{"id":660,"date":"2008-05-01T14:04:34","date_gmt":"2008-05-01T12:04:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2008\/05\/01\/das-empfinden-sie-als-revolutionar\/"},"modified":"2008-05-03T13:38:26","modified_gmt":"2008-05-03T11:38:26","slug":"das-empfinden-sie-als-revolutionar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=660","title":{"rendered":"Das empfinden Sie als revolution\u00e4r"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDiesen Sinn der Maifeier der Arbeitsruhe, f\u00fcrchten unsere Gegner, das empfinden Sie als revolution\u00e4r\u201c wusste schon 1893 Victor Adler, einer der Begr\u00fcnder der Sozialdemokratischen Partei \u00d6sterreichs und einer von vielen, der die Gegner 1914 nicht mehr so recht identifizieren konnte oder wollte. Denn im Unterschied zu 1890, das Jahr in dem der Erste Mai in den USA, in Argentinien und in 18 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern mit Streiks und Demonstrationen so erfolgreich das internationale Parkett eroberte, waren bald darauf in den Reihen der Arbeiterschaft auch wieder nationale T\u00f6ne vorherrschend. Der gro\u00dfe Erfolg der Erster-Mai-Demonstration ist dabei einem relativ simplen Umstand geschuldet, den Georg Herwegh schon 1864 beschrieb:<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eMann der Arbeit, aufgewacht!<br \/>\nUnd erkenne deine Macht:<br \/>\nAlle R\u00e4der stehen still,<br \/>\nwenn dein starker Arm es will.\u201c<\/p>\n<p>300.000 Arbeiter_innen folgten 1890 in London dem ersten Aufruf der Zweiten Internationale genauso wie fast 40 Prozent der Arbeiterschaft in Kopenhagen und legten die St\u00e4dte lahm. Wie an vielen anderen Orten der Welt, sorgten sie daf\u00fcr, dass der Maitag aus einer v\u00f6llig illegalen und inoffiziellen Bewegung ohne Regierung oder Anf\u00fchrer sich in 107 Staaten etablierte. Der \u201eGeneralstreik\u201c hatte schon damals einen f\u00fcr das heutige Empfinden \u201ehistorischen Evergreen\u201c auf die Stra\u00dfe getragen: Der Streik war eine konzertierte Aktion f\u00fcr den 8-Stunden-Tag. Etwas unheimlich denkt man dar\u00fcber nach, dass heute fast die selbe Forderung noch immer auf dem gewerkschaftlichen Tableau steht. Leider geht es nicht um den 4-Stunden-Tag, was man ja angesichts der Produktivit\u00e4tssteigerungen erwarten k\u00f6nnte. Eine zweite und vielleicht noch viel wichtigere Nuance des internationalen Streiktages wurde 1890 dann in einer Resolution in Toulouse festgelegt: Der Kampf gegen den Krieg. Die gemeinsame internationale Mobilisierung machte deutlich, was Marx schon viel fr\u00fcher wusste \u201eArbeiter aller L\u00e4nder vereinigt Euch!\u201c Leider vergas dies die Sozialdemokratie ein paar Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><strong>Wie allerdings Kuchen und Bier sich \u00fcber die hundert Jahre hinweg als Sieger entpuppten und wie der Maitag zur Maifeier un<\/strong><strong>d schlie\u00dflich zum Myfest wurde,<\/strong> daf\u00fcr gibt es sicherlich unterschiedliche Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Doch einer ist wohl genauso wesentlich wie einleuchtend:  Trotz Ritualisierungen und einer Bewegung vom Maistreik zur Maifeier behielt der Tag der Arbeiter_innen seinen politischen Gehalt, solange er im Stande war, gewaltige Massen auf die Stra\u00dfen zu bringen, solange ihm der Ruch des Inoffiziellen und damit der origin\u00e4re Charakter \u201eder Selbstaneignung\u201c als politische Botschaft anhaftete. Diese Botschaft behielt er auch unter einer sozialdemokratischen Regierung in der Weimarer Republik. Unvergessen so der Weddinger Blutmai 1929. Der sozialdemokratische Polizeipr\u00e4sident Berlins, Karl Friedrich Z\u00f6rgiebel, hielt seinerzeit am Demonstrationsverbot fest. Die KPD hingegen rief zur Demonstration auf, die von Seiten der Berliner Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren niedergeschlagen wurde. Zeitweise waren 25.000 Arbeiter_innen auf den Stra\u00dfen. 1.228 Genoss_innen wurden festgenommen, 198 Zivilisten wurden verletzt, 33 starben. \u201eZ\u00f6rgiebels Blutmai \u2212 das ist ein St\u00fcck Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft \u2212 das ist das Vorspiel f\u00fcr die imperialistische Massenschl\u00e4chterei!\u201c, analysierte die KPD daraufhin historisch eindeutig richtig.  Erich Weinert (Text) und Hanns Eisler komponierten hierzu das Lied \u201e<a title=\"Roter Wedding gr\u00fc\u00dft euch Genossen\" href=\"http:\/\/viadrina.euv-frankfurt-o.de\/~juso-hsg\/lieder\/mp3\/wedding.mp3\">Roter Wedding gr\u00fc\u00dft Euch Genossen<\/a>\u201c<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eLinks, Links, Links, Links\u2026<br \/>\ndie Arbeiterklasse marschiert.<br \/>\nWir fragen Euch nicht nach Verband und Partei<br \/>\nSeid ihr nur ehrlich im Kampf mit dabei<br \/>\ngegen Unrecht und Reaktion.\u201c<\/p>\n<p>Viel geschickter hingegen begegneten die Nationalsozialisten dem j\u00e4hrlichen Aufstand. Gleich 1933 machten Sie den 1. Mai per Reichsgesetz zum gesetzlichen Feiertag und st\u00fcrmten einen Tag danach dann die Gewerkschaftsh\u00e4user und verboten die Gewerkschaften. Damit wurde den j\u00e4hrlichen Maifeiern der politische Gehalt entzogen: Streik. Die Sache der Arbeiterschaft war pl\u00f6tzlich zur Sache des Staates geworden und dabei blieb es dann auch nach der Niederschlagung des Faschismus. Denn sowohl in der DDR als auch in der BRD hatte niemand mehr Lust auf \u201eunn\u00f6tige Aufst\u00e4nde\u201c. Und so kam es wie es kommen musste, oder wie eine italienische Genossin 1980 in Erinnerung an ihren fahnenschwingenden ersten Ersten Mai 1920 formulierte: \u201eHeutzutage sind alle, die zur Arbeit gehen, Damen und Herren, die alles bekommen, was sie verlangen.\u201c (aus Hobsbawm: Ungew\u00f6hnliche Menschen).<\/p>\n<p><strong>Zu \u201eDamen und Herren\u201c sind sie dann vor Allem auch auf Gewerkschaftsebene wohl alle geworden, wie eben auch Norbert Hansen, <a title=\"Gewerkschaft transnet\" href=\"http:\/\/www.transnet.org\">transnet<\/a>-Vorsitzender, Mehdorn-Freund und Privatisierungsbef\u00fcrworter<\/strong> der Deutschen Bahn. Nach kurzer Ausbildung zum Bahnassistenten ist er nun seit gut 30 Jahren Gewerkschaftsfunktion\u00e4r. Da kennt man sich halt unter den \u201eHerren\u201c. Eigentlich macht es da wenig Unterschied, ob Herr Mehdorn pers\u00f6nlich die Gewerkschaftsrede zum Ersten Mai schwingt. Kritisieren wird Freund Norbert weder die 3 Mio. \u20ac Jahressal\u00e4r eines Herrn Mehdorn noch die unglaubliche Geschichte rund um den Zug der Erinnerung noch die Teilprivatisierung der Bahn.<strong><br \/>\nDa kann Mensch nur noch zum Pfeifen und Eierwerfen zum DGB<\/strong>.<\/p>\n<p>Da stellt dann schon eher das Steineschmei\u00dfen des abgeh\u00e4ngten Jugendprekariats in Kreuzberg eine politische Aktion dar, auch wenn diese Interpretation die gebildete Mittelschicht mitsamt ihrer Deutungshoheit nicht zul\u00e4sst. Denn hier kann eingestimmt werden in das Lied von eene meene muh und raus bist du. Da zieht auch das DGB-Motto \u201eGute Arbeit muss drin sein\u201c schon lange nicht mehr. Denn die Hauptfrage, f\u00fcr wen das noch drin sein muss, stellt der DGB schon lange nicht mehr. F\u00fcr die N\u00e4her_innen in Bangladesch, f\u00fcr die Kreuzberger Hauptsch\u00fcler_innen, f\u00fcr die derzeit Besch\u00e4ftigten oder Nichtbesch\u00e4ftigen oder f\u00fcr Norbert Hansen. Umso mehr bleibt f\u00fcr Norbert in seinem neuen multinationalen und teilprivatisierten Konzern.<\/p>\n<p>Doch Widerspr\u00fcchlichkeiten bleiben, bleiben vor Allem auch in Kreuzberg mit mehr als 60 Prozent Transferempf\u00e4nger_innen und mit seinem beschleunigten Stadtumbau der Verdr\u00e4ngung nach global Art. Der Kampftag gegen Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung hat hier sein exemplarisches Gegenbild in der privatisierten Stadt namens \u201e<a title=\"Investorenverein Mediaspree e.V.\" href=\"http:\/\/www.mediaspree.de\">MediaSpree<\/a>\u201c. Und so lange der  Kapitalismus seine notwendigen Verwerfungen immanent produziert, wird es daher auch weiterhin hei\u00dfen: <strong>\u201eHeraus zum Revolution\u00e4ren Ersten Mai\u201c<\/strong>. Nicht als Feiertag sondern als praktische Intervention, allein f\u00fcr den Gedanken eines menschenw\u00fcrdigen Lebens. Damit stellt er auch immer einen Angriff gegen Myfest und andere staats- und konsumtreuen Erfindungen der Damen und Herren dar. Denn die schicken mal schnell f\u00fcr sich das abgeh\u00e4ngte Hartz-IV-Prekariat zur \u201epraktischen Aufstandsbek\u00e4mpfung\u201c zum Flaschensammeln nach Kreuzberg. Bezahlt wird dann auch ausnahmsweise \u00fcbertariflich &#8211; der Aufstandsbek\u00e4mpfungsbonus. Doch irgendwann wird auch das mal durchschaut und es hei\u00dft dann wirklich mal: Flasche leer.<\/p>\n<p>Mai sei f\u00fcr alle:<\/p>\n<p align=\"center\">Klingt nicht wie Legende,<br \/>\nda\u00df gegen die ersten Mai-Demonstranten<br \/>\nPolizei eingesetzt wurde&#8230;.?&#8230;.<br \/>\nVieles ist anders, weniges besser geworden.<\/p>\n<p align=\"right\">Alexander von Cube (1958)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDiesen Sinn der Maifeier der Arbeitsruhe, f\u00fcrchten unsere Gegner, das empfinden Sie als revolution\u00e4r\u201c wusste schon 1893 Victor Adler, einer der Begr\u00fcnder der Sozialdemokratischen Partei \u00d6sterreichs und einer von vielen, der die Gegner 1914 nicht mehr so recht identifizieren konnte oder wollte. 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