{"id":927,"date":"2008-11-03T13:34:51","date_gmt":"2008-11-03T11:34:51","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=927"},"modified":"2010-02-07T00:17:58","modified_gmt":"2010-02-06T22:17:58","slug":"sturme-im-wasserglas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=927","title":{"rendered":"St\u00fcrme im Wasserglas"},"content":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfspurige Ank\u00fcndigung der Senatsparteien, man werde sich f\u00fcr die Rekommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe einsetzen, war erwartungsgem\u00e4\u00df hei\u00dfe Luft. Doch was treiben die au\u00dferparlamentarischen Kritiker der Teilprivatisierung?<\/p>\n<p>Zwei Jahre nach der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus, nach denen sich die rot-rote Koalition erneut installierte, k\u00f6nnte man ja mal die Frage stellen, wie es um die Erf\u00fcllung der in der Koalitionsvereinbarung von 2006 formulierten Absicht zum Umgang mit den Berliner Wasserbetrieben (BWB) steht. In der Vereinbarung ist zu lesen, die Koalition \u201esetzt sich f\u00fcr die Rekommunalisierung der BWB ein\u201c. Die gestellte Frage er\u00fcbrigt sich mit der lapidaren Feststellung: Nichts ist geschehen!<\/p>\n<p>Nicht, dass die Themen \u201eWasser\u201c und \u201eWasserversorgung\u201c in den letzten zwei Jahren keine Rolle in Berlin gespielt h\u00e4tten \u2013 sie spielten eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als in den vergangenen 15-20 Jahren. Denn die Probleme infolge der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe, die 1999 vollzogen wurde \u2013 vor allem die stark gestiegenen Wasserpreise &#8211; wurden durch Auseinandersetzungen um die Tarifkalkulation und durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit sowie die Initiative f\u00fcr ein <em>Volksbegehren<\/em> \u201eSchluss mit den Geheimvertr\u00e4gen \u2013 Wir Berliner wollen unser Wasser zur\u00fcck\u201c publik gemacht und zunehmend \u00f6ffentlich diskutiert. Die nun entstandene Ruhe um das Thema resultiert nicht zuletzt aus der Ablehnung des <em>Volksbegehren<\/em>-Antrags durch den Berliner Senat Anfang M\u00e4rz diesen Jahres.<\/p>\n<p>Dass sich die F\u00fchrung der Partei DIE LINKE damals vehement gegen das <em>Volksbegehren<\/em> aussprach und ihren Bezirksb\u00fcros verbot, Unterschriftsb\u00f6gen auszulegen, sowie die vom Senat vollstreckte Interessenwahrung der privaten Konzerne RWE und Veolia, denen die Wasserbetriebe zur H\u00e4lfte geh\u00f6ren &#8211; durch die f\u00f6rmliche Ablehnung des <em>Volksbegehren<\/em>-Antrags &#8211; zeigen, dass bislang oben zitierte Passage der Koalitionsvereinbarung oder auch \u00c4u\u00dferungen des Wirtschaftssenators Wolf (DIE LINKE), sich f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung der Geheimvertr\u00e4ge einzusetzen, nichts als wohlfeiles Gerede bzw. geduldiges Papier sind. Auch das kl\u00e4gliche Scheitern einer fraktions\u00fcbergreifenden Gesetzgebungsinitiative aus dem Abgeordnetenhaus zur Unterst\u00fctzung der Anliegen des <em>Volksbegehrens<\/em> ist ein Ausdruck dessen.<\/p>\n<p>Nun ist es f\u00fcr die <a title=\"Berliner Wassertisch\" href=\"http:\/\/www.berliner-wassertisch.net\"><em>B\u00fcrgerinitiative <\/em>\u201eBerliner Wassertisch\u201c<\/a> und s\u00e4mtliche Akteure mit gleichem Anliegen an der Zeit, den Druck auf die Berliner Politik und die privaten Konzerne erneut zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Nachdem zun\u00e4chst Mitte April die B\u00fcrgerinitiative vor dem Berliner Verfassungsgericht Klage auf Zulassung des Volksbegehrens eingereicht hatte, folgte hierauf im Juni die Stellungnahme des Senats, wonach beantragt wird, die Klage zur\u00fcckzuweisen. Nun liegt der Antrag f\u00fcr des <em>Volksbegehren<\/em> auf der als durchaus lang geltenden juristischen Bank. Ob das Begehren evtl. doch noch starten kann, wird vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht erst auch in zwei Jahren verhandelt und entschieden. Diese Zeit muss vor allem zur Aufkl\u00e4rungsarbeit am <em>B\u00fcrger<\/em> wie auch zum Einmischen in die politische Debatte genutzt werden. Einen Anfang sollen dezentrale Informations- und Diskussionsveranstaltungen Ende des Jahres machen, bei denen Themen wie Wassertarife, die baldige Verordnung f\u00fcr das Grundwassermanagement in Berlin (Stichwort: nasse Keller), das Wasserversorgungskonzepts f\u00fcr Berlin bis zum Jahre 2040 und Folgen der Teilprivatisierung er\u00f6rtert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor allem muss aber den politisch Verantwortlichen aufgezeigt werden, dass der Handlungsdevise des Senats \u201eWir w\u00fcrden ja evtl. schon, aber wir haben keine M\u00f6glichkeiten\u201c Alternativen entgegenstehen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst die Feststellung, dass allein die Aufgabe dieser resignativen Einstellung seitens des Senats hin zu einer politisch offensiven und konfrontativen Haltung gegen\u00fcber den privaten Anteilseignern ein erster wichtiger Schritt w\u00e4re. Wo bleiben denn die wahlk\u00e4mpferisch von SPD und DIE LINKE angek\u00fcndigten Anstrengungen, sich f\u00fcr die Rekommunalisierung einzusetzen? Fragt man Regierungspolitiker nach Alternativen, bekommt man durch die Bank die gleiche weichgesp\u00fclte Antwort: \u201eVertr\u00e4ge geheim, Rekommunalisierung zu teuer\u201c.<\/p>\n<p>Wenn die Regierungsparteien sich weigern, ernsthaft \u00fcber alternative Konzepte nachzudenken, so sind diese eben au\u00dferparlamentarisch einzubringen.<\/p>\n<p>Neuen wissenschaftlichen Schwung hat David Hachfeld vom \u201eBerliner Wassertisch\u201c mit seinem Diskussionspapier <a title=\"ABRISS DOWNLOAD\" href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/download\">\u201eDie Berliner Wasserbetriebe rekommunalisieren \u2013 aber wie?\u201c<\/a> (Mai 2008) eingebracht. Weitere Beitr\u00e4ge werden hoffentlich in K\u00fcrze die Diskussion hier\u00fcber st\u00e4rker anregen. Hachfeld kommt in seinem Papier zu einem hervorzuhebenden Fazit: Zum einen \u201eexistieren konkrete M\u00f6glichkeiten, trotz der bestehenden Vertr\u00e4ge auf eine Rekommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe hinzuwirken.\u201c Eine Reihe erster Schritte werden im Papier vorgestellt. Es wird dabei aber vom Autor betont, dass es keinen goldenen Weg zur R\u00fcckabwicklung der Teilprivatisierung gibt, sondern vielmehr \u201edie Bereitschaft der politisch Verantwortlichen\u201c zu einer \u201ekonfrontativeren Haltung\u201c \u201eVoraussetzung f\u00fcr alle Schritte\u201c zur Ingangsetzung eines Prozesses im Sinne einer Verschiebung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses in der Berliner Wasserwirtschaft zu Gunsten der Wasser-Nutzer und des Landes ist.<\/p>\n<p>Dass solch eine Bereitschaft zu einer konfrontativen Haltung sinnvoll sein kann, zeigt zum Beispiel die bislang kaum beachtete Rekommunaliserung der Wasserbetriebe in Potsdam im Jahr 2000. Das private Konsortium Eurawasser visierte damals enorme Steigerungen der Wassergeb\u00fchren an. Vertreter der Landesregierung brachten aber Willen und Anstrengungen auf, ein \u00e4hnlich wie in Berlin vorhandenes Konstrukt aus Geheimvertr\u00e4gen genau zu pr\u00fcfen und so eine R\u00fcckabwicklung der erst 1998 erfolgten Teilprivatisierung der Wasserbetriebe Potsdam (WBP) nach kurzer Zeit herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Dass jedoch solch ein R\u00fcckgewinn \u00fcber die volle Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber ein Wasserunternehmen in \u00f6ffentliche Hand per se noch keine Demokratisierung der Wasserwirtschaft bedeutet, zeigt das Beispiel Potsdam aber auch. Der Prozess der kommerziellen Bewirtschaftung der Wasserversorgung scheint durch die Eingliederung der Wasserwirtschaft in die Stadtwerke Potsdam GmbH und die erneute Beteiligung von Privatunternehmen ungebrochen. Die Wassergeb\u00fchren steigen weiter \u2013 wenn auch nicht so stark, wie einst von den Privaten gefordert \u2013 und haben neuerlich einen Spitzenwert in Deutschland erreicht. War zudem bereits der Prozess der R\u00fcckabwicklung der Teilprivatisierung weitgehend unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit verlaufen, ist demokratische Kontrolle weiterhin Mangelware.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich somit f\u00fcr Berlin ableiten, dass mit einem \u201eR\u00fcckgewinn\u201c der in privatem Besitz befindlichen Anteile an den BWB noch keine Demokratisierung des Unternehmens erreicht w\u00e4re. Ein wesentliches Ziel von Bef\u00fcrwortern nachhaltiger Wasserbewirtschaftung muss die Aufl\u00f6sung der Berlinwasser Holding AG sein, welche weiterhin Bestand h\u00e4tte und in welche die BWB eingeflochten sind. Statt einer gewinnorientierten Aktiengesellschaft muss ein anderes Modell zur nachhaltigen, umwelt- und verbraucherorientierten Bewirtschaftung im Sinne einer \u00f6ffentlichen Dienstleistung entwickelt werden. Ans\u00e4tze dazu sind vorhanden.<\/p>\n<p>Wasser (zur\u00fcck) in B\u00fcrgerhand!<\/p>\n<p><em>Mathias Behnis<\/em><\/p>\n<p>Informationen zur Teilprivatisierung der Wasserbetriebe sowie zum Stand des <em>Volksbegehrens<\/em>:<\/p>\n<p><a title=\"Berliner Wassertisch\" href=\"http:\/\/www.berliner-wassertisch.net\">www.berliner-wassertisch.net<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfspurige Ank\u00fcndigung der Senatsparteien, man werde sich f\u00fcr die Rekommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe einsetzen, war erwartungsgem\u00e4\u00df hei\u00dfe Luft. Doch was treiben die au\u00dferparlamentarischen Kritiker der Teilprivatisierung? Zwei Jahre nach der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus, nach denen sich die rot-rote Koalition erneut installierte, k\u00f6nnte man ja mal die Frage stellen, wie es um die Erf\u00fcllung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-927","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stadt-als-beute"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/927","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=927"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/927\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1769,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/927\/revisions\/1769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}