{"id":969,"date":"2009-01-04T20:32:52","date_gmt":"2009-01-04T18:32:52","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=969"},"modified":"2013-05-03T22:32:48","modified_gmt":"2013-05-03T20:32:48","slug":"umkampftes-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=969","title":{"rendered":"Umk\u00e4mpftes Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Berlin bleibt auch 2009 umk\u00e4mpft. Berlin hat eine Tradition von \u201eUmk\u00e4mpftsein\u201c \u2013 die Alliierten taten es, dann ihre Nachfolger. Die einen hatten zu essen, die anderen ihre Vision von einer anderen Gesellschaft. Man baute Mauern und Berlin hatte auf einmal von Allem zwei, z. B. zwei Universit\u00e4ten &#8211; mindestens.<\/p>\n<p>Einer versuchte den anderen zu schlagen. Die einen sprengten das Schloss als Symbol einer verabscheuungsw\u00fcrdigen, zum Untergang verurteilten Gesellschaft, die anderen gr\u00fcndeten die Freie Universit\u00e4t &#8211; auch sie hatten eine Idee. 1958 bescheinigte Erich Kuby der Freien Universit\u00e4t ein H\u00f6chstma\u00df an Unfreiheit, weil sie ihre Freiheit nur im Gegensatz zur Humboldt-Universit\u00e4t begreife. Er bekam als persona non grata Redeverbot.<\/p>\n<p>Dann richtete man sich ein, in Westberlin, dem Schaufenster des Westens, dem Paradies ohne Wehrpflicht, der Insel. In Ostberlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, in der es \u00f6fter mal Bananen gab &#8211; und den Prenzlauer Berg mit seinen leerstehenden Wohnungen. Brech sie auf, frage die Nachbarin nach dem Mietkonto und wie hoch die Miete sei &#8211; deine Eltern h\u00e4tten den Zettel mitgenommen &#8211; zahle einige Monate die Miete, dann frage die KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung), ob du einen neuen Wasserhahn haben kannst &#8211; deiner tropfe nun schon ein Jahr lang und du h\u00e4ttest es auch schon mal gesagt &#8211; und bubs, bist du Mieter.<\/p>\n<p>In Kreuzberg besetzte man ganze H\u00e4user, verhinderte den Abriss f\u00fcr eine Autobahn und lebte wild und gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Das konnte nicht ewig so weitergehen, einer musste gewinnen, nat\u00fcrlich der, bei dem es mehr zu kaufen gab. Die Mauer fiel, alle waren besoffen vor Gl\u00fcck und der Osten wurde neu sortiert. \u201eRestitution vor Entsch\u00e4digung\u201c, so lautete das Zauberwort. Wir stehen f\u00fcr EIGENTUM. Es waren dann aber doch nicht die Alteigent\u00fcmer, die ihre H\u00e4user zur\u00fcckbekamen, sondern die gro\u00dfen Immobilienentwickler, die alte Eigentumsanspr\u00fcche abkauften und als Steuersparmodell in Fonds verkauften. Alles und jeder wurde durchkapitalisiert, aussortiert, die Mitte Berlins \u00fcbernommen, der Palast der Republik &#8211; das Volksschloss des Ostens &#8211; abgerissen. Ihr seid zwar das Volk, aber ihr habt in der Mitte nichts mehr zu suchen!<\/p>\n<p>Goldgr\u00e4berstimmung machte sich breit, erst die Sanierung der maroden Altbauten im Ostzentrum, dann die Stadterweiterung mit diesen wunderbaren Einfamilienhausidyllen, danach die innerst\u00e4dtische Verdichtung \u00fcber das Planwerk Innenstadt und zum Schluss kam noch Kreuzberg dran. Hier vermochten das Kapital und seine Institutionen &#8211; getarnt als Recht auf Eigentum &#8211; jedoch nicht Jeden herauszusp\u00fclen aus der Innenstadt, hier wurde neu besetzt. In der Parteienlandschaft wehte noch der k\u00fchle Wind des Kalten Krieges und so verweigerte man der linken Kreuzbergregierung die polizeiliche Unterst\u00fctzung der R\u00e4umung.<\/p>\n<p>Und nun wurde die ganze Klaviatur der Partizipation gezogen: <em>B\u00fcrgerbegehren<\/em>, Runder Tisch &#8211; Entscheidungen der Kommunalvertreter bekamen ein \u00f6ffentliches Interesse. Und da es so sch\u00f6n war, gleich noch &#8211; bevor man zu den Sternen greift &#8211; nach dem n\u00e4chsten Ort, dem Spreeraum, gegriffen: Ehemalige Zonengrenze und noch unbebaut, aber schon verplant.<\/p>\n<p>\u201eMediaspree versenken\u201c war der Schlachtruf. Und noch bevor man sich dar\u00fcber klar war, was an Stelle der Planung stehen k\u00f6nnte, zerlegte man sich schon in der Protestszene, spaltete sich ab &#8211; den einen war es nicht radikal genug, den anderen zu utopisch. Dessen ungeachtet ergriff das Volk die Chance der Selbstinthronisierung und hebte den <em>B\u00fcrgerentscheid<\/em> in ein gesamtst\u00e4dtisches \u00c4rgernis. Hier, wo der Osten vom Westen getrennt war, die Spree nun alles verbindet, sollten viele Quadratmeter umbauten Raumes richtig viel Knete abwerfen \u2013 und nun?<\/p>\n<p>Neulich war ich auf einer Veranstaltung. Der 50-Meter-Uferstreifen, der nach Volkes Wille frei bleiben soll, wird im Sonderausschuss der Volksvertreter verhandelt. Die 50 Meter &#8211; eine Projektion f\u00fcr die Frage \u201eWas muss anders werden\u201c? An der Spitze der Initiative, alleingelassen von seinen Kritikern, ein Architekt &#8211; der denkt r\u00e4umlich und hat Baugruppen eingeladen. Diese geben den Bewohnern ihr Leben \u201ein die eigene Regie\u201c. Jemand aus dem Publikum kannte so jemand aus einer Baugruppe und hatte ihn mal gefragt, was denn sein Traum sei. \u201eEin Eigenheim, m\u00f6glichst preiswert und mit Anderen zusammen gebaut\u201c. Das konnte er sich erf\u00fcllen, kollektiv war allerdings nur die Frage der gemeinsamen Kanalisation.<\/p>\n<p>Dem Publikum konnte das nicht imponieren, sie sahen den Warenwert der Grundst\u00fccke, die Ausschlussmechanismen. Keine Lust auf wohltemperierte Partizipation. Einer outete sich als Betroffener \u2013 was tun? Ratlosigkeit stellte sich ein&#8230;<\/p>\n<p>Kann man der Wut eine Form geben, in der sie sich vernetzt mit Anderen? HILFE, PROTEST UND WIDERSTAND, aber sind wir schon reif, die Alternativen auch zu leben?<\/p>\n<p>Neulich sah ich einen Schauspieler, der den Osten verlie\u00df und r\u00fcber in den Westen machte. Bevor er in den Westen ging, hatte er ein Gespr\u00e4ch mit einem Politiker. Er fand ihn nicht unsympathisch: \u201eIm Laufe der Zeit habe ich den Menschen erkannt\u201c. Der Politiker kam \u00fcbrigens sp\u00e4ter bei einem Flugzeugungl\u00fcck ums Leben. Vielleicht war seine Vision nicht politikkompatibel.<\/p>\n<p>Und so sitze ich hier und wei\u00df nicht mehr, wof\u00fcr ich sein soll: Einen Vertrag (f\u00fcr das Bethanien) unterschreiben oder selbstorganisierten H\u00e4userkampf? In den Aussch\u00fcssen miteinander reden und voneinander lernen, oder Wut rauslassen, Zeichen setzen? Na ja, n\u00e4chstes Jahr ist auch noch ein Jahr und so w\u00fcnsche ich mir, \u201ewild und selbstbestimmt\u201c zu leben wie der Westen in Kreuzberg und \u201ekeinen zur\u00fcckzulassen\u201c, wie der Osten es versuchte.<\/p>\n<p><em>Mascha von der Clownsarmee<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin bleibt auch 2009 umk\u00e4mpft. Berlin hat eine Tradition von \u201eUmk\u00e4mpftsein\u201c \u2013 die Alliierten taten es, dann ihre Nachfolger. Die einen hatten zu essen, die anderen ihre Vision von einer anderen Gesellschaft. Man baute Mauern und Berlin hatte auf einmal von Allem zwei, z. 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