{"id":954,"date":"2008-12-08T16:16:48","date_gmt":"2008-12-08T14:16:48","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=954"},"modified":"2010-01-24T00:39:10","modified_gmt":"2010-01-23T22:39:10","slug":"wenn-stadtentwicklung-fassungslos-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=954","title":{"rendered":"Wenn Stadtentwicklung fassungslos macht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Lachkrampf zwischen Havelspitze und Haselhorst <\/strong><\/p>\n<p>Prenzlauer Berg, gestern Nacht. Um 0.06 Uhr steigen ich und die andere Person in die S-Bahn nach Jungfernheide. Weiterfahrt mit der U-Bahn. Das Ziel: Haselhorst. Hier wurde zwischen 1930 und 1935 die sogenannte Reichsforschungssiedlung Haselhorst angelegt und 1963 wurde hier der bekannte Travestiek\u00fcnstler <a title=\"Ades Zabel als Karin Hoehne\" href=\"http:\/\/adeszabel.de\/?id=12\">Ades Zabel<\/a> geboren. Durch das nachtschlafene Haselhorst gehend, vorbei an fr\u00fchem sozialen Wohnungsbau, eine Einfamilienhaussiedlung \u2013  mit Garagenh\u00f6fen aus verschiedenen Jahrzehnten \u2013 passierend,  gelangen wir \u00fcber einen finsteren Pfad auf eine Stra\u00dfe, die direkt zur wundervollen Spandauer-See-Br\u00fccke f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die kurz vor ihr auf einem Baufeld linear hintereinander gereihten Ketten sogenannter Townhouses lassen wir weitgehend unbeachtet rechts liegen. Wir gehen die Br\u00fccke hinauf und genie\u00dfen die Atmosph\u00e4re. \u201eDa gibt es doch nichts\u201c, sagt die andere Person, als ich bereits auf die andere Seite laufe, hinein ins hingeklotzte Neubaughetto Wasserstadt. Eigentlich ist diese Lage an der Havel vortrefflich. Doch die Wasserstadt \u2013 gebaut seit den 90er Jahren \u2013 ist nicht geworden, was sie werden sollte. In der Abflugschneise vom Flughafen Tegel gelegen und ohne Anbindung an das U- und S-Bahn-Netz, hat dieses Neubaugebiet, das im Stile eines phantasielosen sozialen Wohnungsbaus \u2013 in gro\u00dfen Block-Formationen \u2013 errichtet wurde, von Anfang an vor Allem Menschen angezogen, die auf dem Wohnungsmarkt keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gleich vorn am Eck findet sich der <a title=\"Jugendtreff Havelspitze\" href=\"http:\/\/www.jugendtreff-havelspitze.de\">Jugendtreff Havelspitze<\/a>. In der N\u00e4he stehen ein paar Jugendliche und quatschen. Wir gehen weiter, hinein in die Neubauw\u00fcste. Eine Bushaltestelle bietet den ersehnten Nachtverkehr gen U-Bahnhof. In 15 Minuten wird ein Bus kommen, so lesen wir es auf dem Plan. In der Zwischenzeit pendeln wir zwischen Haarstudios, Havelufern und dem Innenhof eines der gro\u00dfen Bl\u00f6cke, die durch einen Aufgang von der Stra\u00dfe aus erreichbar sind. Hier zu leben, das mag hart sein, aber f\u00fcr ein paar tausend Menschen ist es Realit\u00e4t. Von den Fassaden gr\u00fc\u00dfen viele Satellitensch\u00fcsseln. Hier ist nicht Kreuzberg SO36. Street Life ist hier ein seltenes Ph\u00e4nomen. Und wo kein Street Life stattfindet, gerade dort muss man sich die gro\u00dfe, weite Welt per Sch\u00fcssel ins Wohnzimmer holen.<\/p>\n<p>Wir gehen zur\u00fcck zur Bushalte. W\u00e4hrend der restlichen Wartezeit beginne ich damit, ein wenig zu sp\u00f6tteln: Ja der Busfahrer wird sich wundern, dass in dieser urbanen \u00d6de \u00fcberhaupt Leute einsteigen! Ja er w\u00e4re sicher froh, wenn er einfach weiterfahren k\u00f6nnte! Und dann pl\u00f6tzlich: Ein VW-Kleinbus h\u00e4lt am Wartehaus, \u201eBerlin-Taxi\u201c steht au\u00dfen dran. Ich wende mich ab. Keinesfalls werde ich jetzt ein Taxi besteigen, wenn doch gleich der Bus kommt! Aber die andere Person  fragt durch das hinuntergelassene Fenster der Beifahrerseite hindurch: \u201eSind Sie der Bus?\u201c Und ja, er ist es! Die andere Person \u00f6ffnet die Seitent\u00fcr und steigt ein. Ich folge fassungslos. \u201eDie T\u00fcr ist nicht richtig zu\u201c, sagt der Fahrer. Beim dritten Mal dann klappt es. Sieben Pl\u00e4tze, Anschnallgurte \u2013 wo nur bin ich hier gelandet? Werden wir gerade entf\u00fchrt? Aber wohin \u2013 und warum?<\/p>\n<p>Das Fahrzeug ist bereits unterwegs und quert die Seebr\u00fccke. Ich ringe nach Fassung und auch die andere Person sitzt fassungslos auf ihrem Platz neben mir. Abgewetzte Polster und schmutzige Scheiben mit Voerh\u00e4ngen. Vorh\u00e4nge wie im Flugzeug. Die andere Person spricht nun wie paralysiert aus, was ich noch gar nicht fassen kann: \u201eIch f\u00fchle mich gerade wie in einer anderen Welt!\u201c Unz\u00e4hlige Male schon hat die andere Person mir davon berichtet, wie sie sich in ihrer eigenen Welt, in ihrem \u201eSpace\u201c f\u00fchle. Verstehen konnte ich dieses Gef\u00fchl zwar immer, nachvollziehen jedoch meistens nicht. Aber diese Momente lassen sie mich f\u00fchlen: Eine andere Welt. Eine real existierende, andere Welt.<\/p>\n<p>Abwechselnd, dann gleichzeitig, geraten wir ins Lachen. Jeglicher Unterdr\u00fcckungsversuch schl\u00e4gt ins Gegenteil um. Aus den Autolautsprechern erklingt nun ein Lied: \u201eI would give everything I own, give up my life, my heart, my home\u201c, von <a title=\"Boy George\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boy_George\">Boy George<\/a> im Jahre 1987 aufgenommen. Nun gibt es f\u00fcr mich gar kein Halten mehr. Ich lege die H\u00e4nde vor mein Gesicht, um dem Fahrer, der mich gewiss w\u00e4hrend der ganzen Zeit gut im Blick hat, meine Fassungslosigkeit nicht allzu deutlich zu offenbaren. Niemandem aber sei empfohlen, hysterische Lachkr\u00e4mpfe, unter denen man sich zu biegen und nach Luft zu schnappen beginnt, allen Ernstes unterbinden zu wollen. Es schie\u00dft unweigerlich aus einem heraus! Auch das aufgeb\u00fcgelte, fliegende Stoffflugzeug auf meiner mit einem Interflug-Schriftzug versehenen Tasche, springt mir nun ins Auge und sorgt ohne Gnade f\u00fcr neue Lachsalven. S\u00e4mtliche Anl\u00e4ufe, wieder Fassung zu gewinnen, enden an der jeweils n\u00e4chsten Gabelung meiner Gedanken.<\/p>\n<p>\u201eI don&#8217;t know why, just don&#8217;t know why\u201c, singt Boy George. Beim Blick aus dem Fenster versuche ich, mir das Haselhorst vorzustellen, in dem Ades Zabels Kunstfigur Karin Hoehne Grundschullehrerin gewesen ist. Karin Hoehne unterrichtet die F\u00e4cher Deutsch, Werken und Tuschen. Unweigerlich stelle ich mir nun diese Person neben uns als Buspassagierin vor. Oder andere Passagiere. Vielleicht mag es ja welche geben, die es f\u00fcr die nat\u00fcrlichste Sache der Welt halten, um halb zwei Uhr nachts durch Haselhorst gefahren zu werden, von einem \u00f6ffentlichen Kleinbus mit Flugzeugfenstervorh\u00e4ngen und herrlich tuntiger Spreeradio-Eighties-Musik. Auf dem weiten Weg zur Endstation h\u00e4lt der Wagen an keiner der Haltestellen und kein einziger Passagier steigt zu. Unsere Fahrscheine, so bemerkt die andere Person, hat der Busfahrer gar nicht sehen wollen. Am Ende dann ein pers\u00f6nlicher Abschied: Ciao! \u201eI would give everything I own, Just to have you back again.\u201c<\/p>\n<p>Mit herzlichem Dank an Boy George.<\/p>\n<p><em>Ostprinzessin<\/em><\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-954 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=955'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/erste-townhouses-mitte-2004-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-955\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-955'>\n\t\t\t\tErste Townhouses (Mitte 2004)\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=956'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/blick-nach-spandau-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-956\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-956'>\n\t\t\t\tBlick nach Spandau\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=957'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/blick-zur-wasserstadtbrucke-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-957\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-957'>\n\t\t\t\tBlick zur Wasserstadtbr\u00fccke\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=958'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/spandauer-see-brucke-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-958\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-958'>\n\t\t\t\tSpandauer-See-Br\u00fccke\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?attachment_id=959'><img decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" data-src=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/abflug-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail lazyload\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-959\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 150px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 150\/150;\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-959'>\n\t\t\t\tAbflug\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Lachkrampf zwischen Havelspitze und Haselhorst Prenzlauer Berg, gestern Nacht. 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