{"id":3334,"date":"2015-12-17T02:50:55","date_gmt":"2015-12-17T00:50:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=3334"},"modified":"2015-12-17T02:50:55","modified_gmt":"2015-12-17T00:50:55","slug":"rette-sich-wer-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=3334","title":{"rendered":"Rette sich wer kann"},"content":{"rendered":"<p>\u201eYou are a good looking beautiful guy\u201c, behauptete Herr Refugee, ein junger Mann aus Kirkuk, Nord-Irak, was der Geschmeichelte in jedem Fall ohne zu l\u00fcgen erwidern h\u00e4tte k\u00f6nnen und auch wollen, w\u00e4re da nicht der ern\u00fcchternde Rest gewesen: \u201eVagina is the best.\u201c Herr Princess, Willkommenskultur hin oder her, wollte und auch konnte dem nicht zustimmen und erkl\u00e4rte Herrn Refugee die Welt \u2013 welche diesem allerdings l\u00e4ngst vertraut war. \u201eUnd wat is Ihre Aktie hier drin?\u201c, fragte Herr Stulle, ein junger Streifenpolizist, und musterte den befragten Herrn Princess skeptisch. \u201eIch wurde um Vermittlung gebeten, auf Deutsch\u201c. Herr Princess, Nachbar des kleinen, aber gar nicht feinen \u201eErst Best\u201c Hostels, in dem sich seit einigen Monaten eine Notunterkunft f\u00fcr bis zu sechzig Personen befand, in der es zwei Duschen und drei\u00dfigmal so viel Gestank, Stunk und Verzweiflung gab, hatte an der ge\u00f6ffneten Haube seines blaumetallischen, bayerischen Gef\u00e4hrten gestanden, um etwas sp\u00e4t, jetzt vor den abendl\u00e4ndischen Feiertagen, Herbstlaub aus dem Motorraum zu fischen, als pl\u00f6tzlich Herr Refugee ihn unerwartet angesprochen und sein mobiles Multifunktionsfernsprechger\u00e4t ans Ohr gehalten hatte.<\/p>\n<p>Schon im Normalbetrieb, soviel wusste Herr Princess, war die erst im vergangenen Jahr er\u00f6ffnete \u201eErst Best\u201c-Herberge eine wahre Zumutung: enge Schlafkabinen mit Stockbetten, niedrige Decken, Neonlicht, stickige Luft. F\u00fcnfzig Taler zahlte das Land Berlin t\u00e4glich f\u00fcr diese Grube, pro Gruft bzw. Nase. F\u00fcnf Monate hatte Herr Refugee hier zugebracht. \u201eGeht so\u201c, befand das LaGeSo, also schaffte er das. Doch dann hatte er Gl\u00fcck: Seit vier Wochen bewohnte er das zweite Zimmer einer Privatwohnung im Milkakiez. Leider hatte das LaGeSo vers\u00e4umt, die Unterbringungsvereinbarung zu verl\u00e4ngern und Herrn Refugee stattdessen dem \u201eErst Best\u201c zugewiesen. Als Herr Refugee hierauf aufmerksam machte, teilte man ihm mit, dass er sich im Hostel eine Ablehnung unterzeichnen lassen m\u00fcsse, um erneut im LaGeSo vorstellig werden zu k\u00f6nnen, um eine erneute Unterbringung im Milkakiez zu erwirken. Leider aber lehnte Herr Gul\u00e1gchef, der Betreiber des \u201eErst Best\u201c, die Ablehnung ab. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr lagen auf der versilberten Hand.<\/p>\n<p>Englisch, Arabisch, T\u00fcrkisch und sogar Franz\u00f6sisch sprach Herr Refugee flie\u00dfend und wohl auch die Sprache des Herzens, als er erkl\u00e4rte: \u201eI&#8217;m a friendly person\u201c, und dass er auf Streit und Auseinandersetzung mit Herrn Gul\u00e1gchef verzichten habe wollen, weshalb er bzw. Herr Princess bezeichnenderweise \u201e112\u201c, den Rettungsdienst, gerufen hatte, der dann an die Kollegen von der \u201e110\u201c weiterleitete, w\u00e4hrend Herr Refugee weiter in der K\u00e4lte litt. \u201eOrl is fein\u201c, erkl\u00e4rte Stulle, um auch mal was zu erkl\u00e4ren, und verlangte die Papiere. \u201eGood luck\u201c, w\u00fcnschte Herr Princess, nachdem der Freund und Helfer ohne Hilfe oder Freundschaft, ohne Abschied wortlos fortgebraust war. Herr Refugee dankte sehr und reichte dem Vagina-unbeleckten Herrn Princess die Hand, machte sich dann auf zum LaGeSo, ja und wenn er nicht beim Warten umgefallen, verbannt oder im kalten Feuer der B\u00fcrokratie oder anderswo verbrannt worden ist, dann steht er sicher noch immer da. Welcome!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eYou are a good looking beautiful guy\u201c, behauptete Herr Refugee, ein junger Mann aus Kirkuk, Nord-Irak, was der Geschmeichelte in jedem Fall ohne zu l\u00fcgen erwidern h\u00e4tte k\u00f6nnen und auch wollen, w\u00e4re da nicht der ern\u00fcchternde Rest gewesen: \u201eVagina is the best.\u201c Herr Princess, Willkommenskultur hin oder her, wollte und auch konnte dem nicht zustimmen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-3334","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-willkuer-und-repression"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3334"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3335,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3334\/revisions\/3335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}