{"id":459,"date":"2007-10-04T00:02:51","date_gmt":"2007-10-03T22:02:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2007\/10\/04\/brief-ins-gefangnis\/"},"modified":"2013-05-03T23:13:07","modified_gmt":"2013-05-03T21:13:07","slug":"brief-ins-gefangnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=459","title":{"rendered":"Brief ins Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p><em>Axel, Florian und Oliver sind immer noch in U-Haft. Ich habe ihnen geschrieben. Der Brief ist f\u00fcr mich noch immer eine interessante und in der weiblichen Geschichte wichtige Form, Dinge auf einer anderen Ebene zu verhandeln. Wir sind ja alle auf der Suche nach neuen Formen, die Widerstand, Denken, Kreativit\u00e4t bef\u00f6rdern. Lasst es uns unterwandern, das System, den Mainstream, die Normalit\u00e4t. Infos zu Kontakten in den Knast unter:<\/em> <a title=\"knast.net\" href=\"http:\/\/www.knast.net\">www.knast.net<\/a><\/p>\n<p>Hallo Axel, Florian und Oliver,<\/p>\n<p>wir kennen uns nicht. Aber da eine Untersuchungshaft anstrengend ist, dachte ich, ihr w\u00fcrdet euch \u00fcber einen Brief freuen.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte ich etwas zu mir erz\u00e4hlen. Ich bin eigentlich Schauspielerin, aber im Moment ist es schwer, Arbeit zu finden und wenn, dann sind es immer \u00f6fter im besten Fall belanglose Sachen. Ich sehe das auch immer, wenn die Leute von den Schauspielschulen kommen, mit vielen Ideen und Engagement und das ist dann f\u00fcr die Tonne (hm vielleicht sollte ich lieber einen positiven Brief schreiben). Es ist eben schwer mit der Kunst. Ab und zu bin ich gewerkschaftlich engagiert. Aktuell planen wir gerade eine Hochschulkampagne f\u00fcr den Bereich Medien, Kunst und Kultur in Berlin. Ich mu\u00df gerade l\u00e4cheln, wenn ich an das letzte Treffen denke, wo ein Kollege aus der Bildenden Kunst sagte, von wegen Freiheit der Kunst. Wahrscheinlich sind wir alle Gefangene (Anspielung auf den Buchtitel von Oskar Maria Graf).<\/p>\n<p>Am Sonntag habe ich eine Lesung aus Romanen von Carson McCullers. Das ist eine meiner Lieblingschriftstellerinnen. Anbei mal ein Programmzettel. Eigentlich wird dieser als Origamifigur gefaltet und ich freue mich schon auf das Publikum, das sich einerseits nicht traut, das Programmblatt zu entfalten, andererseits aber das Programm gerne lesen w\u00fcrde. Wegen der mitlesenden anderweitigen Personen habe ich euch den Zettel jetzt nicht gefaltet. Eine Faltanweisung (Blume, Schwan, Karpfen) liegt bei.<\/p>\n<p>Ja, das ist schon ein wenig b\u00fcrgerlich mit dem Programmzettel, das mu\u00df ich zugeben. Aber selbst auf gro\u00dfen B\u00fchnen ist dieses Ph\u00e4nomen vorhanden. Es ist nicht einfach zu beschreiben. Vielleicht eher am Beispiel. Vor ein paar Wochen war ich in einem gr\u00f6\u00dferen Berliner Theater, das St\u00fcck war sogar sehr modern, um nicht zu sagen staatskritisch. Trotzdem war da f\u00fcr mich das Gef\u00fchl von Stagnation. Ein paar Tage sp\u00e4ter war ich im RAW, das St\u00fcck war fast wanderb\u00fchnenartig aufgezogen, aber der Raum und auch die Zuschauer waren, hm lebendig. Das St\u00fcck basierte auf dem Roman von John Kennedy Toole \u201eIgnaz oder die Verschw\u00f6rung der Idioten\u201c von 1969. Aber es war total modern. Ich habe noch nie soviel in einem St\u00fcck gelacht. Der dicke Ignaz ist sozusagen ein Taugenichts und will nicht arbeiten, er wird von seiner Mutter durchgef\u00fcttert. Aber als sie einen Unfall hat, verpflichtet sie Ignaz zur Arbeit und so arbeitet er bei Hosen-Levy und nach seinem Rauswurf, als W\u00fcrstelverk\u00e4ufer, in einem Vogelladen, in einem Fischgesch\u00e4ft usw.. Um Ignaz gruppieren sich die merkw\u00fcrdigsten Zeitgenossen, die sich meist nicht unterhalten, sondern gegenseitig beschimpfen. Oder sie tun die komischsten Dinge bzw. werden dazu gezwungen. S\u00e4mtliche T\u00e4tigkeiten werden ironisiert und im Extrem beschrieben. Es ist daher wie eine Art Offenlegung des \u201eSystems Welt\u201c, eine realabsurde Kom\u00f6die. Z. B. der Polizist Mancuso, der Ignaz zu Beginn des Buches festnehmen will, muss den ganzen Tag in einem Waschsalon nach Verd\u00e4chtigen Ausschau halten, so lange, bis er es endlich schafft, jemanden zu verhaften. \u201eVerhaften Sie endlich jemand, Mancuso!\u201c, sagt sein Chef. Da der Roman in Amerika, in New Orleans spielt, ist m\u00f6glicherweise auch die Kommunistenjagd der 50er unter McCarthy mitverarbeitet.<\/p>\n<p>Tja, dann schreibe ich noch ab und an f\u00fcr die Gewerkschaftszeitung und schreibe f\u00fcr einen Blog (www.abriss-berlin.de). Falls ihr Lust habt, w\u00fcrde ich euch einladen, etwas f\u00fcr uns zu schreiben. Wir haben zun\u00e4chst \u00fcber Abrisse berichtet, jetzt aber ist es schon eher ein Abriss \u00fcber Berlin geworden. Wir schreiben \u00fcber Privatisierungen, Freir\u00e4ume, Politik und Alternativen. Ich lege mal meine 3 letzten Lieblingsberichte (jedem Brief einen anderen) bei.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt schreibe ich viel; das ist f\u00fcr mich wie Reflektieren, Hinschreiben, Nachdenken, Aufschreiben. Auch wenn es Kleinigkeiten sind, Alltagsgeschichten, Sorgen, Probleme oder auch Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Heute habe ich zum Beispiel \u00fcber Gentechnik nachgedacht. Und ich habe gedacht, mit welchem Recht die dort involvierten Konzerne eigentlich die Natur unfruchtbar machen, das nichts mehr einfach so w\u00e4chst und f\u00fcr alle da ist, sondern gekauft werden mu\u00df und immer wieder neu, denn das Saatgut ist steril geworden und l\u00e4\u00dft sich nur einmal verwenden. Dieses Saatgut, das von vielen Menschen \u00fcber all die Jahrtausende gepflegt und gez\u00fcchtet wurde. Welche Hybris! Und nat\u00fcrlich geschieht all das ohne nennenswertes Nachdenken, nein, es geschieht sogar offiziell.<\/p>\n<p>Ja, jetzt will ich noch was Positives schreiben. Positiv war heute, da\u00df ich mich auf die Wiese am Helmholtzplatz gelegt habe und gar nichts gemacht habe. Es war mir alles egal und ihr werdet lachen, es war ein klasse Gef\u00fchl, ziemlich befreiend sogar. Alle Zukunftssorgen waren weg und der Augenblick da. Ich bin in mich hineinversunken (\u00fcbrigens ein weiterer Vorteil des Schauspielstudiums sind K\u00f6rper- und Geistestechniken; es sollte an der Schule unterrichtet werden, genauso wie Praktische \u00d6kologie und Medien- und Werbekritik). Es ist schon herbstlich und vorhin war der Fernsehturm vernebelt. Ein sch\u00f6nes Bild, die Wolken um den Turm. Kleinigkeiten, die auffallen, wenn man zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad unterwegs ist.<\/p>\n<p>Hier noch eine politisch positive Meldung aus der Linkszeitung:<\/p>\n<p>Mehrheit der B\u00fcrger lehnt Sozialpolitik der Regierung ab<\/p>\n<p>Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Bundesb\u00fcrger lehnt die Sozialpolitik der Gro\u00dfen Koalition ab. In einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Emnid, im Auftrag der Wochenzeitschrift \u201eDie Zeit\u201c, erkl\u00e4ren 72 Prozent der Befragten, die Regierung m\u00fcsse mehr f\u00fcr soziale Gerechtigkeit tun, nur 16 Prozent folgen der Regierungspolitik. Nach der Umfrage bezeichnet sich jeder dritte Deutsche als \u201elinks\u201c. 34 Prozent sagten, sie seien im politischen Spektrum links zu verorten, 52 Prozent ordnen sich selbst der politischen Mitte zu und nur 11 Prozent der Rechten. Selbst unter CDU-Anh\u00e4ngern sieht sich jeder Vierte als Teil des linken politischen Spektrums. Bei den SPD-Anh\u00e4ngern sehen sich 39 Prozent als \u201elinks\u201c, bei der FDP 23 Prozent und bei den Gr\u00fcnen sogar 76 Prozent. Die Umfrage, f\u00fcr die Emnid 1 000 Deutsche interviewte, zeigt eine gro\u00dfe Zustimmung zu politischen Forderungen, die vor allem von der Linkspartei vertreten werden: 67 Prozent der Befragten wollen Unternehmen wie die Bahn sowie die Energieversorgung in staatlicher Hand lassen. Vor allem von Anh\u00e4ngern der Volksparteien wird diese Haltung ge\u00e4u\u00dfert; von den SPD-Anh\u00e4ngern sind 72 Prozent f\u00fcr Staatsunternehmen, von den Unionsw\u00e4hlern immerhin 71 Prozent. 68 Prozent der Befragten sind f\u00fcr die Einf\u00fchrung von Mindestl\u00f6hnen. 62 Prozent halten die Beteiligung der Bundeswehr an Eins\u00e4tzen in Afghanistan f\u00fcr \u201eeher falsch\u201c; 82 Prozent fordern, das gesetzliche Rentenalter wieder von 67 auf 65 Jahre zu senken.<\/p>\n<p>Die Sympathie f\u00fcr linke Positionen schl\u00e4gt sich auch in einer positiveren Haltung zu den Gewerkschaften nieder. So halten 46 Prozent der Deutschen laut ZEIT-Umfrage die Macht der Gewerkschaften f\u00fcr \u201eeher zu klein\u201c und nur 43 Prozent f\u00fcr \u201eeher zu gro\u00df\u201c. Auf die gleiche Frage hatten 2003 noch 51 Prozent der Befragten geantwortet, sie w\u00fcnschten sich weniger Gewerkschaftsmacht.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich nat\u00fcrlich freuen, wenn ihr antworten k\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe, Malah<\/p>\n<p>Berlin, 31-8-07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Axel, Florian und Oliver sind immer noch in U-Haft. Ich habe ihnen geschrieben. Der Brief ist f\u00fcr mich noch immer eine interessante und in der weiblichen Geschichte wichtige Form, Dinge auf einer anderen Ebene zu verhandeln. Wir sind ja alle auf der Suche nach neuen Formen, die Widerstand, Denken, Kreativit\u00e4t bef\u00f6rdern. 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