{"id":455,"date":"2007-10-08T14:38:05","date_gmt":"2007-10-08T12:38:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2007\/10\/08\/berlin-goes-global\/"},"modified":"2014-03-09T00:34:28","modified_gmt":"2014-03-08T22:34:28","slug":"berlin-goes-global","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=455","title":{"rendered":"Berlin goes global"},"content":{"rendered":"<p><em>In Zusammenarbeit mit Indymedia erscheint in einigen Tagen ein 8-seitiger Print zu \u201eMediaspree\u201c und den Hintergr\u00fcnden. Er ist als klassische Information f\u00fcr Anwohner gedacht und wird in den Kiezen verteilt. Die Themen aber gehen weit dar\u00fcber hinaus und bieten einen \u00dcberblick \u00fcber die Folgen und Mechanismen von Gentrification &#8211; kiezweit bis weltweit betrachtet &#8211; und \u00fcber den Widerstand der Betroffenen. Alle Artikel erscheinen auch hier:<\/em><\/p>\n<p><strong>Stadtpolitik in Zeiten der Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Globalisierung ist ein schillernder Begriff. In der Stadtentwicklung wird er genutzt, um die neoliberale Umgestaltung mit dem Verweis auf die internationale Standortkonkurrenz zu legitimieren. Auch die Berliner Stadtpolitik hat die internationale Metropole zum Vorbild. So setzt die Landesregierung trotz der Haushaltsnotlage auf die Subventionierung von Gro\u00dfprojekten f\u00fcr eine Dienstleistungsmetropole Berlin. Andererseits verscherbelt die Stadt ihre \u00f6ffentlichen Unternehmen und Einrichtungen: Privatisierung und globaler Standortwettbewerb sind die zwei Seiten der selben Medaille.<\/p>\n<p>Im Zuge der Privatisierungen und Liberalisierungen der letzten Jahre verkaufte die Stadt Wohnungsbaugesellschaften, Wasserbetriebe, Bewag und Sparkasse. Die Folgen der Privatisierung sind steigende Kosten f\u00fcr Verbraucher, Entlassungen von Angestellten und weniger politische Steuerungspotentiale. F\u00fcr die Wohnungspolitik hei\u00dft das: Ausstieg aus der Anschlussf\u00f6rderung des Sozialen Wohnungsbaus, faktische Aufhebung der Mietobergrenzen in den Sanierungsgebieten und Deregulierungen im Baurecht &#8211; ein Angriff auf die Fundamente der Mieterstadt Berlin. Immer mehr Wohnungen werden an private Wohnungsunternehmen oder Anleger \u00fcbertragen, gleichzeitig werden die rechtlichen Regulierungsinstrumente eingeschr\u00e4nkt. Die \u00f6ffentlich verteilte Beruhigungspille des ach so entspannten Wohnungsmarktes erweist sich schon jetzt als Placebo. Die Auswirkungen schlagen sich im aktuellen Mietspiegel nieder: Gerade in den Baualterklassen mit hohem Privatisierungsanteil sind die Mieten in den letzten zwei Jahren um etwa 10 Prozent gestiegen. Auch in den Ostberliner Altbauvierteln sind deutliche Mietsteigerungen zu verzeichnen. Und die Mehrzahl der frisch sanierten Wohnungen liegen \u00fcber den Bemessungsgrenzen von Hartz IV. Aufwertung und Gentrification hei\u00dft hier konkret, dass ganze Stadtviertel f\u00fcr \u00e4rmere Haushalte verschlossen bleiben. Dominant auf dem Wohnungsmarkt sind l\u00e4ngst die \u201eFinanzinvestoren\u201c \u2013 und Bewohner werden mit ihren Rechten dabei vor Allem als Investitionshemmnis wahrgenommen. Wenn modernisiert, in Eigentum umgewandelt oder verkauft werden soll, st\u00f6ren sie und sollen von der zahlungskr\u00e4ftigeren Klientel abgel\u00f6st werden, wie jetzt in den \u201eaufgewerteten\u201c Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Konturen einer sozialen Mieterstadt geraten durch international orientierte Standortpolitik unter Druck, auch die vielf\u00e4ltigen subkulturellen Strukturen m\u00fcssen weichen. Denn eine Stadt von Welt braucht zwar den Chic des Kreativen \u2013 vor Allem aber gediegene Wohn- und Arbeitsstandorte f\u00fcr Funktionstr\u00e4ger der internationalen \u00d6konomie. Die artikulierten Konsum- und Nutzungsinteressen der neuen Mittelklasse konkurrieren dabei mit den Nischen selbstorganisierter Alternativen. Subkulturelle Projekte und besetzte H\u00e4user dienen nur als T\u00fcr\u00f6ffner in den Zeiten des \u00dcbergangs: In den 90ern er\u00f6ffneten in leeren Gewerber\u00e4umen Kneipen und Buchl\u00e4den oder illegale Technoparties &#8211; das katapultierte die Viertel in die Feuilletons und Reisef\u00fchrer. Angelockt wurden damit nicht nur die \u201eImmobilienverwerter\u201c, sondern auch die Etablierten und Erfolgreichen, die sich einen Hauch des Besonderen in jenen Vierteln erkaufen wollten. F\u00fcr den alternativen Ruf des Viertels bezahlen sie erh\u00f6hte Wohnkosten. Konflikte um Ruhest\u00f6rungen, die Nutzung der \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze und der Gewerbestrukturen sind vorprogrammiert \u2013 die Neubewohner verf\u00fcgen aber oft \u00fcber mehr Mittel und Kenntnisse, um ihre Interessen durchzusetzen. Diese \u201aneuen\u2019 Bed\u00fcrfnisse entsprechen meist auch denen der Hauseigent\u00fcmer, die ihre Gewerbefl\u00e4chen so teuer wie m\u00f6glich vermieten wollen. Absurd anmutendes Ergebnis ist dabei die Verdr\u00e4ngung der vormaligen Strukturen. So wichtig die alternativen Projekte f\u00fcr die \u201aEntdeckung\u2019 der Viertel waren, so \u00fcberfl\u00fcssig scheinen sie bei deren Verwertung. Kollektive und preiswerte Lebensalternativen werden pl\u00f6tzlich als Hindernis wahrgenommen. So werden wir weiterhin leere B\u00fcrofl\u00e4chen und die Einheitskultur von Starbucks und Shoppingmalls finden statt selbstorganisierte Lebens- und Veranstaltungsorte.<\/p>\n<p>Solche Verdr\u00e4ngungsprozesse werden international als Gentrification bezeichnet. Sie m\u00f6gen zu einer qualitativen Verbesserung der Geb\u00e4udestruktur f\u00fchren, sind aber gleichzeitig ein weiterer Ausschlussmechanismus f\u00fcr einkommensschwache Gruppen, alternative Lebenskonzepte und subkulturelle R\u00e4ume. Um diese Strukturen als Markenzeichen der Stadt zu erhalten, ist ein Heraustreten aus den Nischen des Alternativlebens und ein aktives, gestaltendes Eingreifen in die stadtpolitischen Debatten notwendig. Die Proteste gegen das Gro\u00dfprojekt \u201eMediaspree\u201c k\u00f6nnten ein Anfang sein.<\/p>\n<p><a title=\"Andrej Holm\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrej_Holm\"><em>Andrej Holm<\/em><\/a><\/p>\n<p>(gek\u00fcrzte Textversion)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zusammenarbeit mit Indymedia erscheint in einigen Tagen ein 8-seitiger Print zu \u201eMediaspree\u201c und den Hintergr\u00fcnden. Er ist als klassische Information f\u00fcr Anwohner gedacht und wird in den Kiezen verteilt. 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