{"id":729,"date":"2008-07-03T17:48:51","date_gmt":"2008-07-03T15:48:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/?p=729"},"modified":"2014-03-09T15:36:01","modified_gmt":"2014-03-09T13:36:01","slug":"comtess-flieht-die-spree-hinunter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=729","title":{"rendered":"Comtess flieht die Spree hinunter"},"content":{"rendered":"<p>\u201eHaut ab!\u201c: Berliner Wirtschaftsgespr\u00e4che e. V. erleiden Schiffbruch<\/p>\n<p>Was im <a title=\"Pappsatt - Mediaspree versenken\" href=\"http:\/\/www.vimeo.com\/1162820\">Kinospot zur Kampagne<\/a> Mediaspree Versenken bereits niedlich, s\u00fc\u00df und kulturell bewegend auf die Leinwand gezaubert wurde, fand gestern seine reale Entsprechung an den Spreeufern von Friedrichshain, Mitte und Kreuzberg: Mehrere hundert Menschen tanzten den auf Kreuzfahrt befindlichen Investoren-Vernetzerinnen auf der Nase herum und versperrten die Spree mit Klein- und Kleinstbooten, auf Luftmatratzen und aufblasbaren Krokodilen.<\/p>\n<p>Die Entschlossenheit zu Wasser und zu Lande kannte kaum Grenzen, obgleich den auf den Spreebr\u00fccken Protestierenden die Polizei-Eingreiftruppen direkt im Nacken sa\u00dfen. Von den Ufern wurden vereinzelt Wasserbomben auf die <em>Spree-Comtess<\/em> geworfen, obwohl auch dort Polizei patroullierte. Die Passagiere hatten sich ohnehin gr\u00f6\u00dftenteils unter Deck gefl\u00fcchtet. Dort wurden sie von Christian Meyer, dilettantischer aber z\u00e4her Manager des <a title=\"Mediaspree e. V.\" href=\"http:\/\/www.mediaspree.de\/\">Mediaspree e. V.<\/a>, in gewohnt vernebelnder Art und Weise (teil-) aufgekl\u00e4rt. Der enorme Unmut, der den Vereinen und ihren G\u00e4sten hier bei ihrer herrschaftlichen L\u00fcgen-Butterfahrt entgegenschlug, erforderte sicherlich wieder eine neue H\u00f6chstleistung in puncto Erkl\u00e4rungsakrobatik.<\/p>\n<p>Die Stimmung an Land war aggressiv, denn im vorliegenden Fall geht es um nicht weniger als die letzten innerst\u00e4dtischen Bereiche, die von alternativer Kultur und kritisch denkender Bev\u00f6lkerung ges\u00e4ubert werden sollen, oder &#8211; nach dem Willen des Mediaspree e. V. &#8211; gerade noch als Staffage f\u00fcr den beliebten Eindruck des Szenigen herhalten sollen, als weicher Wirtschaftsstandortfaktor sozusagen. Ein am Osthafen neu entstehendes Gro\u00dfhotel z. B. wirbt mit eben diesem spannenden Umfeld, wie Peter Sauter, NDC-Projektentwickler, der <a title=\"RBB Abendschau Beitrag\" href=\"http:\/\/www.rbb-online.de\/_\/abendschau\/beitrag_jsp\/key=rbb_beitrag_mini_7650456.html\">Abendschau gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferte<\/a>. Die Schiffstour, die vom <a title=\"Berliner Wirtschaftsgespr\u00e4che e. V.\" href=\"http:\/\/www.bwg-ev.net\/\">Berliner Wirtschaftsgespr\u00e4che e. V.<\/a> organisiert wurde, in dessen Gremien sich erschreckend viele Personen befinden, die dem Berliner Filz zugeordnet werden m\u00fcssen und die zum Teil Mitverantwortung im Berliner Bankenskandal tragen, hatte in Charlottenburg gewohnt mond\u00e4n und unauff\u00e4llig begonnen. Die Abfahrtszeit hatte man nach eigenen Angaben geheim gehalten. Offenbar hatte man gehofft, dass die Demonstrierenden, so \u00fcberhaupt noch welche am Zielort in Friedrichshain und Kreuzberg sein w\u00fcrden, den Weg freigeben bzw. die Polizei eine Schneise schlagen w\u00fcrde. Zwar trat die Polizei nebst ihrer Zivilbullen denn auch tats\u00e4chlich gewohnt gewaltt\u00e4tig auf und hatte auch allerlei pers\u00f6nliche Drohungen parat, aber letztlich entschied man sich aufgrund des massiven Widerstandes dann doch daf\u00fcr, der Comtess eine Umkehr zu empfehlen. Dem Regional-TV-Sender <strong>7live<\/strong> gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferte die Ostprinzessin:<\/p>\n<p><strong>\u201eAuch mir wurde von einem Polizisten Gewalt angedroht, weil ich auf f\u00fcnf Meter Entfernung angeblich das Abfilmen der Demonstrierenden durch das Schwenken eines St\u00fcckes Seidenstoff behindert habe. Ich akzeptiere solche Paparazzi-Aufnahmen nicht. (&#8230;) Was die Comtess angeht, so kam ihre Umkehr einer Flucht gleich. Das hat mich besonders gefreut, denn ich konnte die Comtess noch nie leiden.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am <a title=\"Wagenplatz Schwarzer Kanal\" href=\"http:\/\/www.schwarzerkanal.squat.net\/\">Schwarzen Kanal<\/a> wurde zur Jubelbegr\u00fc\u00dfung der M\u00f6chtegern-Investoren ein Feuerwerk gez\u00fcndet, in den Strandbars links und rechts der Spree ging es heiter und kraftvoll zu. Die Polizei, die immer wieder bem\u00fcht war, eine Absperrleine der im Wasser Protestierenden zu kappen, wurde von dort regelm\u00e4\u00dfig mit Pfeifkonzerten belohnt. Viele waren gekommen, mit Kind und Kegel. W\u00e4hrend die Stimmung im unkommerziellen Projekt <a title=\"Yaam\" href=\"http:\/\/www.yaam.de\/\">Yaam<\/a> hervorragend war und blieb, kam es beim gegen\u00fcberligegenden <a title=\"Kiki Blofeld\" href=\"http:\/\/www.kikiblofeld.de\/\">Kiki Blofeld<\/a> zu Verwerfungen: Zun\u00e4chst verlangte man von allen Leuten Eintritt, dann wollte man ihnen die Getr\u00e4nke abnehmen. Letztlich erhielten Mitglieder und Sympathisanten der Initiative <a title=\"MediaSpree Versenken\" href=\"http:\/\/www.ms-versenken.org\/\">Mediaspree Versenken<\/a> sogar \u201eHausverbot\u201c. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer stellte sich als ein herbe Drohungen produzierender Zeitgenosse heraus &#8211; von Solidarit\u00e4t keine Spur: \u201eSchei\u00dfegal\u201c sei ihm die Initiative.<\/p>\n<p>Nun denn, dies brachte der heiteren Dynamik keinen Abbruch, zumal derzeit noch die benachbarten Grundst\u00fccke brach liegen und keiner kommerziellen Nutzung zugef\u00fchrt sind. Dies aber wird sich nach dem Willen der Politik \u00e4ndern und die Menschen werden auf einem bewachten und <a title=\"Der L\u00fcgenpfad\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2008\/05\/06\/der-lugenpfad\/\">absperrbaren Uferweg<\/a> prominieren d\u00fcrfen, aber ansonsten aller R\u00e4ume und Optionen auf Jahrzehnte hin beraubt sein. Allen vern\u00fcnftigen Argumenten gegen\u00fcber scheint der Bezirk sich zu verschlie\u00dfen, wobei man gerade von GR\u00dcNEN und LINKEN mehr Vernunft und Weitsicht erwartet h\u00e4tte. Doch offenbar wei\u00df man gar nicht oder will gar nicht wahrhaben, in welchem Bezirk man da so herrlich von oben herab regiert: Kreuzberg und Friedrichshain sind nicht Reinickendorf und Lichtenrade, hier hat sich eine Vielfalt alternativer Menschen, Str\u00f6mungen und Projekte einen Platz gesucht, der in Europa nur wenige Vergleiche kennt. Mit ebendiesen Kr\u00e4ften und den weiteren Anwohnern zusammen sollte man in Kooperation gehen, die Entwicklung organisieren &#8211; im Grunde k\u00f6nnen und wollen sie die Entwicklung selbst organisieren. Soviel Autonomie sollte man Menschen in einer vielf\u00e4ltigen Gesellschaft mindestens einr\u00e4umen, zumal dann, wenn sie eine <a title=\"16.056 Unterschriften gegen Mediaspree\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/2008\/03\/04\/16000-unterschriften-gegen-mediaspree\/\">breite Unterst\u00fctzung<\/a> (\u00fcber 16.000 Menschen) erf\u00e4hrt. Aber alternative Vorstellungen werden schlichtweg absorbiert, wo Profitinteressen der Immobilienwirtschaft ins Spiel kommen und sich die sinnleere Kommerzkultur (Beispiel <a title=\"O2 World\" href=\"http:\/\/www.o2world.de\/\">O2 World<\/a>) weiter ausbreitet.<\/p>\n<p><strong>\u201eWir verfolgen sie bis nach Hause!\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Zwei <a title=\"Abriss Activists\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/abrissteam\">Abriss Activists<\/a> nahmen dann noch die Verfolgung der <em>Spree-Comtess<\/em> auf &#8211; mit dem Fahrrad und einer deutlich sichtbaren Message in Form einer Fahne mit der Aufschrift \u201eMediaspree versenken\u201c. Von vielen Br\u00fccken zwischen Friedrichshain und Charlottenburg gr\u00fc\u00dften sie die zum Teil freudig winkenden, zum Teil sichtlich verst\u00f6rten, in jedem Fall aber aufgrund der permanenten Begleitung (an-) gespannten Passagiere. An den Zwischenstationen stiegen Journalistinnen und andere Passagiere aus. Es wurde erz\u00e4hlt, dass die Leute auf dem Schiff erschreckend uninformiert waren &#8211; und wohl auch blieben, denn was w\u00e4hrend der Begleitung vom Schiff her \u00fcber die Lautsprechanlage zu h\u00f6ren war, klang sehr nach Desinformation. Auf H\u00f6he von Mitte und Moabit wurde immer wieder mit Abneigung \u00fcber moderne Architektur der 70er Jahre gesprochen. Man w\u00fcnscht sich offenbar ausschlie\u00dflich postmoderne Investorenarchitektur, gepaart mit Historismus \u00e0 la Stadtschloss. Auch zu <a title=\"F\u00f6rderverein Berliner Schloss e. V.\" href=\"http:\/\/www.berliner-schloss.de\/\">diesem Thema<\/a> weht dem Senat durchaus ein kalter Mehrheitswind ins Gesicht, der aber ebenso professionell ignoriert wird wie der breite Widerstand in Kreuzberg und Friedrichshain.<\/p>\n<p>Zum Ende hin begr\u00fc\u00dften die <em>Activists<\/em> die Passagiere noch pers\u00f6nlich zur\u00fcck an Land. Viele meinten, mit Floskeln wie \u201eSportliche Leistung\u201c Anerkennung zollen zu m\u00fcssen. Nicht wenige hatten abstruse Vorstellungen davon, wer sie da verfolgt hatte. Auch die dumpfe Propaganda von Mediaspree e. V. und Berliner Wirtschaftsgespr\u00e4che e. V. hatte bereits Wirkung gezeigt: \u201eWissen Sie, das ist \u00fcbrigens gar nicht so, wie Sie behaupten\u201c, traute sich eine wohl situierte Dame den <em>Activists<\/em> entgegenzuhalten. All den Nonsens geradezubiegen, der ihnen seitens der Passagiere entgegenschlug, \u00fcberforderte letztlich auch ihre F\u00e4higkeiten. Die Dame \u00fcbrigens lief dann 10 Sekunden nach ihrer kleinen Attacke beinahe vor ein Auto, weil sie unbedingt bei Rot <span style=\"text-decoration: line-through;\">fl\u00fcchten<\/span> gehen wollte.<\/p>\n<p><strong>\u201eHopfen und Malz verloren!?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Eine Veranstalterin der Berliner Wirtschaftsgespr\u00e4che e. V. sprach die <em>Activists<\/em> sichtlich getroffen und beleidigt mit den Worten an: \u201eSind Sie etwa auch der Zeitungsente aufgesessen, dass auf dem Schiff Investoren sein sollen?\u201c Was zun\u00e4chst nach einer humorigen Einlage klang, entpuppte sich als purer Ernst, mit dem sie daf\u00fcr sorgen wollte, dass ihre Kontrahenten mit dem ungl\u00fccklichen Gef\u00fchl nach Hause gehen, die v\u00f6llig Falschen begleitet zu haben. Jedoch best\u00e4tigten kurz darauf andere Passagiere, dass tats\u00e4chlich das vermutete Konglomerat an Investoren, Vernetzerinnen und deren G\u00e4sten an Bord gewesen war. Aber einige Passagiere wollten pl\u00f6tzlich alles sein, nur keine Investoren mehr. Offenbar wurde noch w\u00e4hrend der Fahrt eine interessante, mehrdimensionale Gehirnw\u00e4sche betrieben. Aber irgendwie muss man sein Sch\u00e4fchen ja ins Trockene bringen, wenn der Widerstand sich formiert, die Leute, die \u201e<a title=\"Hedonist International\" href=\"http:\/\/hedonist-international.org\/\">Hedonisten<\/a>\u201c und die angeblichen, die vorgeblichen und die tats\u00e4chlichen \u201eAutonomen\u201c einem derart entschlossen entgegentreten.<\/p>\n<p>Wieder einmal wurde deutlich sicht- und h\u00f6rbar, dass die in der <a title=\"Neues vom Gl\u00f6ckner: Entmenscht\" href=\"http:\/\/www.weltuntergangs.info\/archives\/377\">Mehrheits- und Einheitskultur<\/a> Erstickenden unterschiedlichen, mal mehr, mal weniger systematischen Desinformationsstrategien ausgeliefert sind und wenig bis gar nichts \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr steigende Mieten, soziale und \u00f6kologische Probleme, Vertreibung und \u00dcberwachung wissen (d\u00fcrfen). Hierzu passend fragte dann zum Schluss eine Passagierin nach alternativem Informationsmaterial. Das erhielt sie sofort. Zuvor hatte sie erz\u00e4hlt, dass sie fr\u00fcher auch mal auf der anderen Seite gestanden habe. Zun\u00e4chst blieb unklar, ob sie sich noch an die guten Gr\u00fcnde daf\u00fcr erinnern konnte. \u201eEs muss ja gebaut werden. Die Stadt muss ja wachsen.\u201c Diesem Wachstumsparadigma konnten jene Millionen von Quadratmetern leerstehender B\u00fcrofl\u00e4chen entgegengehalten werden, die sich schon heute links und rechts der Spree anh\u00e4ufen. Allm\u00e4hlich br\u00f6ckelte ihre Gewissheit. Der finale Dialog dann brachte es auf den Punkt, worum es beim Widerstand gegen Projektentwicklungen wie Mediaspree eigentlich geht:<\/p>\n<p><em>Passagierin: \u201eAber da sollen doch auch Wohnungen gebaut werden!\u201c<br \/>\nOstprinzessin: \u201eF\u00fcr wen? F\u00fcr mich nicht. F\u00fcr Sie?\u201c<br \/>\nPassagierin: \u201eNein, ich kann mir das bestimmt nicht leisten. Ich suche grad eine neue Wohnung, weil die alte zu teuer geworden ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Genau das ist es. Und es ist an der Zeit, sich Geh\u00f6r und Raum zu verschaffen.<\/p>\n<p><em>Ostprinzessin<\/em><\/p>\n<p>Lassen wir die Bilder sprechen:<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-729 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=786'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/vielzahl-an-booten-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=787'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/strandbar-und-boote-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; 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