{"id":857,"date":"2008-08-22T18:11:39","date_gmt":"2008-08-22T16:11:39","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=857"},"modified":"2013-07-08T19:18:03","modified_gmt":"2013-07-08T17:18:03","slug":"neue-sinnbezuge-durch-entwertete-raume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=857","title":{"rendered":"Neue Sinnbez\u00fcge durch entwertete R\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p><strong>Entwertete R\u00e4ume als elementarer Bestandteil zur Konstruktion neuer Sinnbez\u00fcge<\/strong><\/p>\n<p>Eine Fl\u00e4che wird abger\u00e4umt. Und dann? Sie \u00fcberwuchert oder besteht in ihrer betonierten  Formpr\u00e4gung fort. Geb\u00e4ude (-Komplexe) stehen leer. Und dann? Sie verfallen und erleben eine Metamorphose im Zeitverlauf. In beiden F\u00e4llen wird deutlich, dass etwas im Raum vorhanden ist und etwas zur\u00fcckbleibt. Aber was genau? Es sind Zonen, die Angeschlagenes, Deformiertes, Entwertetes und Randst\u00e4ndiges in sich beherbergen \u2013 Menschen, Dinge, Zust\u00e4nde und Situationen, die sich auf der Kehrseite des \u00f6konomischen Wachstums bewegen und vollziehen. Solche Gebiete der \u00d6ffnungen sind geradezu pr\u00e4destiniert, den Auftakt zu machen f\u00fcr erweiterte individuelle und gesellschaftliche Denkpositionen.<\/p>\n<p>Soweit so gut. N\u00e4chster Bereich.<\/p>\n<p>Wer oder was hat in der neoliberalisierten Arbeitsgesellschaft Zeit? Es sind Diejenigen, die vom \u00f6konomischen System ausgesondert wurden und deren Reintegration in gewohnte Erwerbsarbeitsmuster oder prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung strukturell aussichtslos ist. Die eigentlich verwertbare Zeit ist allerdings f\u00fcr die \u00dcberfl\u00fcssiggemachten nicht frei verf\u00fcgbar. Sie liegt brach wie die Brachen \u2013 Zeit und Fl\u00e4chen bleiben ungenutzt. Staatliche Sanktionsgewalt und Medienhetze machen die Ausgesonderten zu Schuldigen und lasten ihnen die Ursachen ihrer individuellen sowie der gesellschaftlichen Misere an \u2013 der pers\u00f6nliche R\u00fcckzug und die soziale Isolation sind g\u00e4ngige Folgeerscheinungen solcher Strukturprobleme, die auf Individuen abgew\u00e4lzt werden.<\/p>\n<p>Was ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr Handlungen? Es ist disponible Zeit. Umgekehrt hei\u00dft dies, wenn keine nutzbare Zeit im Raum vorhanden ist, werden auch keine Handlungen geplant \u2013 individuelle und gesellschaftliche Aktionen und Aktivit\u00e4ten fallen aus. Die Niedermachung des Sozialen an sich vollzieht sich. Die staatlich installierten Mechanismen zur Liquidierung eigentlich greifbarer und verwertbarer Zeit m\u00fcnden schlie\u00dflich in soziale Unbeweglichkeit und schmalspurige Loops. Menschen sind aber keine Autos, die man mal so einfach parken kann. Wie k\u00f6nnen also die enormen Massen an unfreier und nicht-produktiv verwerteter Zeit verf\u00fcgbar gemacht werden? Indem soziale Subjekte \u2013 Initiativen, Projekte \u2013 an den entsprechenden R\u00e4umen und Menschen mit Handlung ansetzen. Denn entwertete Orte und \u00fcberfl\u00fcssig gemachte Menschen sind Simulationsfl\u00e4chen, auf denen und durch die die herk\u00f6mmlichen Muster der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Arbeitsgesellschaft durchquert und \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Diese Prozesshaftigkeiten ergeben sich jedoch nicht aus einer politischen Antihaltung gegen\u00fcber gro\u00dffl\u00e4chigen Staats- und \u00d6konomiesystemen, sondern in erster Linie aus der puren Notwendigkeit nach Sinnsuche, um den geistigen Fortbestand von Gesellschaft zu sichern. Eine sinnvolle soziale Sicherung beginnt dort, wo das Risiko einer grunds\u00e4tzlichen und radikalen Gesellschaftstransformation eingegangen wird \u2013 soziale Sicherung beginnt gerade nicht dort, wo vehement an erprobten und ehemals bew\u00e4hrten Strukturen bis zur Besinnungslosigkeit festgehalten wird.<\/p>\n<p>Zahlreiche Fl\u00e4chen und Menschen liegen brach, doch \u00d6dland sind sie noch lange, lange nicht. Denn gerade dadurch, dass die Gebiete und Geb\u00e4ude durch eine verschobene \u00f6konomische Logik aus der gewohnten Gesellschaftsstruktur ausgewiesen wurden, wird eine Neudeutung bez\u00fcglich des gesamten Gesellschaftsfeldes erm\u00f6glicht. R\u00e4ume solcher Art stehen einer Vielzahl von Handlungen offen \u2013 der Vandalismus ist nur ein sichtbares Beispiel f\u00fcr die Empf\u00e4nglichkeit von Modifikationen. Vandalismus ist im weitesten Sinne ein Prozess der Ver\u00e4nderung \u2013 wer einen Stein in ein Fenster schmei\u00dft, ver\u00e4ndert definitiv diesen Ort. Ob dieser Vorgang nun als ein destruktiver oder konstruktiver gilt, mag dahingestellt bleiben, aber es reicht einfach nicht aus, nur um das Zerst\u00f6rte und Verlorengegangene zu trauern oder gar Versuche zu unternehmen, es wiederherstellen zu wollen.<\/p>\n<p>Handeln l\u00e4sst sich am Besten mit dem, was im sozialen Raum vorzufinden ist, alles Andere bedeutet Entfernung und Distanzierung von der eigentlichen Sache. Die Deformierung am Menschen erscheint dagegen weniger sichtbar und l\u00e4sst sich nur erschwert erkennen. Von der \u00f6konomischen Logik ausgesondert, werden die \u00dcberfl\u00fcssiggemachten zu sozial entkoppelten Einzeleinheiten, deren Ruhigstellung beabsichtigt wird, indem ihre Handlungen massiv eingeschr\u00e4nkt werden und ihre Zeit unbenutzbar gemacht wird. Der Verlust von vertrauten Strukturen des sozialen Lebens ist aber zugleich auch eine Befreiung von diesen. Denn wof\u00fcr sollten sie erhalten bleiben, wenn eine Reintegration in ein solches Lebens- bzw. Gesellschaftsmodell aussichtslos ist. Befreiung macht Platz f\u00fcr Neues. Neues entsteht durch Umdeutung der vorhandenen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die Schnittstellen zwischen entwerteten R\u00e4umen und ausgeschlossen Menschen liegen auf der Hand. Wir kennen die R\u00e4ume und wir kennen die Menschen. Alles ist bereit.<\/p>\n<p><em>Die andere Person<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entwertete R\u00e4ume als elementarer Bestandteil zur Konstruktion neuer Sinnbez\u00fcge Eine Fl\u00e4che wird abger\u00e4umt. Und dann? Sie \u00fcberwuchert oder besteht in ihrer betonierten Formpr\u00e4gung fort. Geb\u00e4ude (-Komplexe) stehen leer. Und dann? Sie verfallen und erleben eine Metamorphose im Zeitverlauf. In beiden F\u00e4llen wird deutlich, dass etwas im Raum vorhanden ist und etwas zur\u00fcckbleibt. Aber was genau? 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