{"id":436,"date":"2007-10-04T22:20:12","date_gmt":"2007-10-04T20:20:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2007\/10\/05\/der-konsument\/"},"modified":"2013-07-08T19:10:36","modified_gmt":"2013-07-08T17:10:36","slug":"der-konsument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=436","title":{"rendered":"Der Konsument"},"content":{"rendered":"<p><strong>Konsument versus Bewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Die momentane Gesellschaftsdynamik dr\u00fcckt sich darin aus, dass unsere habitualisierten Denk- und Wahrnehmungsmuster &#8211; bez\u00fcglich der Deutung von Welt &#8211; mit den allt\u00e4glichen Zust\u00e4nden und Situationen, auf die wir treffen, bzw. mit denen wir konfrontiert sind, kollidieren. Hierdurch ergibt sich eine direkt sp\u00fcrbare Ambivalenz, die deutlich werden l\u00e4sst, dass etwas nicht mehr so ist, wie es mal war. Anders gesagt: Die Kr\u00e4fte im sozialen Feld haben sich verschoben, was mit Dysfunktionen einst stabiler Konstruktionen &#8211; im Sozialen &#8211; einhergeht.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das nun konkret? Es bedeutet, dass sich das Bewusstsein, bzw. der Glaube an eine bessere Zukunft, tendenziell ersch\u00f6pft hat. Die Option der Projektion, dass es n\u00e4mlich heilsame Zust\u00e4nde in der Zukunft geben k\u00f6nnte, die f\u00fcr die Erduldung des erlebten Leids entsch\u00e4digen, hat sich quasi erledigt.<\/p>\n<p>Der Verlust an sozialer Sicherung, bzw. die Unplanbarkeit der Zukunft, bewirkt eine unmerkliche &#8211; aber nicht unerhebliche &#8211; Verschiebung im gesellschaftlichen Bewusstsein und im sozialen Verhalten. Ins Besondere \u00e4u\u00dfert sich dies in den Bedeutungsverlagerungen herrschender Gegebenheiten, kurz: Gesellschaftlicher Wandel dr\u00fcckt sich in ver\u00e4nderten Handlungs- und Deutungsmodi aus, die sich ungeplant &#8211; aber strukturiert &#8211; im sozialen Feld bewegen. Wenn also das Bewusstsein und der Sinn f\u00fcr Zukunft an Raum einb\u00fc\u00dfen, dann entstehen leere Fl\u00e4chen, die dem Momentanen sowie Vergangenen \u00fcberproportional Einhalt gebieten. Mit dem Bedeutungszuwachs des Gegenw\u00e4rtigen gewinnen die kurzweiligen Bed\u00fcrfnisbefriedigungen durch Konsum an Zentralit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Konsum von Dingen ist so verlockend &#8211; er verdeckt so sehr den Verlust an produktiver Illusion bzw. die bestehende Traurigkeit. Ablenkung ben\u00f6tigt man in erster Linie dann, wenn die Dinge, die man tut, nur wenig Identifikationsgrade mit den eigenen Denkvorstellungen aufweisen. Schlie\u00dflich muss die Spaltung &#8211; das Loch der Traurigkeit &#8211; gut gef\u00fcllt werden, stetig und immerzu sogar, denn versiegeln l\u00e4sst sich so ein Zustand nicht.<\/p>\n<p>Die Prekarisierten, allen voran die \u00dcberfl\u00fcssigen als deren Speerspitze, bewegen bzw. befinden sich in gesellschaftlichen Zonen, die durch Prozesse der Entkopplung gekennzeichnet sind. Sie stellen das Neue bzw. das Andere im gesellschaftlichen Raum dar, das dem Anschein nach anderswo herkommt \u2013 der Zustand bzw. die soziale Lage wird eben nicht als Kehrseite der offensichtlichen Dominanzverh\u00e4ltnisse der kapitalistischen Produktionsweise begriffen, kurz: Die Ursachen f\u00fcr den Ausschluss m\u00fcssen im Zentrum der gesellschaftlichen Organisation gesucht werden und nicht an den Orten ihrer Erscheinung!<\/p>\n<p>Unsere Wahrnehmungs- und Deutungsmuster sind vom kapitalistischen Denken durchdrungen \u2013 darin besteht Einheit. Demnach m\u00fcssen wir uns alle als Teil des kapitalistischen Apparats begreifen \u2013 sich diesem entziehen zu wollen, w\u00fcrde bedeuten, sich des Selbsts zu entledigen. Konkret hei\u00dft dies: Auch wenn die \u00dcberfl\u00fcssigen \u00fcber die kapitalistische Maschinerie nicht mehr auf direkte Weise ausgebeutet werden k\u00f6nnen, so sind sie indirekt nach wie vor an die Logik dieser gebunden. Zum einen ist es die \u00f6konomische Durchdrungenheit der Sicht, die die \u00dcberfl\u00fcssigen \u00fcberhaupt erst \u00fcberfl\u00fcssig macht, zum anderen werden sie auf Grund ihrer prek\u00e4ren Lage im Gesellschaftssystem zum Konsumenten schlechthin. Demzufolge bleiben sie in ihrer sozialen Ausgegrenztheit stets mit der kapitalistischen Konsumproduktion verwoben. Im Grunde sind sie viel st\u00e4rker an den (Billig-)Konsum gebunden, da er nicht selten das Einzige ist, was noch bleibt.<\/p>\n<p>Mit den \u00dcberfl\u00fcssigen l\u00e4sst sich ein dreifacher Entfremdungsprozess auf Grundlage kapitalistischer Produktionsweise aufzeigen: Die erste Entfremdung ergibt sich aus dem Umstand, dass Lohnabh\u00e4ngige nichts mehr mit dem Produkt zu tun haben, das sie produzieren. Sie leisten einen Beitrag, der sich unabh\u00e4ngig von ihnen in einen Gesamtprozess einf\u00fcgt. Dabei steht der Arbeitslohn in keinem Verh\u00e4ltnis zum Produktwert, kurz: Durch die Ausbeutung im Modus der Lohnarbeit kann ein Mehrwert produziert werden, der das System manifestiert, indem er reinvestiert wird. Die zweite Entfremdung findet dar\u00fcber statt, dass Personen nicht mehr vom Markt gebraucht werden, da sie aus \u00f6konomischer Sicht nicht mehr zur Ausbeutung zu verwerten sind. Mit diesem Prozess gehen die sozialen Entkopplungsprozesse einher, die sich in unterschiedlichen Formen von Prekarit\u00e4t \u00e4u\u00dfern. Der dritte Entfremdungsprozess nimmt Bezug auf die soziale Entfremdung, sprich: Nichts mehr mit sich selbst zu tun haben. Was bleibt einem in so einem Fall dann noch? (Billig-) Konsum durch staatliche Transfergelder? Das w\u00e4re dann der Totale Konsument \u2013 absolut an den Marktmodus gebunden, dreifach entfremdet, sozial entwertet und in dem Bewusstsein verweilend, selbst f\u00fcr die Misere verantwortlich zu sein. Genau diese Vorg\u00e4nge werden durch die Neoliberalisierung des Gesellschaftsk\u00f6rpers weiter vorangetrieben.<\/p>\n<p>Prekarit\u00e4t soll hier aber nicht nur als eine Zumutung begriffen werden, sondern die sich aus ihr ergebenden Handlungsressourcen m\u00fcssen herausgestellt werden, kurz: Prekarisierung bedeutet nicht nur Gefahr, sondern birgt Optionen neuer sozialer Ordnungsmomente in sich (Neukonfigurationen). Gerade weil sich die erworbenen habitualisierten Deutungen im praktischen Geschehen in Irritationen ersch\u00f6pfen, entstehen Momente des Fragens! So wirken die Umbruchprozesse \u2013 Entbindung und Haltlosigkeit, eine Art Schweben im luftleeren Raum \u2013 als ein Feld, auf dem Potentiale f\u00fcr Neues gedeutet und schlie\u00dflich verf\u00fcgbar gemacht werden k\u00f6nnen. Aus dieser Sicht betrachtet, ermuntert das Losgel\u00f6stsein zum Experimentieren. Hiermit k\u00f6nnen sich Spielr\u00e4ume f\u00fcr innovative Akteure (individuell sowie kollektiv) ergeben, kurz: Prozesse der Entstrukturierung als Testgel\u00e4nde f\u00fcr das Soziale nutzen. Die Effekte der Entstrukturierung k\u00f6nnten demnach eine Reduktion des momentanen Ordnungszusammenhangs bewirken und eine Art \u201eoffenen Raum\u201c schaffen.<\/p>\n<p>Es ist also keineswegs so, dass es keine L\u00f6sungswege aus dieser Krise, die sich in mangelnder sozialer Integrationskraft niederschl\u00e4gt, g\u00e4be. Unsere gewohnten Denkmuster k\u00f6nnen sehr wohl durch \u201esymbolische Revolutionen\u201c in ihrer Ordnung modifiziert werden. Allerdings sind Ver\u00e4nderungen im praktischen Handeln hierf\u00fcr eine wichtige Voraussetzung. In einer Zeitphase, in der die soziale Koh\u00e4sion destabilisiert ist, wodurch fragile Momente von Leben und Arbeiten entstehen, kommt es zur Prekarisierung bzw. Freisetzung verschiedenster Personengruppen. Doch wo und wer sind diese Personen, die so zahlreich in unterschiedlicher Weise in Bewegung geraten? Denn mit dem Begriff der \u201eGruppe\u201c lassen sie sich nicht beschreiben. Diese Bezeichnung w\u00e4re verfehlt, da sich die Prekarisierten sowie die \u00dcberfl\u00fcssigen aus unterschiedlichsten Quellen speisen. Sie sind also keine einheitliche Masse, die sich auch nicht als Masse begreift oder verst\u00e4ndigen k\u00f6nnte, da es gar kein gemeinsames Bewusstsein gibt. Dieses fehlende gemeinsame Bewusstsein ist dann auch genau das Problem, da sich in der Vereinzelung der Lagen nichts Gesellschaftsrelevantes bewegen kann.<\/p>\n<p>So wird mit den \u00dcberfl\u00fcssigen nicht nur der Begriff des Dienens obsolet, sondern auch der des Klassenkampfes. Selbst wenn es nie eine Revolution oder eine Klasse, der man revolution\u00e4res Bewusstsein zugeschrieben h\u00e4tte, gegeben haben sollte, so wird es zumindest in Zukunft keine mehr geben, auf die sich eine solche Annahme projizieren lassen w\u00fcrde. Traditionell schrieb man dem Proletariat die revolution\u00e4re Kraft zu, da es arbeitete, um sich und seinen Kindern eine bessere Zukunft zu gestalten. Sie waren also Diejenigen, die in Bewegung blieben, da sie ihre Position im sozialen Gef\u00fcge verbessern konnten. Jedoch hat sich die konservierende Haltung der Oberen bis weit in die Mitte der Gesellschaft ausgeweitet, was zur Folge hat, dass es nicht mehr um eine bessere Zukunft geht, sondern vielmehr um den Status Quo!<\/p>\n<p>Wenn wir also heute den Blick auf die Gesellschaft richten und uns die Frage stellen, wo sich im sozialen Gef\u00fcge etwas bewegen kann, so werden wir auf zahlreiche Einzellagen treffen, die unvermittelt nebeneinander stehen. Das Defizit besteht also in der mangelnden Verkn\u00fcpfung und nicht in der mangelnden Kompetenz, gemeinsame Bewegungen zu gestalten! Somit liegt die Gefahr darin, dass die Momente des Experimentierens \u2013 auf der Grundlage von Freir\u00e4umen \u2013 zu keinem gesellschaftsrelevanten Ergebnis f\u00fchren und daher die Gesellschaft nicht in Bewegung ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Zusammenfassend kann festgehalten werden: In den Prekarisierten und \u00dcberfl\u00fcssigen liegt zum einen die Gefahr, das diese zu Totalen Konsumenten reduziert werden, zum anderen verk\u00f6rpern sie die Option gesellschaftlicher Bewegungen, deren Potenzialit\u00e4ten &#8211; jedenfalls mit unseren gewohnten Denkweisen \u2013 nicht recht zu erkennen sind. Demnach breitet sich mit dem Steigen der sozialen Verwundbarkeiten kein revolution\u00e4res Bewusstsein aus, sondern vielmehr der unmerkliche Wille, reaktion\u00e4r zu sein. Dem gilt es entgegenzuwirken! Damit sich Verh\u00e4ltnisse grundlegend \u00e4ndern, sind Bewegungen von unten in der Gesellschaft unabdingbar. Diese Bewegungen ergeben sich historisch betrachtet aus gemeinsamen Lagen und Zielsetzungen. Demnach m\u00fcsste die Frage, ob es eine Bewegung aus der Gesellschaft heraus geben k\u00f6nnte, die Einfluss auf das soziale Wandlungsgeschehen n\u00e4hme, verneint werden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus stellt sich die Frage, ob den Machenschaften der grauen M\u00e4nnlichkeit &#8211; im neoliberalen Fahrtwind &#8211; \u00fcberhaupt etwas Potentielles in den Weg gestellt werden kann, oder ob sich der Sektor der gesellschaftlichen Disqualifizierung auch weiterhin vergr\u00f6\u00dfert \u2013 und diese Vergr\u00f6\u00dferung weiterhin nicht als Gr\u00f6\u00dfe (im doppelten Sinne) gedeutet werden kann. Wenn wir den erprobten Mustern in Denken und Handeln verhaftet bleiben, steht der brutalen m\u00e4nnlichen Herrschaft, die uns einverleibt wurde, nichts entgegen. Wir w\u00fcrden uns quasi weiterhin unterwerfen.<\/p>\n<p>Ich unterwerfe mich ja so gerne. Und ihr?<\/p>\n<p><em>Der andere Person<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konsument versus Bewegung? Die momentane Gesellschaftsdynamik dr\u00fcckt sich darin aus, dass unsere habitualisierten Denk- und Wahrnehmungsmuster &#8211; bez\u00fcglich der Deutung von Welt &#8211; mit den allt\u00e4glichen Zust\u00e4nden und Situationen, auf die wir treffen, bzw. mit denen wir konfrontiert sind, kollidieren. 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