{"id":614,"date":"2007-10-07T12:02:06","date_gmt":"2007-10-07T10:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2007\/10\/07\/mein-arbeitsplatz-im-quelle-callcenter\/"},"modified":"2013-05-03T21:06:02","modified_gmt":"2013-05-03T19:06:02","slug":"mein-arbeitsplatz-im-quelle-callcenter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=614","title":{"rendered":"Mein Arbeitsplatz im Quelle-Callcenter"},"content":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte kurz berichten, was ich die letzten Monate bei meiner Jobsuche erlebt habe. Bei meiner Biographie, mit mehreren Ausbildungen &#8211; aber ohne Berufspraxis &#8211; wird man mit Mitte 20 schon irritiert und verst\u00e4ndnislos angesehen. Ich bewarb mich also bei diversen Berliner Zeitarbeitsfirmen und privaten Arbeitsvermittlern. Da sich der Arbeitsmarkt zunehmend flexibilisiert, expandieren auch die Zeitarbeitsfirmen, die die Arbeitnehmer zeitweise verleihen. Gerade in Berlin profitieren diese Firmen von der hohen Arbeitslosigkeit und der allgemein herrschenden Armut in Teilen der Bev\u00f6lkerung. Und so entstand ein ausgekl\u00fcgeltes System, von dem mitunter nur eine Seite profitiert.<\/p>\n<p>Private Arbeitsvermittler erhalten eine Vermittlungspauschale von 2.000 \u20ac vom Arbeitsamt und vermitteln einen meist an Zeitarbeitsfirmen weiter. Diese zahlen L\u00f6hne, die fast immer niedriger sind als bei den anderen Angestellten. Da die meisten dieser Arbeitspl\u00e4tze befristet sind oder auf Grund der schlechten Konditionen eine hohe Fluktuation aufweisen, ist das Einkommen dieser Firmen gesichert. Schon in den Annoncen in der Zeitung wird oft ein falscher Eindruck vom zu vergebenden Job vermittelt, z. B. dauerhafte Position und gute Bezahlung &#8211; hei\u00dft in Wirklichkeit: Ein paar Monate befristet, 6 \u20ac brutto pro Stunde, Pausen werden nicht bezahlt, keinen Urlaub w\u00e4hrend der 6 Monate Probezeit, sowie Schichtarbeit in der Zeit von 6-24 Uhr, von Montag bis Sonntag. Man nutzt einfach die Not der Bewerber aus, denn auch f\u00fcr diese Konditionen finden sich noch gen\u00fcgend Bewerber und es werden gro\u00dfe Auswahltests veranstaltet. Wer genommen wird, darf sich als Auserw\u00e4hlter f\u00fchlen. Oft geht es wie am Flie\u00dfband zu. Das Bewerbungsgespr\u00e4ch ist total unpers\u00f6nlich, weil gleichzeitig noch drei Mitarbeiter mit anderen Bewerbern im Raum sind und die n\u00e4chsten auch schon vor der T\u00fcr stehen.<\/p>\n<p>Seit mehreren Monaten arbeite ich nun in dem neuen Quelle Callcenter. Dort arbeiten Studenten, Leute, die nach der Ausbildung keinen Job gefunden haben und andere, die schon Ende 40 sind und einfach keinen anderen Job mehr finden. Alle eint mehr oder weniger, dass sie Verlierer in dieser Leistungsgesellschaft sind &#8211; die Einen, weil sie einfach ausgelaugt sind und durch lange Arbeitslosigkeit kaum noch Chancen haben und Andere, weil sie keine besonderen Qualifikationen oder Zeugnisse haben, oder sich einfach nicht so gut \u201everkaufen\u201c k\u00f6nnen. Erschreckend ist aber auch, dass Einige alles einfach so hinnehmen und sich einfach f\u00fcgen, unter dem Motto: \u201eMan kann ja eh nichts \u00e4ndern, das ist halt so.\u201c Die Arbeitszeit betr\u00e4gt bei den meisten 30 Stunden pro Woche. Die Stundenl\u00f6hne sind so niedrig, dass Einige gezwungen sind, zus\u00e4tzlich Hartz4 zu beantragen, um \u00fcberhaupt \u00fcber die Runden zu kommen und die Meisten haben nur befristete Arbeitsvertr\u00e4ge \u00fcber 6 Monate. Jeder Mitarbeiter bekommt einen Chip, mit dem er die T\u00fcren passieren kann und man wird registriert, egal wo man sich im Geb\u00e4ude befindet. Die Arbeitszeiten m\u00fcssen auf die Minute genau eingehalten werden, es ist vorgegeben, wann man seine Pause zu nehmen hat. Dadurch ist es schwierig, Andere n\u00e4her kennenzulernen, weil man selten zur gleichen Zeit Pause hat. Bei 6 Stunden Arbeitszeit hat man \u00bd Stunde \u201egro\u00dfe Pause\u201c und 20 Minuten Bildschirmpause, von der man allerdings nur 10 Minuten pro Stunde nehmen darf.<\/p>\n<p>Nach den 6 Stunden ist man so geschafft, als h\u00e4tte man viel l\u00e4nger gearbeitet. Auch die Schichtarbeit ist anstrengend. \u00d6fters f\u00e4ngt man schon um 7 Uhr an und muss sehr fr\u00fch aufstehen, oder man kommt abends erst nach Mitternacht nach Hause. Man muss sich unbedingt an Standardformulierungen halten und alle Konjunktive aus seinem Wortschatz streichen. Die Telefonate an sich laufen immer nach dem gleichen Schema, die meisten Kunden sind nett, wenn da nicht diese Vorgaben w\u00e4ren, pro Stunde einen bestimmten Schnitt zu erreichen und m\u00f6glichst zus\u00e4tzliche Artikel zu verkaufen. Ein System erfasst genau, wieviel jeder Mitarbeiter am Tag geschafft hat. Durch die sich immer wiederholenden Formulierungen wird es schnell sehr eint\u00f6nig. \u00d6fters gibt es sog. Mysterycalls, d. h. es werden fingierte Anrufe get\u00e4tigt, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob man sich auch genau an die Standardformulierungen h\u00e4lt und freundlich ist. Kopfschmerzen sind nicht selten und in Spitzenzeiten kommt ein Anruf nach dem andern und man muss nat\u00fcrlich immer freundlich sein. Dadurch, dass man nach Beendigung eines Gespr\u00e4chs meistens sofort einen neuen Kunden in der Leitung hat, kann man schon von Akkordarbeit sprechen.<\/p>\n<p>Trotz all dieser Umst\u00e4nde m\u00f6chte ich aber auch erw\u00e4hnen, dass auch mal gelacht wird und die Meisten locker miteinander umgehen &#8211; Teamleiter mit eingeschlossen &#8211; und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Jede Woche fangen neue Gruppen von Mitarbeitern an und es werden \u00fcber Annoncen in Zeitungen und im Internet st\u00e4ndig neue Mitarbeiter gesucht, denn auch die Zahl derer, die aufh\u00f6ren, ist hoch. Viele machen den Job nur ein paar Monate. Im Center sollen einmal \u00fcber 1.000 Menschen arbeiten, zur Zeit sind es etwa 700. Wir gehen mit gro\u00dfen Schritten auf Weihnachten zu, das mehr und mehr dem Konsumwahn zum Opfer f\u00e4llt, und die Manager von Quelle &#8211; nat\u00fcrlich auch alle anderen H\u00e4ndler &#8211; denken nur an Umsatz. F\u00fcr die Mitarbeiter im Center hei\u00dft das noch mehr Arbeit und \u00dcberstunden, die Einige sogar machen m\u00f6chten, um ihren kl\u00e4glichen Lohn aufzubessern. Mich erschreckt, dass man eigentlich nur eine Nummer ist, eine Ware, die zu m\u00f6glichst g\u00fcnstigen Konditionen Leistung erbringen muss und beliebig ausgetauscht werden kann.<\/p>\n<p><em>F.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte kurz berichten, was ich die letzten Monate bei meiner Jobsuche erlebt habe. Bei meiner Biographie, mit mehreren Ausbildungen &#8211; aber ohne Berufspraxis &#8211; wird man mit Mitte 20 schon irritiert und verst\u00e4ndnislos angesehen. Ich bewarb mich also bei diversen Berliner Zeitarbeitsfirmen und privaten Arbeitsvermittlern. 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