{"id":917,"date":"2008-10-20T23:55:05","date_gmt":"2008-10-20T21:55:05","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=917"},"modified":"2013-07-08T18:50:50","modified_gmt":"2013-07-08T16:50:50","slug":"ruinen-und-brachen-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=917","title":{"rendered":"Ruinen und Brachen der Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Ruinen und Brachen im urbanen Raum sind Geb\u00e4ude und Gebiete, die sich au\u00dferhalb funktionierender gesellschaftlicher Struktur befinden. Im Stadtbild sind sie weder vorgesehen noch erw\u00fcnscht. Es gibt nur eine L\u00f6sung: Sie m\u00fcssen verschwinden. Wie k\u00f6nnen sie beseitigt werden? Durch Vermarktung an Unternehmen und Personen, die sich davon einen Profit versprechen. Was aber passiert im defizit\u00e4ren Berlin, wenn eine solch herk\u00f6mmliche Strategie ihre Effekte verfehlt? Versuche der Maskierung werden unternommen: Es entstehen Kulissenbauten, die sich von Weitem nur wenig von schon vorhandenen Rekonstruktionen unterscheiden lassen, oder Bauz\u00e4une jeglicher Art werden installiert, damit das Mangelhafte im Verborgenen gehalten werden kann.<\/p>\n<p>Warum m\u00fcssen solche Orte und R\u00e4ume abgeschottet werden? Ganz klar, damit die Aufrechterhaltung erprobter gesellschaftlicher Ordnung zumindest dem Anschein nach demonstriert werden kann \u2013 quasi ein weiterer Versuch von Wirtschaft und Politik, sich ihren Handlungsweisen, die von der Hoffnung nach Wachstum geleitet sind, zu vergewissern. Allerdings wird durch eine derartige, sinnentleerte Manifestation das Aufschwappen eines Fragenpools im \u00f6ffentlichen Raum, der sich zum einen mit den Ursachen eines nicht mehr funktionierenden Ortes und zum anderen mit den sich daraus ergebenden M\u00f6glichkeiten befassen k\u00f6nnte, konsequent unterbunden.<\/p>\n<p>Absperrungen und negative Konnotationen gen\u00fcgen in den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen, um die traditionelle Logik vom Wachstumsdenken bei den BetrachterInnen aufrecht zu erhalten. Auf Grund dessen werden solche Erscheinungen kurzer Hand ignoriert oder aber geradlinig ins Bewusstsein aufgenommen, was zwar bedeutet, dass Ruinen und Brachen im Bild der Stadt als unwillkommene Begebenheiten akzeptiert werden, aber nur verbunden mit der Hoffnung, dass es sich um vor\u00fcbergehende Erscheinungen handelt, die verschwinden werden, sobald an ihre Stelle (noch)mal wieder etwas gebaut wird. Dieser Denkvorgang l\u00e4sst sich auch am Selbst abpr\u00fcfen: JedeR ist schon einmal an einer leeren Stadtfl\u00e4che vorbei gekommen, die einfach nur verwildert aussah oder auf der sich schon Reste und M\u00fcll aller Art stapelte. Was ging Dir dabei durch den Kopf? Mit Bestimmtheit ist der Gedanke in Dir aufgeblitzt, dass da etwas fehlt! Tats\u00e4chlich kann angenommen werden, dass sich dort einmal etwas Kultiviertes befand. Der Blick nach Links und Rechts auf die vorhandenen Geb\u00e4ude und Konstruktionen bekr\u00e4ftigt diesen Gedanken schlie\u00dflich. Die Annahme, dass hier etwas fehle bzw. wieder etwas hingeh\u00f6re, taucht vor allem deshalb zuerst im Bewusstsein auf, weil die Jahrhunderte lang praktizierte Stadtplanung und Bautradition \u2013 was sich insbesondere in der steinernen Stadt des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts wiederspiegelt \u2013 mit Verdichtung und unersch\u00f6pflichen Expansionsbestrebungen einherging. Es handelt sich also in diesem Fall um eine tief in uns eingelagerte Struktur, die erstmal als solche enttarnt werden muss, um sie schlie\u00dflich \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie und wo l\u00e4sst sich so eine Struktur brechen? Ganz einfach, man geht an die Stelle im sozialen Raum, wo die Struktur schon gebrochen vorzufinden ist. Die Frage muss also lauten: Was geschieht, wenn ein Gebiet oder Geb\u00e4ude der Zerr\u00fcttung betreten wird? Durch das Begehen k\u00f6nnen sich Gedanken und Gef\u00fchle zu den Prozesshaftigkeiten, die sich um und an diesem Orte ergeben, ausbilden. Denn durch die direkte Begegnung kann nach und nach eine produktive und unvoreingenommene Auseinandersetzung mit einer derartigen Stelle entstehen. Dabei entpuppt sich das anscheinend Mangel- und Fehlerhafte bald als eine soziale Bruchstelle im gesellschaftlichen Gef\u00fcge, an der die sozialen Wandlungsprozesse der Arbeitsgesellschaft veranschaulicht werden k\u00f6nnen. An Stellen und R\u00e4umen in der Gesellschaft, in denen sich das Lohnarbeitsparadigma als dysfunktional herausstellt, entwickeln sich n\u00e4mlich Ph\u00e4nomene, deren Wert und deren herausragende Bedeutung f\u00fcr einen gesamtgesellschaftlichen Wandel Geltung erreichen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Prozesse eine Person letztlich an diesen Orten und auf diesen Gebieten in und um sich ausl\u00f6st, mag in ihrem Inhalt sehr verschieden sein, aber in ihrer Struktur haben diese Vorg\u00e4nge etwas gemeinsam, denn zum einen wurde die erste H\u00fcrde in Richtung \u00d6ffnung, Unmarkiertheit und Experimentalit\u00e4t genommen, zum anderen entsteht eine Verh\u00e4ltnis zwischen der Person und dem negativ konnotierten bzw. als mangelhaft erkl\u00e4rten Raum. Diese Bereiche sind unverstellte Fl\u00e4chen, die einen weder vor den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen noch vor den Verh\u00e4ltnissen in sich sch\u00fctzen, demnach kann hier ein Feld der Konfrontation und der Projektion entwickelt werden.<\/p>\n<p>Diese Orte sind keinesfalls tote Orte, wie sie in der \u00d6ffentlichkeit seit L\u00e4ngerem klassifiziert werden, es sind vielmehr Areale, die frei von herk\u00f6mmlicher Wachstums- und Konsumstruktur sind. Zu schnell kann an diesen Pl\u00e4tzen das Potential des Erkennens von individuellen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen durch romantisierende und abenteuerliche Vorstellungswelten verspielt, verkannt und verkl\u00e4rt werden. Deshalb ist es von gro\u00dfer Bedeutung, Gebiete und Orte der Zerr\u00fcttung in den Kontext der sich wandelnden Arbeitsgesellschaft \u2013 mit deren \u00fcberfl\u00fcssiggemachten Menschen \u2013 zu stellen, da diese entkoppelten Gebiete unmittelbares Resultat des Erwerbsarbeitswandels und Folgeerscheinungen des abhanden gekommenen Wachstums sind. Sie sind triste, brutale und unsichere Gegebenheiten in einer Gesellschaft, die permanent von Lichtern und Leuchtwerbetafeln geblendet wird.<\/p>\n<p>Wesentlich ist, dass sich jedeR ihren\/seinen eigenen Zugang zu diesem Ph\u00e4nomen schafft, weil sich nur so vielschichtige Zug\u00e4nge entwickelt lassen k\u00f6nnen, auf deren Grundlage die Logik der Wachstumsgesellschaft aufgedeckt und hinterfragt werden kann \u2013 das ist eine politische Handlung.<\/p>\n<p><em>Die andere Person<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/zukunft.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-918 lazyload\" title=\"zukunft\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/zukunft-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" data-srcset=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/zukunft-300x225.jpg 300w, https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/zukunft.jpg 800w\" data-sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 300px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 300\/225;\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruinen und Brachen im urbanen Raum sind Geb\u00e4ude und Gebiete, die sich au\u00dferhalb funktionierender gesellschaftlicher Struktur befinden. 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