Die Dialektik der Moderne

Kaiserin des Westens, 15. August 2007

Just zu Wendezeiten (dazu sangen 2005 Die Toten Hosen in ihrem Song „Weltmeister“ auf dem Album „Nur zu Besuch: Unplugged im Wiener Burgtheater“: „Und die geistig-moralische Wende, die wir damals herbei riefen: Der Geist und die Moral sind weg, nur die Schulden sind geblieben“), also 1989, erschien bei Ithaca, N.Y. Zygmunt Baumanns „Modernity and The Holocaust“ (dt. Übers.: „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“). Der Verlust von Geist und Moral ist auch Thema des Buches. Allerdings setzen Baumans Erörterungen über diese Form von „Zivilisationskrankheit“ bereits zum Beginn der Moderne an.

Seitdem hat Zygmunt Bauman, der weltweit einer der berühmtesten Soziologen, Philosophen und Kulturkritiker der Moderne ist, natürlich weitere spannende Werke veröffentlicht. Zu erwähnen wären beispielhaft: „Moderne und Ambivalenz“,„Das Ende der Eindeutigkeit“, „Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen“, „Alone Again – Ethics After Certainty“, „Das Unbehagen in der Postmoderne“, „Work, consumerism and the new poor“, „Der Mensch im Globalisierungskäfig“, „Flüchtige Moderne“, „Community. Seeking Safety in an Insecure World“, „City of fears, city of hopes“, „Verworfenes Leben“, „Die Ausgegrenzten der Moderne“, „Liquid Life“, „Liquid Fear“, „Liquid Times: Living in an Age of Uncertainty“, „Consuming Life“.

Zygmunt Baumanns Buch über die Zusammenhänge von Moderne und Holocaust ist eines meiner wichtigsten Bücher. Es geht natürlich nicht darum, alle anderen Betrachtungsweisen des Massenmordes der NS-Zeit an der jüdischen Bevölkerung auszuschließen. Zygmunt Baumanns Thesen erweitern den Kontext und setzen die Geschehnisse in aktuelle Bezüge. Seiner Meinung nach ist der Holocaust kein Produkt barbarischer Verhaltensweisen, die vom Fortschritt überwunden wurden, sondern vielmehr ging die moderne Gesellschaftsstruktur dem Nationalsozialismus voraus und bedingte diesen wesentlich. Daraus folgt, daß die Gefahrenlage, die eben jene totalitären Systeme befördern, noch nicht geschwunden ist.

Bauman verweist auf die Verortung und Ausführung der Judenvernichtung in der Wirtschaftsverwaltungsabteilung des Reichssicherheitshauptamts. Hier wird z. B. geraubtes Eigentum gesammelt, hier werden Zwangsarbeit und Deportationen organisiert. Die Vernichtung der Juden, war, so kann man folgern, eine wirtschaftliche Angelegenheit. Welche weiteren Konstellationen beförderten den Holocaust, fragt Baumann weiter. Natürlich auch die Rassen-Ideologie des Nationalsozialismus, die Bauman nun in den Zusammenhang des „social engineering“ (u. a. zu beschreiben mit den Versuchen, die Natur zu verbessern) und die „Normenklatur“ der Moderne (dem Trend alles in Normen zu packen) bringt, wie auch das „Funktionieren“ von Bürokratie und Technokratie, also Abläufe eines unmenschlichen und entmenschlichten Apparates im wahrsten Sinn. Moral in der Bürokratie heißt nur noch, effizient, gewissenhaft und fachmännisch einwandfrei zu arbeiten, Problemlösungen zu entwickeln, so Bauman. Auch hier sind die Parallelen zur aktuellen Gesellschaft unübersehbar: Die Subjekte werden objektiviert und in technologische, anti-individuelle Termini überführt. Dies wiederum führt gleichzeitig dazu, daß sich die verbleibenden Subjekte mittels ihrer Subjekthaftigkeit abgrenzen können und damit implizit den objektivierten Subjekten wiederum ihre Subjekthaftigkeit abgesprochen wird. Isolation der Opfer, Sanktionen, Ghettoisierung, Reduzierung des Lebens auf den bloßen Existenzkampf, die Aufhebung von Moral trugen zur Degradierung und anschließender Massenmordung bei.

Auch hier geht Bauman weiter und verweist auf das wirtschaftlich motivierte Konkurrenzdenken im Allgemeinen und analysiert die Unternehmenspropaganda gegenüber Konkurrenten in heutiger Zeit. Ein weiterer Punkt ist das Verschwinden der Gewalt aus dem Alltag und die mediale Aufbereitung von Gewalt einerseits. Die Gewalt, so Bauman, hat sich verlagert, indem der Staat restriktiv ist oder auch kontrolliert. Dies ist der Preis für ein vermeintlich sicheres Alltagsleben. Hier lohnt es sich, an 11/2001 zu denken und an die Sicherheitsszenarien, deren Notwendigkeit vorgegaukelt wird, sowie auch an die aktuelle „Terrorisierung“ der Linken, an die Videoüberwachung des Öffentlichen Raumes, die Razzien gegen linke Projekte und die kürzlich konstruierten Terrorismusvorwürfe und erfolgten Verhaftungen. Das Gewaltmonopol hat sich zugunsten des Staates verschoben, welcher aber nicht neutral ist, sondern sich der Diktatur des Geldes untergeordnet hat und zur Exekutive der Macht geworden ist.

Ein weiteres Moment ist die Hierarchisierung, die unmittelbarer Verantwortung enthebt. Wie reagieren Menschen auf den Verlust direkter Wahrnehmung und physischer Konsequenzen (etwas, das auch Haroun Farockis Video „Erkennen und Verfolgen“ thematisiert), auf Instrumentalisierung, auf die Fragmentisierung der Identitäten, auf wachsende Differenzen zwischen den Lebenswelten, auf den Verlust sozialer Absicherung, auf den Verlust von Ethik. Hier konstatiert Bauman das Unbehagen in der modernen Gesellschaft und verweist in einem kurzen Exkurs auf Emanuel Levinas, der zwar von dem – seit Wittgenstein – geschwundenen Vertrauen in die Sprache ausgeht, aber in seiner Philosophie festhält, daß ohne den Anspruch auf Wahrhaftigkeit das Dasein irrelevant wird und erst das „Fürsein“ ein „Selbstsein“ beinhaltet, eine „Dekonstruktion“ der hergebrachten Metaphysik und des Erbes der Aufklärung. Doch Zweifel an der Verläßlichkeit der Sprache führen nicht dazu, daß „das zu Sagende“ gleichgültig wird, daß Indifferenz die Verantwortlichkeit ersetzt. Aus der offenen Begegnung mit dem ungeschützten „Antlitz“ des Anderen ergibt sich ein „An-spruch“, ein Anspruch des „Antlitz“ auf Kenntnisnahme und Antwort. Das bloße „Anderssein“ des Antlitzes beinhaltet schon den Vergleich des Selbst mit dem Antlitz; es bedeutet für das Selbst, sich relativ zu dem „Antlitz“ zu verorten, Position zu beziehen. So macht etwa die Nähe zwischen Selbst und „Antlitz“ aus dem „Anderssein“ ein „Fürsein“, sie läßt das Selbst „für den Anderen“ sein.

In Baumans späteren Werken „Unbehagen in der Postmoderne“, „Postmoderne Ethik“, „Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen“ wird dieser Ansatz noch weiter ausgeführt. Im letzten Kapitel resümiert Zygmunt Bauman die Gefahren, die auch der heutigen Gesellschaft immanent sind: Soziale Erzeugung von Distanz, wie auch die Vergrößerung der Verantwortungsräume, fördern moralische Indifferenz. In modernen Gesellschaften greifen die Auswirkungen menschlichen Tuns weit über den Fluchtpunkt moralischer Sichtbarkeit hinaus. Die Humanität bleibt auf der Strecke.

Zygmund Baumans Buch von der Dialektik der Moderne ist ein schrecklich aktuelles Buch.

Malah Helman

Wer sich intensiver mit den Verbrechen der deutschen Wirtschaft im Nationalsozialsmus beschäftigen möchte, dem sei die aktuelle Untersuchung von Adam Tooze empfohlen: Ökonomie der Zerstörung. Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Siedler Verlag, München 2007