{"id":968,"date":"2009-01-02T21:25:42","date_gmt":"2009-01-02T19:25:42","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=968"},"modified":"2013-07-08T18:49:39","modified_gmt":"2013-07-08T16:49:39","slug":"investitionshotel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=968","title":{"rendered":"Investitionshotel"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber verschiedene Realit\u00e4ten, Schnittstellen und die Herrschaft des Geldes<\/strong><\/p>\n<p>Sechs Stunden lang umgab ich mich in einem historisch-repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude mit gesellschaftlich anerkannter und lieb gesch\u00e4tzter Kunst \u2013 in der Arbeitsgesellschaft sind sechs Stunden fast ein ganzer Arbeitstag. An der Garderobe gab ich lediglich meinen beladenen Beutel ab, den  schweren Mantel behielt ich an, denn darin erlebe ich permanent das Bewusstsein, robust zu sein. \u00dcber den Inhalt meines Beutels werde ich mir immer \u00f6fter unsicher \u2013 ist es ein dickes Buch oder trage ich eine Waffe bei mir. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass nicht nur ich diesen Gedanken bekomme, sondern auch Menschen um mich herum dar\u00fcber unsicher werden. Hin und wieder vergewissere ich mich dann, indem ich hineinschaue, und stelle fest, die Waffe bin ich und das ist ein Gesamtprojekt.<\/p>\n<p>Von der Beutellast befreit, bewege ich mich durch die gro\u00dfe Halle und schreite die massiv und breit angelegte Treppe nach oben. Zweitausend Jahre Deutsche Geschichte \u2013 ich war schon \u00f6fter hier und erfasse die Informationen selektiv und gezielt. St\u00e4dtebau im Mittelalter \u2013 sehr interessante Darstellungen. Landkarten, \u00fcberall Landkarten \u2013 ich f\u00fchle mich schon wie ein richtiger Mann und entdecke voller Lust die Abbilder der Welt. Wieder einmal fesselt mich die Abteilung des aufstrebenden B\u00fcrgertums, die Erfindung der Kindheit und die damit einhergehende, strenge Geschlechterrollenformation, die der modernen Gesellschaft einen zweigeschlechtlichen Zwangsapparat auferlegt. Kleidungen und M\u00f6bel vermitteln Lebensweisen vergangener gesellschaftlicher Geflechte \u2013 wir sind in jedem Fall Teil davon, egal in welcher Position und Abgrenzung wir uns in Bezug darauf selbst begreifen.<\/p>\n<p>Etwas ersch\u00f6pft und erm\u00fcdet von den Informationsmassen, gehe ich in die benachbarte Universit\u00e4t, um mir einen Automatenkaffee und einen Schokoriegel von Nestl\u00e9 zu kaufen \u2013 wie dekadent. Die zweite Runde beginnt \u2013 Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Der Schreibtisch von Honecker ist etwas gr\u00f6\u00dfer als der vom Hitler \u2013 die Gr\u00f6\u00dfe des Arbeitstisches scheint nichts mit den F\u00fchrungsqualit\u00e4ten von Personen zu tun zu haben. Schlie\u00dflich endet die Ausstellung mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung \u2013 ich sehe Hannelore und Helmut Kohl, das macht mich emotional \u2013 ich sehe Schreckgespenster.<\/p>\n<p>Den Beutel wieder in meinen H\u00e4nden tragend, gehe ich zum Bus \u2013 Friedrichstra\u00dfe\/Unter den Linden steige ich spontan aus. Die Geb\u00e4ude gl\u00e4nzen und sind hell erleuchtet \u2013 das neue Hotel, welches weit \u00fcber den Bordstein ragt, scheint weitgehend fertig zu sein, jedenfalls haben die Gesch\u00e4fte im Erdgeschoss schon ge\u00f6ffnet. Ich f\u00fchle mich gut sortiert und bin empf\u00e4nglich f\u00fcr diesen Ort \u2013 der Bau vermittelt mir das Gef\u00fchl einer Zeit gesellschaftlichen Aufschwungs. Diese brutal totsanierte Gegend impliziert Wachstum und Geld. Ein paar Bl\u00f6cke weiter wird man jedoch schon wieder kr\u00e4ftig desillusioniert \u2013 der aktuelle Bauskandal am Tr\u00e4nenpalast und die umliegenden L\u00fccken und Brachen bef\u00f6rdern einen in Berlins Wirklichkeit zur\u00fcck, die nur sehr punktuell vom Wachstum begleitet wird. Ich laufe schlie\u00dflich unter den lichtgefluteten Arcaden des Neubaus entlang und treffe ganz zuf\u00e4llig einen Bekannten \u2013 ich freue mich sehr. Investitionen sind sein Gesch\u00e4ft \u2013 Inhalte sind mein Gesch\u00e4ft. Das unterscheidet uns, macht uns aber auch f\u00fcreinander interessant.<\/p>\n<p>Wir \u00fcberlegen, einen Kaffee zu trinken, mir f\u00e4llt aber kein Caf\u00e9 ein, denn in dieser uns\u00e4glichen Gegend habe ich kaum Identifikationspunkte. Seine Einf\u00e4lle scheitern am nicht vorhandenen Geld \u2013 weder Kohle f\u00fcr seinen Ofen noch Kohle f\u00fcr einen Kaffee ist vorhanden. Fremd, einfalls- und ratlos sowie ohne Geld, beschlie\u00dfen wir, ins benachbarte Kulturkaufhaus Dussmann zu gehen \u2013 im  obersten Geschoss finden wir einen Platz in der Politikabteilung und unterhalten uns eine ganze Zeit lang \u00fcber die Finanzkrise, Kapitalwirtschaft, die Urspr\u00fcnge der Zinswirtschaft, Erwerbslosigkeit und \u00fcber unsere individuellen Lebenswege. In manchen Momenten habe ich das Gef\u00fchl, ihn zu erreichen, aber diese gehen geschwind vor\u00fcber \u2013 Schnittstellen sind eben fragile und fl\u00fcchtige Positionen.<\/p>\n<p>Leute laufen an uns vor\u00fcber und schauen sich B\u00fccher an \u2013 ich genie\u00dfe ihre Defekte, denn Besch\u00e4digung ist meine Ware. Ich verschmelze mit den Defiziten und Makeln der Suchenden. Mein Bekannter hat diesbez\u00fcglich eher eine konventionelle und distanzierte Haltung \u2013 er grenzt sich ab, ich fusioniere \u2013 jeder seiner Neigung entsprechend. Die ganze Zeit starrte ich schon auf die B\u00fccherrubrik des Deutschen Herbst, da diese mir unmittelbar gegen\u00fcbersteht. Ich erz\u00e4hle meinem Bekannten, dass ich vor ein paar Tagen auf Ulrike Meinhofs Grab eine wei\u00dfe Lilie gelegt habe. Das ist nat\u00fcrlich mehr als nur eine politische Handlung, es ist eine generelle und umfassende symbolische Handlung von Menschlichkeit. Die Grabfelder links und rechts von ihr sind \u00fcbrigens noch frei, alle anderen sind belegt \u2013 Verachtung, Angst und Distanzwahrung scheinen auch nach \u00fcber drei\u00dfig Jahren Totsein un\u00fcberwindlich zu sein.<\/p>\n<p>Nach etwa eineinhalb Stunden fassen wir den Beschluss, die H\u00f6hle des L\u00f6wen zu verlassen. Seine Seite der Geldverh\u00e4ltnisse bleibt mir fremd, dass einen dieses Mittel so immens zer\u00fctten und zerfressen kann, ist schockierend. Wir verabschiedeten uns vor Dussmann und gingen in entgegengesetzte Richtungen.<\/p>\n<p><em>Die andere Person<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber verschiedene Realit\u00e4ten, Schnittstellen und die Herrschaft des Geldes Sechs Stunden lang umgab ich mich in einem historisch-repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude mit gesellschaftlich anerkannter und lieb gesch\u00e4tzter Kunst \u2013 in der Arbeitsgesellschaft sind sechs Stunden fast ein ganzer Arbeitstag. 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