{"id":44,"date":"2006-05-03T20:28:33","date_gmt":"2006-05-03T18:28:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2006\/05\/03\/1-vernetzungstreffen-abrissberlin\/"},"modified":"2013-05-03T23:21:02","modified_gmt":"2013-05-03T21:21:02","slug":"1-vernetzungstreffen-abrissberlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=44","title":{"rendered":"1. Vernetzungstreffen Abriss-Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Am 23.04.06 trafen sich lokale Initiativen im Platzh\u00e4uschen auf dem Teutoburger Platz, um sich zu vernetzen. AktivistInnen des <a title=\"Palastb\u00fcndnis\" href=\"http:\/\/www.palastbuendnis.de\">B\u00fcndnis f\u00fcr den Palast<\/a> hatten dazu eingeladen.<br \/>\nGekommen waren Vertreter aus dem <a title=\"Orwo-Haus\" href=\"http:\/\/www.orwohaus.de\">Orwo-Haus<\/a>, dem <a title=\"Initiative Zukunft Bethanien\" href=\"http:\/\/www.bethanien.info\">Bethanien<\/a>, dem <a title=\"RAW-Tempel\" href=\"http:\/\/www.raw-tempel.de\">RAW<\/a>, dem Royal Palast und der <a title=\"Ziesel-Bau-Initiative\" href=\"http:\/\/www.denk-mal-industrie.de\">Ziesel-Bau-Initiative<\/a>, auch die Stadtzeitung <a title=\"Scheinschlag\" href=\"http:\/\/www.scheinschlag.de\">Scheinschlag<\/a> war vertreten.<br \/>\nDas Orwo-Haus in Marzahn steht f\u00fcr ein gelungenes Projekt. Aus einer Notsituation heraus &#8211; die Bauaufsicht wollte wegen M\u00e4ngeln das Geb\u00e4ude schlie\u00dfen &#8211; haben sich die Musiker zusammengefunden und ihr Ziel definiert: Musik braucht Raum! Kaum ein Musiker h\u00e4tte sonst gewusst, wohin, und so gab es eigentlich gar keine andere M\u00f6glichkeit als zu k\u00e4mpfen.<br \/>\nDie Musiker-Gattung ist der sozial schw\u00e4chste K\u00fcnstlerbereich. 400 Musiker haben sich im Orwo-Haus zusammengefunden, um Kinder- und Jugendmusik als \u201eB\u00fcrgerwillen\u201c zu formulieren und daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die Musiker haben einen Verein gegr\u00fcndet, ein Sanierungs- und Baugutachten beauftragt und sind mit dem Liegenschaftsfond erfolgreich in Verhandlungen gegangen. Nun geh\u00f6rt das Haus einem gemeinn\u00fctzigen Verein, die Hausverwaltung wurde ausgelagert und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, Presse und Vereinsarbeit erfolgen ehrenamtlich. Gratulation zu diesem Projekt, und wir freuen uns, dass sich das Orwo-Haus an der Vernetzung beteiligt und seine Erfahrungen damit weitergibt.<\/p>\n<p>Das Bethanien in Kreuzberg, bekannt aus der ersten Besetzerzeit heutiger Alt-68er, wurde in den Teilen des leeren Sozialamtes von der ger\u00e4umten <a title=\"Yorck 59 - New Yorck im Bethanien\" href=\"http:\/\/www.yorck59.net\">Yorckstr. 59<\/a> besetzt und hat es geschafft, die BVV (Bezirksverordnetenversammlung) Friedrichshain\u2013Kreuzberg zum Stop der Privatisierung des Hauses zu bewegen. Allerdings darf das nicht zu weiteren finanziellen Belastungen des Bezirkshaushaltes f\u00fchren. Von Ideenwerkst\u00e4tten \u00fcber die Initiative Zukunft Bethanien bis hin zu den Verhandlungen mit dem Bezirk und zahlreichen anderen Partnern laufen die Verhandlungen auf Hochtouren und stehen bis zum 6. Juni unter starkem Zeitdruck.<\/p>\n<p>Der Royal Palast wird abgerissen, der Denkmalschutz wurde aufgehoben, das Denkmalamt zieht sich zur\u00fcck; auch der Zoo Palast wird fallen. Es ist schwer, alte Geb\u00e4ude zu verteidigen, wenn selbst die Kinobetreiber daran kein Interesse mehr haben. \u00c4hnlich wie bei Superm\u00e4rkten ist auch im Kinobetrieb eine ver\u00e4nderte Betreiberstruktur fl\u00e4chengreifend und l\u00e4sst kleine Kinos sterben. Einmalige historische Orte verschwinden, Gro\u00dfstrukturen des Konsums mit Kinobetrieb treten an ihre Stelle. Fr\u00fchzeitige Informationen \u00fcber Abrisspl\u00e4ne und unkonventionelle und einfache Protestformen, z. B. f\u00fcr die Kassiererin an der Kinokasse und die Kinobesucher, sind notwendig.<\/p>\n<p>Die \u201eKabelwerker\u201c von der Hochschule in der ehemaligen Kabelfabrik k\u00e4mpfen um den Ziesel-Bau, auch hier hat sich der Denkmalschutz aus der Verantwortung gezogen und wurde aus angeblich wirtschaftlichen Gr\u00fcnden aufgegeben. Die Initiative, die weitestgehend von Studenten ausgeht, steht im Widerspruch zu zahlreichen staatlichen Akteuren. Hier sind schnelle Interventionen und wahrscheinlich auch Gegengutachten gefragt.<\/p>\n<p>Im Laufe des Brunch kam noch Frauke hinzu, die am Beispiel interkultureller G\u00e4rten die Bedeutung st\u00e4dtischer Brachen und den unkonventionellen Umgang durch Bewohner und ihre Initiativen aufzeigte. Mit der Geschichte des RAW, einem Bahngel\u00e4nde, das von der Vivico vermarktet und in Kooperation mit dem Bezirk eher intransparent verwurschtelt wird, taten sich gleich mehrere stadtpolitische Themen auf. Das aktuelle Projekt `Kunststoffe`, eine Zentralstelle f\u00fcr wiederverwendbare Materialien, liefert dar\u00fcber hinaus ein Beispiel f\u00fcr den nachhaltigen und sparsamen Umgang mit Ressourcen.<\/p>\n<p>Nachdem alle ihre Projekte vorgestellt hatten, wurden gemeinsame Anspr\u00fcche an ein Netzwerk diskutiert: Information, Kommunikation, Aktion.<\/p>\n<p>\u00b7 Fr\u00fchzeitige Information \u00fcber Abrisspl\u00e4ne schafft emotionale Betroffenheit und damit Einflussnahme auf Entscheidungen.<br \/>\n\u00b7 Ein Pool von Namen und Institutionen, die an Entscheidungen beteiligt sind, um konkrete Entscheidungen zu personalisieren.<br \/>\n\u00b7 Bastelanleitungen f\u00fcr kreative Protestformen.<br \/>\n\u00b7 Who is Who im alternativen Bereich, wer gibt Initiativen kostenlose Beratung, wer hat welche Kompetenzen.<br \/>\n\u00b7 Beispiele aus Projekten, hinsichtlich der Kosten, der Bewirtschaftung.<br \/>\n\u00b7 Forum, um Widerspr\u00fcche transparent zu machen und Gegenstrategien zu entwickeln.<\/p>\n<p>Das \u00c4rgernis ist, von der kleinen Gr\u00fcnfl\u00e4che bis zum Palast der Republik, die Tabuisierung von Entscheidungen, 90% dieser Entscheidungen sind rein \u00f6konomisch bedingt und der Rest ist symbolischer Natur. Die B\u00fcrger werden t\u00e4glich von Wirtschaft und Politik entm\u00fcndigt. Warte nicht, bis du gefragt wirst: Lasst uns Brachen nutzen, Abriss verhindern und aktiv werden, die Stadt geh\u00f6rt ihren Bewohnern!<\/p>\n<p>In dieser Stimmung haben wir die n\u00e4chsten Schritte geplant.<\/p>\n<p>\u00b7 Ein kleines Formblatt, damit Initiativen ihre \u201eBirne\u201c auf der Abrisskarte der Homepage darstellen und ihren Link setzen.<br \/>\n\u00b7 Eine gemeinsame Veranstaltung mit weiteren Initiativen, die dann \u00f6ffentlich sein soll und \u00fcber ein Open Space Informationen und weitere Vernetzungen erm\u00f6glicht.<br \/>\n\u00b7 Eine lange Nacht des Abrisses f\u00fcr Anfang September, um an all die Orte zu fahren und sie zu besichtigen, sich Inspirationen zu holen.<br \/>\n\u00b7 \u00d6ffentlichkeitsarbeit f\u00fcr die Homepage www.abriss-berlin.de, die als offener, kommunikativer Raum eingerichtet wurde.<\/p>\n<p>Am 23. April vor 30 Jahren war die erste offizielle Er\u00f6ffnung des Palastes der Republik. Er wird gerade abgerissen. Es w\u00e4re preiswerter gewesen, ihn zu sanieren und zu nutzen, es w\u00e4re geschichtlich angemessen gewesen, ihn als Teil deutscher Geschichte zu ehren und weiter zu entwickeln, es war kulturpolitisch relevant, ihn zwischenzunutzen. Ein B\u00fcndnis gegen den Abriss hatte kurzzeitig eine \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die finanziellen und geschichtlichen Aspekte des Palastes mobilisiert. Die Mehrheit der Berliner war nicht daf\u00fcr, Geschichte abzurei\u00dfen, um etwas noch \u00c4lteres wieder aufzubauen.<\/p>\n<p>Die Erfahrung des B\u00fcndnisses gegen den Abriss des Palastes richtet sich jetzt auf all die Orte, die vom Abriss bedroht sind, auf die Orte, die aus finanziellen Gr\u00fcnden der Verwertung und zuk\u00fcnftiger Rendite brach liegen, und auf die Kreativit\u00e4t und die Alltagsweisheit der Berliner, sich ihre Stadt zu nehmen. Und vielleicht kehren wir gemeinsam an den Ort zur\u00fcck, der als symbolische Berliner Mitte gilt und schaffen eine Alternative zum kommerziellen Neubau, der als Schloss verkauft wird. Bis dahin aber haben wir alle Spa\u00df und Freude an dieser Stadt, denn es ist nicht das Geld, sondern der Nachbar, der Gast, der Fremde, der f\u00fcr Aufregung und Spannung sorgt. Wir schaffen gemeinsam den Raum dazu und lernen uns dabei kennen.<\/p>\n<p>Ja, Berlin ist sexy, aber anders, als der B\u00fcrgermeister das ahnt&#8230;<\/p>\n<p><em>Karin Baumert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23.04.06 trafen sich lokale Initiativen im Platzh\u00e4uschen auf dem Teutoburger Platz, um sich zu vernetzen. AktivistInnen des B\u00fcndnis f\u00fcr den Palast hatten dazu eingeladen. Gekommen waren Vertreter aus dem Orwo-Haus, dem Bethanien, dem RAW, dem Royal Palast und der Ziesel-Bau-Initiative, auch die Stadtzeitung Scheinschlag war vertreten. 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