{"id":434,"date":"2007-10-04T00:03:41","date_gmt":"2007-10-03T22:03:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2007\/10\/04\/verdachtige-gedanken\/"},"modified":"2014-03-09T00:33:06","modified_gmt":"2014-03-08T22:33:06","slug":"verdachtige-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=434","title":{"rendered":"Verd\u00e4chtige Gedanken"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eDanke auch f\u00fcr die Einladung, Texte f\u00fcr Euren Blog zu schreiben. Bei mir ist es aktuell so, dass ich mir sowas nicht so schnell aus den Fingern sauge. Gerne verweise ich aber auf Texte, die ich mal bei den Surfpoeten ver\u00f6ffentlicht habe. Zumindest die Ermittlungsbeh\u00f6rden zeigten Interesse, sind beide doch in den Akten zu finden.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Florian L.<\/em><\/p>\n<p><strong>Verpflegt &amp; Abgef\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p>\u201eUnd jetzt finden sich mal alle zusammen die im gleichen Monat Geburtstag haben!\u201c Das \u201eWir lernen uns kennen\u201c-Spiel geht in eine neue Runde, die motivierte Mentorin bringt Schwung ins Klassenzimmer. Die glorreichen Neunzehn und ich latschen leicht desorientiert durch den Raum, in der hinteren Ecke belausche ich einen verschw\u00f6rerischen Datenabgleich. \u201eApril, April?\u201c<br \/>\n\u201eNee, November!\u201c<\/p>\n<p>Zwanzig auff\u00e4llige Erscheinungen streben dem Ausbildungsziel zur staatlich examinierten Altenpflegekraft entgegen. Nach diesem ersten Tag glaube ich, das Schlimmste \u00fcberstanden zu haben. Dumm nur dass der Schulbesuch nebenberuflich stattfinden muss, meine Mitsch\u00fcler und ich verdingen uns bereits als Ungelernte in der Altenpflegeszene. Dabei h\u00e4tte alles so sch\u00f6n werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Scheine-Vorlesungen-Silvester,die pseudointellektuelle Unizeit nehme ich nicht besonders ernst, hauptsache der BAF\u00f6G-Rubel rollt. Leider nur bis zum f\u00fcnften Semester. Mein aufopferndes Engagement in der autonomen Automatenbewegung wurde nie materiell entlohnt, allerh\u00f6chstens mal ideologisch gew\u00fcrdigt. Trotzdem habe ich viel Zeit in diesem Revolutionsbiotop verbracht. Stra\u00dfenkampf, schade, schade, alles ist vorbei!<\/p>\n<p>Auch heute bin ich wieder ganz vorn mit dabei. Erste Reihe links, n\u00e4her kann ich der Mentorin und der Kreidetafel nicht kommen. Weiter hinten findet sich der Mob, die ersten Gangs mit ihren jeweiligen Tonangebern kristallisieren sich heraus. Mir ist das zu bl\u00f6de, ich bin nur der Bildung wegen hier. Wundversorgung, Knochenkunde, Abf\u00fchrmittel; die sch\u00f6ne und neue Welt ist bunt und das BRD-Pflegeexamen noch fern am Horizont.<\/p>\n<p>Arbeit &amp; Schule, pflegen &amp; lernen, die Freizeit wird leiden. Noch finde ich das nicht schlimm, denn im f\u00fcnften Jahr in Folge irgendwelche viertklassigen Nordnordostsportpl\u00e4tze im Namen eines Traditionsclubs aus dem Frontstadtteil zu besuchen macht deppressiv und eine Lebensabschnittsgef\u00e4hrtin habe ich auch nicht. Keine Regionalliga, kein Sex. Dabei sollte fr\u00fcher alles besser gewesen werden.<\/p>\n<p>Vor einigen Monaten weilte ich bei zwei Vorstellungen des deutschen Sommerm\u00e4rchens 06. Spanien gegen Ukraine und S\u00fcdkorea gegen die Schweiz. Teuer wars, schw\u00fcl wars. Das hatte mit Fu\u00df, das hatte mit Ball und auch mit Fu\u00dfball nichts zu tun. War es in den vergangenen Jahren noch hipp, w\u00e4hrend stattfindener E oder W Meisterschaften mit Frankreich-, Jamaica- oder FC. St. Pauli-Trikots durch exalternative Stadtviertel zu schlendern, zeigten die Eventhools zur Meisterschaft im eignen L\u00e4ndle ihr wahres Gesicht und marschierten in Schwarz-Rot-Gelb. Das Halbfinale wurde zu unserer dritten Halbzeit, mit rot-wei\u00df-gr\u00fcnen Pizzapappen l\u00e4sst es sich gut einen Baseballhandschuh imitieren.<\/p>\n<p>Mittwoch der Dreizehnte, wie jedes Jahr organisiert mein Arbeitgeber die obligatorische Weihnachtsfeier f\u00fcr das umpflegte Klientel. Zum nichtbezahlten Fahrdienst melde ich mich freiwillig. Unter den Abzuholenden ist auch Brunhilde M\u00fcller, eine geborene Fleischfresser und ein r\u00fcstiges Plappermaul. Laut Fahrplan habe ich um 14 Uhr f\u00fcnf ihre Klingel zu dr\u00fccken. Um 13 Uhr 57 l\u00f6se ich den Eintrittsalarm aus. Brunhilde reagiert prompt, gew\u00e4hrt mir aber Einlass.<br \/>\n\u201eMein Kleiner, haben se bei der Station kein Personal mehr, oder warum schicken se dich?\u201c<br \/>\n\u201eFrau M\u00fcller, wir kennen uns, wir warn schonmal zusammen bei Plus.\u201c<br \/>\n\u201eKinders, ihr seid jut, jut seid ihr. Alle!\u201c<br \/>\n\u201eNa, is doch prima. Tasche, Schl\u00fcssel, Jacke an. Jaa, Fenster sind alle zu!\u201c<br \/>\n\u201eMein kleiner Prinz, warum biste nich Dokta jewordn!?\u201c<\/p>\n<p>Der Rest der Besatzung, eine M\u00fcllersche Bekannte aus der Sch\u00f6neberger Hauptstra\u00dfe, wartet schon vorbildlich an der Hausausgangst\u00fcr. Die letzte Etappe der Reise wird von meinen beiden Fahrg\u00e4sten zu einer Lobeshymne aufs sch\u00f6ne Sch\u00f6neberg genutzt. Frau M\u00fcller hat einen prominenten Ruf unter meinen Kolleginnen, deshalb scheuche ich die andere alleine mit ihrer rollenden Gehhilfe los und begleite Brunhilde pers\u00f6nlich zur Garderobenabgabestelle. Gelangweilte Blicke sind uns sicher, der rote Teppich ist \u00fcberfl\u00fcssig. Vorm Jackentresen bildet sich ein kurzer Stau, weitere Altenpflegeaktivsten wollen die Oberbekleidung ihres auserw\u00e4hlten Patienten gegen eine Nummer eintauschen. Kurz erkl\u00e4re ich ihr die Spielregeln, wir sind fast am Ziel.<\/p>\n<p>\u201eFlorian, du hier?\u201c<br \/>\n\u201eAach, tach Yvonne. Auch nich fertig studiert?\u201c<br \/>\nMit der selbstbewussten Yvonne eint mich der Erwerb des Abiturs auf dem zweiten Bildungsweg. Auch haben wir zusammen studiert. Diplomtechnisch kam sie ins Ziel w\u00e4hrend ich ja auf halber Strecke disqualifiziert wurde. \u00dcberrascht wie ich bin freue ich mich wirklich, sie hier wiederzusehen. Spontan lade ich sie zu einer Raucherpause ein um mal zu h\u00f6ren, wie sie denn in der Altenpflegeszene gelandet ist.<\/p>\n<p>\u201eIch hab doch noch nie geraucht!\u201c Macht nichts, wir tauschen die Erlebnisse der letzten Jahre aus. Ich schwadroniere \u00fcber den Abgesang auf meine Autonomenkarriere. Yvonne spinnt den Faden weiter und liefert Schlagw\u00f6rter: Lesben, Frauen-Lesben, Lesbenprojekt. Eine meiner nikotins\u00fcchtigen Kollegin spitzt interessiert die Ohren, mit hoher Wahrscheinlichkeit werde ich in naher Zukunft als schwule Lesbe gehandelt.<\/p>\n<p>Inzwischen nimmt die Seniorenweihnachtsfeier ihren Lauf, es gibt Kaffee und Kuchen, auch f\u00fcr Infaktgef\u00e4hrdete und Diabetiker. Eine M\u00e4dchengruppe von Zw\u00f6lf- oder Dreizehnj\u00e4hrigen tanzt eine multikulturelle Bollywoodperformance. Aus der vorderen rechten Ecke erschallt der fordernde Ruf einer Patientin: \u201eSingt doch mal deutsche Weihnachtslieder!\u201c<\/p>\n<p>Soviel spontanes Selbstbewusstsein treibt mir ein breites Grinsen ins Gesicht. Deutschland ein Weihnachtsm\u00e4rchen.<\/p>\n<p><em>Florian L.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDanke auch f\u00fcr die Einladung, Texte f\u00fcr Euren Blog zu schreiben. Bei mir ist es aktuell so, dass ich mir sowas nicht so schnell aus den Fingern sauge. Gerne verweise ich aber auf Texte, die ich mal bei den Surfpoeten ver\u00f6ffentlicht habe. 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