{"id":994,"date":"2009-06-30T12:12:59","date_gmt":"2009-06-30T10:12:59","guid":{"rendered":"http:\/\/abriss-berlin.de\/blog\/?p=994"},"modified":"2013-07-08T18:48:53","modified_gmt":"2013-07-08T16:48:53","slug":"berlin-trummer-und-zerrissenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/?p=994","title":{"rendered":"Berlin: Tr\u00fcmmer und Zerrissenheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Vollzug emanzipatorischer Handlung<\/strong><\/p>\n<p>Durch Berlin zu fahren, bedeutet, sich auf Konfrontationskurs zu begeben. Tr\u00fcmmer, Reste, Zerrissenheit, L\u00fccken, Leerstand und Verfall erzeugen alles Andere als ein glattes, softes, einheitliches Stadtbild und Lebensgef\u00fchl. In jedem Reisef\u00fchrer \u00fcber Berlin l\u00e4sst sich ein kurzer historischer Abriss finden, der die permanent besondere Situation dieses Ortes verdeutlicht: Sp\u00e4t und schnell gewachsen, auf sandigem Untergrund gebaut, immerw\u00e4hrend am Entstehen, nationalsozialistischer Gr\u00f6\u00dfenwahn, von amerikanischen und englischen Fliegern zerbombt, die Teilung der Stadt, die eine H\u00e4lfte eingemauert und zum Paradies f\u00fcr staatliche F\u00f6rderung des Westens kultiviert, die andere H\u00e4lfte zum sozialistischen Gro\u00dfprojekt gereift, der Mauerfall und die formelle Einheit, Berlin als Investitionslandschaft, Bankenskandal und Schuldenlast f\u00fchren schlie\u00dflich zu folgendem Ergebnis: Berlin, ein Ballungsraum &#8211; mitten im punktuell schrumpfenden Ostdeutschland &#8211;  mit einem gigantischen Erwerbsarbeitsdefizit.<\/p>\n<p>Keine andere europ\u00e4ische Stadt ist derart mit Wandlungen innerhalb eines so kurzen historischen Zeitraums konfrontiert und best\u00fcckt worden. Berlin ist alles, nur nicht herk\u00f6mmlich. Gerade weil dieser Stadtraum eine solch historische, gesellschaftliche und bauliche Zerr\u00fcttung aufweist, finden sich Menschen in Berlin ein, die an anderen Orten als defekt, abartig und verrufen gelten und sich dort auch durchaus als solche wahrnehmen m\u00fcssen. Denn der soziale Raum bzw. die jeweilige Umwelt ist Grundlage f\u00fcr das Erleben und Definieren der eigenen Pers\u00f6nlichkeit. In Berlin gibt es gesellschaftliche Nischen, in denen man nicht verharren muss, sondern aus denen heraus man agieren kann. Es ist gar nicht notwendig, sich in traditionellen (politischen) Gruppen zu formieren, es ist relativ einfach, selbst Ideen und Netzwerke entstehen zu lassen, die in der \u00d6ffentlichkeit an sozialen Schnittstellen arbeiten und ein zus\u00e4tzliches Meinungsfeld schaffen \u2013 was angesichts von Medienmonopolisierung zwingend notwendig ist.<\/p>\n<p>Es ist nicht nur von Bedeutung, festzuhalten, was alles an einem Ort anwesend ist, sondern auch zu schauen, was alles abwesend ist: Ganz vorn findet sich die Abwesenheit von Wachstum, was sich im Fehlen sowie in der Art und Weise der vorhandenen Erwerbsarbeit \u2013 prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung und staatlich subventionierte Besch\u00e4ftigung \u2013 ausdr\u00fcckt. Mangel an Wachstum l\u00e4sst sich auch in der Berliner Baulandschaft erkennen, denn diese ist durch L\u00fcckenhaftigkeit und fehlende wie auch fehlgeschlagene (Gro\u00df-) Projekte gezeichnet. Berlins st\u00e4dtebauliche Strukturf\u00fchrer sind definitiv tr\u00fcmmer- und l\u00fcckenfeindlich, denn durch Anlocken finanzkr\u00e4ftiger Investoren versuchen sie, die Stadt mit Gro\u00dfprojekten aufzumotzen, um sie in neuer bzw. traditioneller Potenz zu erleben. Daf\u00fcr werden an zahlreichen Orten dieser Stadt Menschen verdr\u00e4ngt und Geb\u00e4ude der Nachkriegsmoderne abgerissen. Licht, Luft und Sonne \u2013 die Merkmale der Moderne in der Stadtentwicklung \u2013 weichen vielerorts identit\u00e4ts- und heimatlosen Investorenprojekten in dichter Blockbebauung. Die Planungsmodelle f\u00fcr eine Stadt der Zukunft orientieren sich wieder vornehmlich an der Jahrhunderte lang praktizierten Stadtplanung und Bautradition (Steinerne Stadt).<\/p>\n<p>Die massive Verdichtung urbanen Raums zur Rekonstruktion der alten Stadtstruktur geht zu Lasten \u00f6ffentlicher Freifl\u00e4chen und mit dem Abriss denkmalgesch\u00fctzter Nachkriegsarchitektur einher. Die Wiederherstellung historischer Fassaden, ganzer Geb\u00e4ude sowie die Rekonstruktion der Stadt- und Raumplanung (Stra\u00dfenraster und Blockbebauung) blendet zunehmend die Zerst\u00f6rungen des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Neuordnung urbanen Raums aus. Die Riegelbauten der Moderne sind weder an maximaler Stadtraumausnutzung noch an der reinen Profitlogik orientiert, der heute wieder gefr\u00f6hnt wird. Fragw\u00fcrdig ist das auch angesichts des  hohen Gewerbe- und B\u00fcrofl\u00e4chenleerstands.<\/p>\n<p>Die Praxis, Geb\u00e4ude der Nachkriegsmoderne zu verunstalten oder abzurei\u00dfen, Brachen und Freifl\u00e4chen zu entfernen, geht mit dem Versuch einher, sich der Verantwortung der nationalsozialistischen Herrschaft sowie der daraus resultierenden Folgen f\u00fcr die beiden deutschen Gesellschaften zu entledigen. Sich aufkl\u00e4rerischer Architektur zu verschlie\u00dfen oder sie gar zu entfernen und sich im Gegenzug romantisierenden und verkl\u00e4renden Bauten hinzuwenden und diese wieder zu errichten, spricht in einer Gesellschaft, deren Zukunft und Planbarkeit l\u00e4ngst abhanden gekommen ist, f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Viele Menschen kommen nach Berlin, weil sie einen Stadtraum vorfinden, der Bruchstellen aufweist. Zerrissenheit und Widerspr\u00fcchlichkeit vorzufinden, das ist n\u00e4her am Leben der Menschen als die Kontinuit\u00e4t und Einheit, die sie andernorts erleben m\u00fcssen. Gerade dann, wenn der soziale Raum nicht gegl\u00e4ttet ist, ergibt sich f\u00fcr sie die M\u00f6glichkeit, aus \u00fcberkommenen Mustern \u2013 Erwerbsarbeitsfetischismus und Geschlechterkonformit\u00e4t \u2013 auszubrechen. Emanzipatorische Handlung \u2013 Fesseln abstreifen \u2013 w\u00e4chst an Orten sichtbarer Widerspr\u00fcche, an denen B\u00fcrgerlichkeit und eine gesellschaftlich planbare Zukunft abwesend sind.<\/p>\n<p>Wir sind Statuspassagiere ohne geregelte Zukunft \u2013 was k\u00f6nnte es an einem Ort emanzipatorischer Handlung Besseres geben!<\/p>\n<p><em>Die andere Person<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/palast-abriss.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1043 lazyload\" title=\"palast-abriss\" data-src=\"http:\/\/www.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/palast-abriss-300x225.jpg\" alt=\"Palast-Abriss\" width=\"300\" height=\"225\" data-srcset=\"https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/palast-abriss-300x225.jpg 300w, https:\/\/archiv.abriss-berlin.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/palast-abriss.jpg 800w\" data-sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 300px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 300\/225;\" \/><\/a><\/p>\n<p><a title=\"Die gef\u00e4hrdete Moderne und der Verfall gesellschaftlicher Substanz\" href=\"http:\/\/www.transformationsfelder.de\"><strong>www.transformationsfelder.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vollzug emanzipatorischer Handlung Durch Berlin zu fahren, bedeutet, sich auf Konfrontationskurs zu begeben. 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