{"id":48,"date":"2006-08-14T15:37:11","date_gmt":"2006-08-14T13:37:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abrissberlin.de\/blog\/2006\/08\/14\/und-ewig-grust-das-murmeltier\/"},"modified":"2010-01-31T00:39:27","modified_gmt":"2010-01-30T22:39:27","slug":"und-ewig-grust-das-murmeltier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=48","title":{"rendered":"Und ewig gr\u00fc\u00dft das Murmeltier"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sehr geehrte Architekten und politischen Liebhaber des Schlossplatzes!<\/strong><\/p>\n<p>Wir freuen uns, heute im Staatsratsgeb\u00e4ude mit Ihnen \u00fcber die neuen Entw\u00fcrfe f\u00fcr die Gestaltung des Schlossplatzes diskutieren zu d\u00fcrfen und danken Ihnen f\u00fcr Ihr Engagement und ihre Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir freuen uns, in diesem Geb\u00e4ude zu sein, weil es dieses gar nicht mehr geben w\u00fcrde, wenn nicht viele mutige B\u00fcrger, K\u00fcnstler und Wissenschaftler daf\u00fcr gek\u00e4mpft h\u00e4tten. Vielleicht wei\u00df das der Eine oder die Andere nicht mehr, aber es g\u00e4be dieses Bauwerk nicht mehr, w\u00e4ren die Abrisspl\u00e4ne verwirklicht worden. Aber durch die Aufkl\u00e4rung zur Bedeutung des Staatsratsgeb\u00e4udes als Denkmal und den mutigen Einsatz Vieler gegen die Abrisspl\u00e4ne k\u00f6nnen wir heute hier sitzen.<\/p>\n<p>Und wir freuen uns auch, dass die Eliteschule heute Gastgeber f\u00fcr diese Diskussion ist und sich f\u00fcr den Platz vor ihrem Fenster interessiert. Aber liebe Architekten und Liebhaber, geht es um den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Interessen oder um eine Entwicklung, die wir und Sie jetzt noch nicht klar aussprechen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><strong>1. Es geht um Transparenz<\/strong> 15 Jahre Debatte um den Ort und seit Beginn der Zwischennutzung des Palastes der Republik auch 3 Jahre konkrete, gelebte Debatte zu dem Potential des Ortes, haben nun endlich Bedeutung!? Die galoppierenden Kosten des Abrisses: Die Firma hatte mit unter 50 % der geplanten Abrisskosten den Auftrag eingefahren, um jetzt Nachforderungen zu stellen. Das ber\u00fchmte Stahlger\u00fcst vor dem Fenster, das immer noch verwendet werden kann, mahnt Sie, Ihre Handlungen und Zukunftsentw\u00fcrfe genau zu bedenken.<\/p>\n<p><strong> 2. Es geht um Architektur<\/strong> als Gestaltung von Kultur Sind die Entw\u00fcrfe wirklich eine innovative Vorstellung von Kultur und Berlin im 21. Jahrhundert? Der Vorschlag der Bottega + Erhardt Architekten wirkt wie die deutlich unattraktivere Version des urban-catalyst-Vorschlags \u201e20.000 qm x 5 Jahre\u201c. F\u00fcr den Vorschlag \u201eInternationaler Transportkreislauf Kunst\u201c wiederum k\u00f6nnte man das Architekturb\u00fcro Schneider + Schuhmacher fast wegen Diebstahl geistigen Eigentums belangen, denn eine \u201eWeltkulturbotschaft Berlin\u201c wurde bereits letztes Jahr von einer Gruppe Architekten im Rahmen eines alternativen Ideenaufrufs vorgestellt. Der \u201eCham\u00e4leon-Vorschlag\u201c von Gerkans spricht ganz die Sprache des neuen Berliner Hauptbahnhofs. Ein sch\u00f6nes Bild in Cinema 4D haben die Graft Architekten erstellt: Mit diesem Wolkenobjekt transzendierter \u201eVerg\u00e4nglichkeit menschlichen Versuchens an diesem Ort\u201c scheinen die Architekten allerdings h\u00f6chstens sich selbst in die unbekannten Gefilde philosophisch transzendieren zu wollen.<\/p>\n<p>Zu guter letzt Sauerbruch + Hutton: Wenigstens ehrlich \u2013 der White Cube. Vor allem angepasst an die Senatsvorstellungen. Ein Geb\u00e4ude, das sich trotz angenehmer Begr\u00fcnung wahrscheinlich auch finanziell realisieren lie\u00dfe und auch den Zugang zur Spree garantiert. Ganz im Sinne der Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer. Der tats\u00e4chliche Standort m\u00fcsste noch verhandelt werden, wegen der geplanten Humboldt-Box&#8230; ach herrlich!<\/p>\n<p>Der Berliner Senat wird das Modell eines international renommierten Architektenduos realisieren und in der Mitte der Republik ein Zentrum moderner Kunst etablieren (ach nein, nicht etablieren, sondern zwischenzeitlich erm\u00f6glichen). Und da sage jemand noch mal, Bund und Stadt Berlin seien r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und ignorant, was die Gestaltung des Schlossplatzes betrifft\u2026! Wie soll man erkl\u00e4ren, was in den letzten Jahren intensiver Diskussion nicht verstanden werden wollte!? Es geht hier nicht um Geb\u00e4ude. Es geht hier um Inhalte. Mit einem White Cube ist es da noch nicht getan, lieber Senat!<\/p>\n<p><strong>3. Es geht um Mitbestimmung<\/strong> Der Schlossplatz ist und war ein Platzhalter f\u00fcr den Streit um politische Mitbestimmung und um einen alternativen Begriff von Kultur und Politik. Wesentliches Potenzial der Debatte war die Kontroversit\u00e4t \u2013 ganz gleich welcher politischen Verortung. Diese Kontroversen sind fortzuf\u00fchren! Umso wichtiger ist daher die weitere Diskussion um die gesellschaftliche Wertbestimmung dieses symbolischen Ortes.<\/p>\n<p>Einer Kunsthalle liegt zun\u00e4chst ein statischer Kulturbegriff zu Grunde, der eher auf Konsumtion denn auf Produktion zielt. Kulturelle Produktion ist jedoch die treibende Bewegung in St\u00e4dten, die weitl\u00e4ufig als kulturelles und somit auch als \u00f6konomisches Kapital f\u00fcr Creative Cities verstanden wird. Die Entpolitisierung des Ortes wird Berlin Langeweile bescheren. Da sind wir uns fast sicher.<\/p>\n<p>In dieser Ausstellung und der renommierten Liste von Unterst\u00fctzern manifestiert sich, was die letzten 15 Jahre diesen Ort bestimmte: Ignoranz. Wieviele Bilder wurden f\u00fcr diesen Ort produziert!? Und wie oft die Kultur zur Legitimation der politischen Handlungsunf\u00e4higkeit angerufen!? Auf ein Neues: Die Versch\u00f6nerung des Debakels. Moderne Kunst als Instrument.<\/p>\n<p>Und wie war das mit der Agora, die im Humboldt-Forum entstehen soll und die als so unverzichtbar gehandelt wurde? Wie war das mit dem Anspruch, dass von diesem Ort aus Themen und Debatten in die Gesellschaft getragen werden sollen? Wie war das mit dem \u201eDialog der Kulturen\u201c und der F\u00f6rderung eines zivilb\u00fcrgerschaftlichen Engagements? Wird dieser Anspruch denn mit dem Humboldt-Forum vertagt? Oder sind nicht gerade Sie (ungewollt) die Garantie daf\u00fcr, dass genau diese Debatten nie gef\u00fchrt werden? Wir rufen Sie auf: Stellen Sie sich dem Ort und damit der Debatte!<\/p>\n<p><strong>Es geht um Mitbestimmung und Dialog, um Geschichte und auch um Geld.<\/strong> Vielleicht ist eine Eliteschule die einzige Garantie f\u00fcr den Erhalt eines Geb\u00e4udes von Denkmalwert, und vielleicht sind Eliten nicht nur in der Wirtschaft zu suchen, ganz sicher aber liegt die Zukunft in der Bewegung der Kontroverse, in der Freiheit der Meinung der Anderen. Geben auch Sie dem Ort eine wirkliche Chance und \u00f6ffnen ihn f\u00fcr eine wirkliche Debatte. Auch hier wird \u00fcber Zukunft entschieden.<\/p>\n<p><em><strong>Berlin w\u00e4hlt die Wahrheit f\u00fcr die Zukunft in der Mitte der Stadt<\/strong>. <\/em><\/p>\n<p><em>Karin Baumert<strong><br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a class=\"imagelink\" title=\"Staatsratsgeb\u00c3\u00a4ude am Schlossplatz\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2006\/08\/Staatsratsgeb%C3%A4ude%20am%20Schlossplatz.jpg\"><img decoding=\"async\" id=\"image63\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2006\/08\/Staatsratsgeb%C3%A4ude%20am%20Schlossplatz.thumbnail.jpg\" alt=\"Staatsratsgeb\u00c3\u00a4ude am Schlossplatz\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" class=\"lazyload\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Architekten und politischen Liebhaber des Schlossplatzes! 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