{"id":499,"date":"2007-10-29T14:05:46","date_gmt":"2007-10-29T12:05:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2007\/10\/29\/das-bethanien-ort-des-widerstandes\/"},"modified":"2013-05-03T21:09:49","modified_gmt":"2013-05-03T19:09:49","slug":"das-bethanien-ort-des-widerstandes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=499","title":{"rendered":"Das Bethanien &#8211; Ort des Widerstandes"},"content":{"rendered":"<p><em>In Zusammenarbeit mit Indymedia erscheint in einigen Tagen ein 8-seitiger Print zu \u201eMediaspree\u201c und den Hintergr\u00fcnden. Er ist als klassische Information f\u00fcr Anwohner gedacht und wird in den Kiezen verteilt. Die Themen aber gehen weit dar\u00fcber hinaus und bieten einen \u00dcberblick \u00fcber die Folgen und Mechanismen von Gentrification &#8211; kiezweit bis weltweit betrachtet &#8211; und \u00fcber den Widerstand der Betroffenen. Alle Artikel erscheinen auch hier:<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Das Bethanien &#8211; Ort des Widerstandes und das wahre soziale Zentrum<\/strong><\/p>\n<p>Wer kennt es nicht, das Bethanien. Hier hat Rio Reiser \u201e&#8230;das ist unser Haus\u201c gesungen. Ehemals ein Krankenhaus, war es das erste Haus, das 1971 in Berlin besetzt wurde. Es hat in seiner Geschichte schon mehrere Privatisierungsversuche \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>In Kreuzberg kam es durch die Hausbesetzungen und durch die Mischnung aus Migranten, K\u00fcnstlern und finanzschwachen Anwohnern zu den ersten Feldversuchen in puncto behutsamer Stadterneuerung. Der soziale Wohnungsbau war geboren. Dann fiel die Mauer und die einst so sozialen 68er wanderten mit ihren Sanierungstr\u00e4gergesellschaften nach Ostberlin. Immer noch das Rio-Reiser-Lied auf den Lippen, abends beim Wein, aber tags\u00fcber der knallharte Gesch\u00e4ftsmensch oder als Realpolitiker den vermeintlichen Sachzw\u00e4ngen einer postfordistischen Gesellschaft folgend.<\/p>\n<p>Nachdem die \u201eAufwertung\u201c der Innenstadt auch Kreuzberg erreichte, das alternative Wohnprojekt Yorck59 wegen exorbitanter Mietforderungen nicht mehr zahlen konnte und 2005 von der Polizei ger\u00e4umt wurde, fanden die Bewohner ein neues Domizil im gerade ausger\u00e4umten Sozialamt des Bethaniens. Dieses war wegen HartzIV und der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitsamt \u00fcberfl\u00fcssig geworden &#8211; und obendrein sollte das Bethanien privatisiert werden, weil: F\u00fcr den Bezirk zu teuer. Nun kam es dazu, dass Anwohner die <a title=\"IZB - Initiative Zukunft Bethanien\" href=\"http:\/\/bethanien.info\">Initiative Zukunft Bethanien (IZB)<\/a> gr\u00fcndeten, um die Privatisierung zu verhindern. Gemeinsam machten <a title=\"NewYorck 59 im Bethanien\" href=\"http:\/\/www.yorck59.net\">NewYorck<\/a> und IZB aus dem S\u00fcdfl\u00fcgel kurzerhand einen Raum f\u00fcr emanzipatorische Kr\u00e4fte und initiierten ein <em>B\u00fcrgerbegehren<\/em>, um die Leute in der Umgebung nach ihrer Meinung zur Privatisierung zu fragen. Und siehe da, die Mehrheit war gegen die Privatisierung. Volkes Wille wurde zum Wunsch der BVV und so beschloss man, einen Runden Tisch einzurichten, der vom gr\u00fcnen B\u00fcrgermeister moderiert wird und ein Konzept erarbeiten soll, um das Geb\u00e4ude \u201ekostenneutral\u201c \u00f6ffentlich weiter zu bewirtschaften.<\/p>\n<p>Von der IZB wurde ein umfassendes Konzept f\u00fcr ein offenes, k\u00fcnstlerisches, soziales und politisches Zentrum erstellt. Hier von erhofft sich die IZB neue Impulse und Synergien, denn einen solchen Ort gibt es bislang nirgendwo. Zun\u00e4chst aber stellte die IZB die Frage, warum das fast vollst\u00e4ndig vermietete Bethanien eigentlich unwirtschaftlich ist? In detektivischer, ehrenamtlicher Kleinarbeit kam heraus, wie die hauptamtliche, staatliche Ebene &#8211; \u201eunsere Volksvertreter\u201c &#8211; den Staat und das \u00f6ffentliche Eigentum zu privatisieren versuchen. Im Falle des Bethanien wird n\u00e4mlich statt des Marktwerts der Wiederbeschaffungswert zugrundegelegt und anhand dieser Zinsen die Miete errechnet. Da kommen schlappe 600.000 Euro im Jahr auf den Bezirk zu, die so etwas wie einen selbstgemachten Privatisierungszwang bedeuten.<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es 40 Projekte im S\u00fcdfl\u00fcgel, die politische und soziale Arbeit leisten, f\u00fcr die der Staat keine Finanzierung mehr hat oder nie hatte. So arbeitet im S\u00fcdfl\u00fcgel z. B. die ARI, die antirassistische Initiative, oder die Kampagne gegen Zwangsumz\u00fcge, die Initiative Mediaspree Versenken, zeitweilig das G8-B\u00fcro. Hier kann Jede_r sich selbst organisieren oder einfach nur informieren (monatlich gibt es ein Programm aus Solipartys, Infoveranstaltungen, Filmabenden u. v. m.), Unterst\u00fctzung in sozialen Problemlagen bekommen oder einfach auch Vok\u00fc und Freebox nutzen. Mitmachen ist ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht. Zusammengefasst bietet der S\u00fcdfl\u00fcgel Alles, was heute der Vereinzelung entgegenwirkt, einer solidarischen Gesellschaft vorausgeht und Ans\u00e4tze einer neuen Gesellschaft abseits des Kapitals entwickelt.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt die Zukunft des Bethaniens ungewiss und das l\u00e4sst sich vielleicht am Besten am Beispiel des interkulturellen <em>Anwohnerforums<\/em> erz\u00e4hlen. Begleitend zum <em>B\u00fcrgerbegehren<\/em> organisierte die IZB zahlreiche \u00f6ffentliche Veranstaltungen, wie das \u201eKiezpalaver\u201c, Zukunftswerkst\u00e4tten und Stra\u00dfenst\u00e4nde. Dabei wurde immer wieder der Wunsch ge\u00e4u\u00dfert, kostenfrei R\u00e4ume f\u00fcr die unterschiedlichstenen Aktivit\u00e4ten in der Nachbarschaft nutzen zu k\u00f6nnen. Dieser Wunsch wurde von der BVV als einzelner Punkt in den Beschluss aufgenommen. \u00dcber Alles sollte der Runde Tisch verhandeln, au\u00dfer \u00fcber das interkulturelle <em>Anwohnerforum<\/em>, denn das sollte sofort entstehen. Obwohl es ca. 900 qm leere Fl\u00e4chen im Bethanien gibt, dauerte es ewig und nur dank des z\u00e4hen Ringens der Anwohnergruppe konnte vor Kurzem ein kleiner Raum &#8211; gleich links neben dem Eingang &#8211; als vorl\u00e4ufiges <em>Anwohnerforum<\/em> er\u00f6ffnet werden. Dieser Vorgang ist symbolisch. Erst verwaltet und bewirtschaftet man \u00f6ffentliches Eigentum nicht in der vollen Verantwortung, die einem per Vertretungsmacht obliegt, l\u00e4sst sich dann von einer Privatisierungslogik \u00fcber den Tisch ziehen, die aber auch Alles und Jedes in eine Ware verwandeln m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Das Bethanien ist der Versuch, ein Geb\u00e4ude im \u00f6ffentlichen Besitz zu entwickeln. Gleichzeitig findet in diesem Prozess eine neue demokratische Struktur ihren Weg. Demokratische und soziale Formen sucht man auf der Senats- oder Bundesebene vergebens, stattdessen findet man dort Verachtung. Im August startete in regionalen und \u00fcberregionalen Medien eine Hetzkampagne gegen IZB und <em>Besetzer<\/em>, gespickt mit falschen Fakten und Hinweisen. Ist die aktuelle, negative Pressekampagne wohl ein Produkt der regierenden Senatsparteien SPD\/PDS? Schlie\u00dflich kommen in Kreuzberg ganz neue und politisch unliebsame Dinge durch die Anwohner in Bewegung. Auch die Bundesregierung betreibt derzeit ein interessantes Medienspiel am Beispiel Terrorismus, um den \u00dcberwachungstaat zu forcieren. Wie erb\u00e4rmlich muss Politik sein, wenn sie demokratische Meinungsprozesse unterlaufen und hintergehen muss?<\/p>\n<p>Gleichzeitig zeigt sich, wie schwer sich die staatlich gef\u00f6rderte Kunst mit Formen tut, die sich abseits des Kunstbusiness entwickeln. Es zeigt auch den \u00fcberkommenen Kunstbegriff der sogenannten b\u00fcrgerlichen Parteien, wozu in Berlin ganz bestimmt auch DIE LINKE geh\u00f6rt. Kunst darf nie gelebt werden. Sie soll bestenfalls in abgeschlossenen R\u00e4umen vor sich hind\u00e4mmern, nicht zuviel Inhalt haben oder gar politisch sein. Daf\u00fcr ist eine dekorative und \u00e4sthetische Verpackung umso wichtiger. Und vor allen Dingen ist sie als Selbstbespiegelung f\u00fcr die selbsternannte Elite gedacht und verleiht ihrem sonst banalen Leben den philosophischen Touch. Wenn man die Kunst im <a title=\"K\u00fcnstlerhaus Bethanien GmbH\" href=\"http:\/\/www.bethanien.de\">K\u00fcnstlerhaus Bethanien<\/a> betrachtet, meint man, die Kunst sei schon gestorben, so normiert und ganz im (An-) Schein kommt sie daher. Aber das K\u00fcnstlerhaus Bethanien ist eben ein typischer Vertreter einer Kulturverwaltungs-GmbH, die letztlich von den F\u00f6rdergeldern f\u00fcr Kunst am meisten profitiert.<\/p>\n<p>Das neue Bethanien jedenfalls ist der Ort, von dem der Widerstand gegen eine neoliberale und aggressive Politik der Privatisierung ausgeht und an dem f\u00fcr ein selbstverwaltetes, offenes Zentrum gek\u00e4mpft wird.<\/p>\n<p><em>Karin Baumert \/ Malah Helman<\/em><\/p>\n<p><a class=\"imagelink\" title=\"Bethanien\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bethanien.jpg\"><img decoding=\"async\" id=\"image500\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bethanien.thumbnail.jpg\" alt=\"Bethanien\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" class=\"lazyload\" \/><\/a> <a class=\"imagelink\" title=\"Sozialamt - Yorck59 im Exil\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Sozialamt%20-%20Yorck59%20im%20Exil.JPG\"><img decoding=\"async\" id=\"image501\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Sozialamt%20-%20Yorck59%20im%20Exil.thumbnail.JPG\" alt=\"Sozialamt - Yorck59 im Exil\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" class=\"lazyload\" \/> <\/a><a class=\"imagelink\" title=\"NewYorck 59 im Bethanien\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/NewYorck%2059%20im%20Bethanien.jpg\"><img decoding=\"async\" id=\"image502\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/NewYorck%2059%20im%20Bethanien.thumbnail.jpg\" alt=\"NewYorck 59 im Bethanien\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" class=\"lazyload\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zusammenarbeit mit Indymedia erscheint in einigen Tagen ein 8-seitiger Print zu \u201eMediaspree\u201c und den Hintergr\u00fcnden. 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