Vorgang nun als das peinliche Resultat unternehmerischen Gro\u00dfsprechertums abtun \u2013 w\u00e4re da nicht der Umstand, dass Dussmann und Co. versuchten, auf den Gang der Sanierung der Staatsoper massiven Einfluss auszu\u00fcben. So mischte sich der Unternehmer pers\u00f6nlich lautstark in die Auseinandersetzung um die Gestaltung ihres Innenraums ein und drohte im Juni 2008 \u00f6ffentlich, dass sein Verein die Zusage \u00fcber 30 Millionen Euro zur\u00fcckziehen werde, sollte der Dussmann nicht genehme \u2013 \u00bbmodernistische\u00ab \u2013 Entwurf des Wettbewerbsgewinners Klaus Roth tats\u00e4chlich umgesetzt werden, was ja schlie\u00dflich auch nicht geschah.<\/p>\n<p><strong>Niemand ist verantwortlich<\/strong><\/p>\n<p>Der Untersuchungsausschuss muss auch kl\u00e4ren, inwieweit das Land Berlin und seine Vertreter sich um 2008 herum durch Dussmann unter Druck setzen lie\u00dfen, wo sich doch bereits ein Jahr sp\u00e4ter herausstellte, dass der Verein die zugesagte Summe nicht aufbringen kann und ohnehin nie eine verbindliche Vereinbarung hierzu bestand. Warum tauchte der F\u00f6rderverein \u00fcberhaupt an prominenter Stelle in Vereinbarungen zwischen dem Bund und dem Land Berlin \u00fcber die Finanzierung der Opernsanierung auf, wenn seine Finanzierungszusagen von Anfang an auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen standen? Geschah dies etwa, um der \u00d6ffentlichkeit und dem Parlament vorzut\u00e4uschen, dass die Kosten mit den neun Millionen Euro f\u00fcr das notorisch klamme Berlin vergleichsweise gering ausfallen w\u00fcrden? Damit man so leichter und ohne allzu unbequeme Fragen mit der Sanierung loslegen konnte, bis diese nicht mehr zu stoppen war?<\/p>\n<p>Denn dadurch, dass der Bund seinen Beitrag auf 200 Millionen Euro deckelte, muss Berlin f\u00fcr alle Zusatzkosten aufkommen, auch f\u00fcr die von den Opernfreunden zugesagten und nie erbrachten Millionen. Jede Verz\u00f6gerung und alle angeblich nicht absehbaren Ereignisse auf der Baustelle wirken sich somit direkt auf den Landeshaushalt aus. S\u00e4mtliche Ungereimtheiten geschahen unter der \u00c4gide des ehemaligen Regierenden B\u00fcrgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit (SPD), des ehemaligen Bausenators und jetzigen Stadtoberhaupts Michael M\u00fcller (SPD) sowie der ehemaligen Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Der SPD-gef\u00fchrte Senat hat die Antwort auf alle Fragen allerdings schon gefunden: \u00bbEs gibt keine Person oder Institution, die f\u00fcr die Verz\u00f6gerung und die Mehrkosten verantwortlich ist. An allen Stellen wurde und wird seri\u00f6s geplant und gearbeitet\u00ab, hei\u00dft es in einer Brosch\u00fcre der Senatsverwaltung f\u00fcr Stadtentwicklung.<\/p>\n<p><em>Anmerkungen<\/em><\/p>\n<p>1 Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 17\/15287<\/p>\n<p>2 Also Konzerte mit dem Generalmusikdirektor der Staatsoper, Daniel Barenboim<\/p>\n<p>3 Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 17\/15466<\/p>\n<p>Erschienen in <a title=\"junge Welt\" href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2015\/05-16\/001.php\">junge Welt, 16.05.2015<\/a>.<\/p>\n<p>Benedict Ugarte Chac\u00f3n arbeitet als wissenschaftlicher Referent der Fraktion der Piratenpartei im Abgeordnetenhaus von Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der B\u00f6se Wolf erkl\u00e4rt Berlin Die Hauptstadt hat einen weiteren Bauskandal: Die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden Was Skandale im Baubereich angeht, kann Berlin mittlerweile eine gewisse Erfahrung und Leidensf\u00e4higkeit zugestanden werden. 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