{"id":591,"date":"2008-02-07T16:33:46","date_gmt":"2008-02-07T14:33:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2008\/02\/07\/mah-macht-das-schaf-mae-macht-der-manni\/"},"modified":"2013-01-19T05:01:54","modified_gmt":"2013-01-19T03:01:54","slug":"mah-macht-das-schaf-mae-macht-der-manni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=591","title":{"rendered":"M\u00e4h macht das Schaf, MAE macht der Manni"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zu Gast in der Welt von Amazing Mae Inc.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Michaela Trautwein<\/em><\/p>\n<p>Verdammt. Die Metro fuhr gerade am Ostkreuz ein, als Manni auf der Plattform die auff\u00e4llig unauff\u00e4llig herumlungernden Typen entdeckte: Checker. Ein Ticket hatte Manni nat\u00fcrlich nicht, sowas h\u00e4tte fast den gesamten Tageslohn aufgefressen, die l\u00e4cherlichen neun \u00d6re. Also schnell die Tasche umgebunden, ein unbeteiligtes Gesicht aufgesetzt und raus. Manni fasste noch pr\u00fcfend in die Jackentasche. Die Kapsel war da, eine Micro-Nebelbombe f\u00fcr den \u00e4u\u00dfersten Notfall. Falls die Checker ihn herauspicken w\u00fcrden und sich nicht einfach so absch\u00fctteln lie\u00dfen. Noch einmal erwischt zu werden, ging einfach nicht. Sein finanzielles Notfall-Polster war schon beim letzten Erwischtwerden draufgegangen. Nur nicht dran denken, und los. Die T\u00fcren \u00f6ffneten sich und Manni schwamm in einer Traube von Aussteigenden hinaus in die K\u00e4lte, auf die Plattform. Im Vorbeigehen sah er, wie ein Typ seines Alters, mit Rasta-Haaren und quengeligem Kind, von den Checkern abgefangen wurde. Erleichtert ging Manni weiter. Nochmal Gl\u00fcck gehabt. Die Treppen zur oberen Plattform hinaufeilend, fiel ihm auf, wie zynisch dieser Gedanke war \u2013 froh zu sein, dass es jemand anders erwischt hatte. Oben fuhr gerade eine Metro ein, also Beeilung. Der Zwischenfall mit den Checkern hie\u00df sowieso schon, dass Manni einen Umweg nehmen musste. Er w\u00fcrde zu sp\u00e4t auf Ma\u00dfnahme auftauchen.<\/p>\n<p>Die obere Plattform war gerammelt voll mit Wartenden, die nun alle versuchten, in die ohnehin gut bepackte Metro reinzukommen. Da er gerade erst von der Treppe kam, hatte Manni schlechte Karten. Warnton, knallende T\u00fcren, und schon setzten sich die Wagen in Bewegung, ohne ihn. Mist. Seltsam, dachte er, dass das Zusp\u00e4tkommen ihn so besch\u00e4ftigte. In den Jahren, in denen er jetzt schon ohne Job dastand und stattdessen, wie eine halbe Million anderer in der Stadt, Kohle von der Firma bekam, hatte tagt\u00e4gliches Fr\u00fchaufstehen keine Bedeutung gehabt. Dann hatten sie ihm die Ma\u00dfnahme aufgedr\u00fcckt, und es war eine krasse Umstellung gewesen. Sein Biorhytmus kam nicht mehr klar. Das Aufstehen morgens klappte zwar so einigerma\u00dfen, aber entsprechend auch fr\u00fcher ins Bett zu kommen, das gar nicht. Die Folge waren vier bis f\u00fcnf Stunden Schlaf pro Nacht, ein heftiges, st\u00e4ndiges Schlafdefizit. Und wof\u00fcr? F\u00fcr schlappe Einsfuffzich pro Stunde, gerade mal neun \u00d6re am Tag? Nein, kein Lohn: <strong>M<\/strong>ehr<strong>a<\/strong>ufwands<strong>e<\/strong>ntsch\u00e4digung nannte die Firma das. Daf\u00fcr, den ganzen Tag \u00fcber v\u00f6llig fertig sein. Und dann auch noch p\u00fcnktlich sein wollen: War es einfach Gef\u00fcgigkeit? M\u00e4h macht das Schaf, MAE macht der Manni. Wo auf Ma\u00dfnahme doch niemand wirklich p\u00fcnktliche Anwesenheit kontrollierte. Nur legten die Kollegen, seine Mitgefangenen, einigen Wert darauf, machten Witze dar\u00fcber, wenn Manni wieder mal zehn Minuten sp\u00e4ter kam. Als ob das wirklich &#8217;ne Rolle spielte. Naja, es schien f\u00fcr den Zusammenhalt der Gruppe irgendwie &#8217;ne Bedeutung zu haben.<\/p>\n<p>Die ordentlich bezahlten Angestellten der Amazing Mae Inc., die von der Firma f\u00fcr jeden zugewiesenen Joblosen ganz gut Kohle einsackten f\u00fcr das Organisieren verschiedener Ma\u00dfnahmen, waren n\u00e4mlich weit weg, schauten nur alle drei, vier Wochen mal vorbei. Wohl, weil sie zufrieden mit der Arbeit der Gruppe waren, Vertrauen in den Ablauf hatten. Von anderen Gruppen hatten sie schon geh\u00f6rt, dass sie t\u00e4glich morgens melden mussten, wer da war und wer nicht.<\/p>\n<p>Ein Krachen riss Manni aus seinen Gedanken und brachte ihn zur\u00fcck auf die Plattform. Ein St\u00fcck weiter, aber direkt vor seinen Augen, wurde ein Shoppingcenter abgerissen. Das hatte gerade mal zehn Jahre dort gestanden, war aber anscheinend nicht gut gelaufen. Die Bauarbeiter, die hatten wenigstens regul\u00e4re Arbeit. Vielleicht sogar mit Sozialabgaben, bezahltem Urlaub und so. Oder waren diese Zeiten auf dem Bau auch schon l\u00e4ngst pass\u00e9? Manni schien es, als geh\u00f6rten Festangestellte zu einer langsam aussterbenden Spezies. Denn jenseits von gut bezahlten Jobs f\u00fcr Hochqualifizierte wurden regul\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse mit allem Drum und Dran immer seltener. Und hie\u00dfen meist: Stumpfe B\u00fcroarbeit. Man konnte sein Leben auch spannender zu Grunde richten.<\/p>\n<p>Endlich kam die n\u00e4chste Metro. Manni stand nun besser auf der Plattform, zw\u00e4ngte sich in den Wagen. Blieb in der N\u00e4he der T\u00fcren, denn er musste eh gleich wieder raus und zur Subway wechseln. Weiter hinten versuchte eine junge Frau, &#8217;ne Obdachlosenzeitung zu verticken, kam aber anscheinend nicht durch das Gedr\u00e4nge des Wagens durch.<\/p>\n<p>Shoppingcenter zu bauen und wieder abzurei\u00dfen, war das eigentlich auch nur einen Deut sinnvoller als das, was Manni&#8217;s Gruppe auf Ma\u00dfnahme machte? Zu Anfang hatte Manni noch gedacht, es sei okay, Ridermaps f\u00fcr die Schulkids zu basteln. Es war ja auch ganz sch\u00f6n gef\u00e4hrlich, sich mit Bike durch die Stadt zu k\u00e4mpfen. Es war bestimmt gut, die Kids auf die besonders kritischen Stellen hinzuweisen, vielleicht ergaben sich ja auch sicherere Routen auf Nebenstra\u00dfen mit wenig Autoverkehr. Also hatte sich Manni erstmal &#8217;ne Menge Gedanken dazu gemacht, was die Bikelanes so gef\u00e4hrlich macht. Und woran man Lanes und Routen erkennen k\u00f6nnte, die sicherer sind. Aber hatte das jemanden interessiert?<\/p>\n<p>Da war auch schon die n\u00e4chste Station, raus auf die Plattform, die Treppen runter zur Stra\u00dfe. Vor dem Eingang zur Subway an der Bikelane aufpassen. Diese Lane war so ein Beispiel, st\u00e4ndig liefen Leute dr\u00fcber, ohne sich umzuschauen. Immer wieder mussten Rider scharf bremsen oder rasselten in Fu\u00dfg\u00e4nger rein. Aber f\u00fcr die Ridermap auf Ma\u00dfnahme wurde die Lane einfach eingetragen, obwohl es auf der Stra\u00dfe vielleicht sicherer zu fahren w\u00e4re. Egal \u2013 Manni lief weiter und ab in die Subway, vorbei an fliegenden Zigarettenh\u00e4ndlern, die garantiert einen stressigeren Job hatten als Manni und kohlem\u00e4\u00dfig trotzdem nicht unbedingt besser dastanden.<\/p>\n<p>Diesmal gelang es Manni, gleich in den ersten Zug reinzukommen. Die Screens in der Bahn verk\u00fcndeten irgendwelchen Promiquatsch, gefolgt von Werbung f\u00fcr einen angeblich vollkommen sicheren neuen Suburb mit direktem Autobahnanschluss. Wer sich sowas wohl leisten konnte? Und wollte? Dann sich vielleicht doch besser mit der Firma arrangieren, gut auf die Kohle acht geben, damit noch ein bisschen was drin war f\u00fcr &#8217;n Konzert oder mal Party. Das Beste draus machen, auch wenn&#8217;s nichts Gutes war. So war&#8217;s auf Ma\u00dfnahme letztendlich auch: Da ging&#8217;s schon l\u00e4ngst nicht mehr darum, &#8217;ne gute Ridermap zu machen, die den Kids half, sondern darum, die Arbeit noch m\u00f6glichst angenehm zu gestalten. Die von Amazing Mae schien es gar nicht zu interessieren, ob etwas wirklich Brauchbares dabei herauskam. Wie sich Sicherheit und Gefahren f\u00fcr Rider praktisch fassen und in der Map darstellen lie\u00dfen. Oder sie waren davon schlicht \u00fcberfordert, sich mehr als alle paar Wochen f\u00fcr ein, zwei Stunden mit der Arbeit der Gruppe auseinanderzusetzen. Hatten immerzu ausweichend reagiert, wenn es mal um Entscheidungen \u00fcber die Gestaltung der Map ging, daf\u00fcr aber krampfhaft an dem urspr\u00fcnglichen, aber mit unbrauchbaren Fragen \u00fcbers\u00e4ten Erfassungsbogen f\u00fcr Bikelanes festgehalten. So hatte sich die Gruppe nach und nach damit arrangiert, dass einfach nur irgendeine Ridermap gebastelt werden sollte, vielleicht um der Firma gegen\u00fcber was vorweisen zu k\u00f6nnen. Aber praktischen Sinn musste sie nicht machen. Vielleicht w\u00e4re es sogar besser, wenn die Map nie an irgendwelche Schulen kommen w\u00fcrde, sondern stattdessen in einer Schublade verschw\u00e4nde. Vermissen w\u00fcrde sie sicherlich niemand. Nur seltsam, wenn man f\u00fcr sowas monatelang gearbeitet hatte.<\/p>\n<p>Einerseits war der MAE-Kram totaler Zwang: Wer sich weigerte, eine Ma\u00dfnahme anzunehmen, dem wurde die Kohle von der Firma gesperrt. Wenn man nichts mehr auf Kante hatte, war das wirklich krass. Manni hatte die Zuweisung der Firma daher als derben Eingriff in seine pers\u00f6nliche Freiheit erfahren. Ein Zwangsdienst wie Armee oder welcher Ersatzdienst auch immer. Diese abh\u00e4ngige Situation wurde dann von einigen Ma\u00dfnahmentr\u00e4gern wie der Amazing Mae Inc. gnadenlos ausgenutzt. Denen war es egal, ob die Leute die Ma\u00dfnahme wollten oder nicht. Sie wurden auch gegen ihren Willen genommen, obwohl sie sie auch h\u00e4tten ablehnen k\u00f6nnen. Die Firma war nat\u00fcrlich froh \u00fcber alle, die dem Druck nicht Stand hielten, eher noch in absoluter Armut lebten oder allermieseste Jobs annahmen, um der Willk\u00fcr zu entgehen. Und dann, als Manni seinen Jobberater bei der Firma fragte, was ihm die Ma\u00dfname denn nun von erwerbsperspektivisch bringen solle, hatte der ganz offen geantwortet: Nichts, Hauptsache Sie sind besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Einer Freundin wiederum hatte ein anderer Ma\u00dfnahmentr\u00e4ger, der im k\u00fcnstlerischen Bereich herumfuhrwerkte, gleich noch ein zweites Vollzeitprojekt aufdr\u00e4ngen wollen. F\u00fcr keinen \u00d6re mehr nat\u00fcrlich. Die kamen sich dabei noch wie Wohlt\u00e4ter vor und meinten, sie solle als Joblose mal froh sein, \u00fcberhaupt &#8217;ne Ma\u00dfnahme abbekommen zu haben.<\/p>\n<p>Andererseits hatte Manni mit seiner Ma\u00dfnahme auch ein St\u00fcck weit Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Es ergaben sich immerhin Spielr\u00e4ume, mit denen er nicht gerechnet h\u00e4tte. Solang keine Wichtig-Wichtig-Leute von Amazing Mae Inc. auftauchten, konnten sie sich eine laue Zeit machen: Ausgedehnt und kaffetrinkend im Aufenthaltsraum miteinander quatschen \u2013 wenn man sich denn was zu sagen hatte. Ausgedehnte Spazierg\u00e4nge unternehmen, w\u00e4hrend der Arbeitszeit allen m\u00f6glichen privaten Kram erledigen, Computergames auf dem Netzwerk spielen, sich \u00fcber den Gebrauch freier Software austauschen. Klar, die Gruppe hatte noch au\u00dfergew\u00f6hnlich gute Bedingungen. Anderswo standen MAEler unter st\u00e4ndiger Aufsicht, da w\u00e4re sowas nat\u00fcrlich nicht gegangen. Obwohl, dann w\u00e4ren Manni vielleicht die nervigen Seiten der Gruppe erspart geblieben: Wenn die Kollegen beim allmorgendlichen Beisammensitzen im Aufenthaltsraum auf Frauen, Ausl\u00e4nder oder Schwule zu sprechen kamen, hatte er sich am liebsten sofort an den Rechner verdr\u00fcckt. Nat\u00fcrlich war es immer \u201ewitzig\u201c gemeint gewesen, was sie so sagten. Aber bestimmt nicht Mannis Humor. Irgendwann hatte er begonnen, Musik und Audiobooks mitzubringen: \u00dcber Kopfh\u00f6rer geh\u00f6rt, blendete sich alles um ihn herum aus.<\/p>\n<p>Endlich kam die Subway an der Station an. Immerhin &#8217;ne Viertelstunde zu sp\u00e4t, nur wegen der Checker in der Metro. Manni ging die letzten paar hundert Meter zu der alten Plattenbau-Kita, die sicherlich einige Jahre leergestanden hatte, bevor man die MAE-Gruppen dort untergebracht hatte. Im Geb\u00fcsch am Wegesrand wuselte gerade auch so &#8217;ne bunte Truppe herum: M\u00fcll auflesen, Gr\u00fcnzeug schnippeln, Boden harken. Alle auf Ma\u00dfnahme, bis auf eine Person, die vom Fach war und die Motorsense bedienen durfte. Von seiner Gruppe wusste Manni immerhin, dass es allesamt Leute mit Berufsausbildung waren. Nur vielleicht nicht die allererste Sahne auf dem Arbeitsmarkt. Das reichte oft schon, um auf Dauer rauszufallen und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf Ma\u00dfnahme zu landen. Jetzt kam Manni an der Verkehrsschule vorbei, wo die Kids von einem Polizisten und &#8217;nem halben Dutzend Joblosen betreut wurden. Auf Schritt und tritt begegnete man hier MAElern, man musste nur einmal darauf aufmerksam werden.<\/p>\n<p>Klar, die Ma\u00dfnahmen-Welt war reichlich bescheuert und Manni \u00e4rgerte sich dar\u00fcber, von der Firma dazu gezwungen zu werden: Aber die MAE-Jobs waren bei Vielen erstaunlich begehrt. Schlicht und einfach, weil die normale Joblosen-Kohle f\u00fcr den Lebensunterhalt hinten und vorne nicht reichte, das bisschen MAE-Geld also dringend ben\u00f6tigt wurde. Und immerhin hie\u00df &#8217;ne MAE, meist, wenn auch nicht immer, von noch unangenehmeren Ma\u00dfnahmen der Firma weitgehend verschont zu werden. Zumindest f\u00fcr sechs Monate. Andererseits: Was h\u00e4tte Manni alles in sechs Monaten auf die Beine stellen k\u00f6nnen? Seine Wohnung komplett renovieren vielleicht. Endlich mal Gitarre spielen oder Russisch lernen. Vielleicht ja auch eine Weiterbildung, wom\u00f6glich eine mit Sinn, aber da war es sehr schwer heranzukommen. Oder mit Freunden ein kleines Unternehmen aufziehen. Obwohl, wie sollte das gehen, ohne Startkapital&#8230;, also nicht weiter dr\u00fcber nachdenken.<\/p>\n<p>Manni erreichte den Eingang der fr\u00fcheren Kita, \u00f6ffnete die T\u00fcr und tauchte ein in die seltsame Welt von Amazing Mae.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Gast in der Welt von Amazing Mae Inc. von Michaela Trautwein Verdammt. 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