Offener Brief: Bin ich kriminell?

Kaiserin des Westens, 22. August 2007

Hallo LeserInnen,

vielleicht ist es naiv, solche Briefe zu verfassen. Einigen PolitikerInnen hatte ich schon wegen des Abrisses des Palastes geschrieben oder auch einmal anläßlich der Wahlen in Berlin. Damals lautete der letzte Satz: „Wenn es so weitergeht, stirbt die Welt an einer Überdosis Testosteron.“ Meine Freundinnen meinten: Klar, daß ein Mann (in diesem Falle) soetwas nicht beantworten kann. Bislang jedenfalls habe ich auf meine Briefe keine Antworten erhalten.

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Bundeskriminalamt, BKA-Präsident Jörg Ziercke, [email protected]

Bundesministerium des Innern, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, [email protected]

Bundeskanzleramt, Bundeskanzlerin Angela Merkel, [email protected]

Bundespräsidialamt, Bundespräsident Horst Köhler, [email protected]

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Sehr geehrter Herr Ziercke, sehr geehrter Herr Schäuble, sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrter Herr Köhler,

ich engagiere mich für eine soziale, umweltgerechte, friedliche und demokratische Welt.
Bin ich jetzt schuldig?

Für mich basiert das gegenwärtige kapitalistische System auf Ausbeutung von Mensch und Natur. Und ich kann nicht verstehen, warum Natur, Tiere und viele Menschen darunter leiden müssen oder zerstört werden, damit Wenige soviel Gewinn machen. Warum wird „die Wirtschaft“ als der höchste Wert betrachtet? Was bringt Reichtum, der ohne Kultur ist, ohne Bildung, ohne Gerechtigkeit, ohne Freiheit, ohne Freiheit der Wissenschaft, ohne Menschlichkeit, ohne Liebe?
Bin ich jetzt kriminell?

Ich sagte ja bereits, daß ich für eine friedliche Welt bin, für Vielfältigkeit, für einen diskursiven und reflektierten Umgang miteinander. Auch glaube ich, daß dies wirklich möglich ist. Das kapitalistische System halte ich allerdings für gewalttätig. Es führt zu Krieg und Unterdrückung. Ich kann daher verstehen, daß ein derartiges System Gegengewalt erzeugt und daß sich die Unterdrückten wehren. Wenngleich ich auch denke, daß künftige gesellschaftliche Änderungen sich im Bewußtsein vollziehen werden. Ich bin voller Hoffnung für eine bessere Welt.
Bin ich jetzt eine Terroristin?

Ich setze mich in meiner Arbeit als Künstlerin, Gewerkschafterin oder auch in lokalen Initiativen, kritisch mit aktuellen Geschehnissen auseinander. Ich äußere meine Meinung öffentlich. Ich halte das für meine bürgerliche Verpflichtung. In der jüngeren deutschen Geschichte haben Viele geschwiegen. Die Konsequenzen aus diesen historischen Erfahrungen müssen klar sein: Teilhabe, Vielfalt, gelebte Demokratie und Engagement.
Werde ich jetzt überwacht, weil ich denke und schreibe, weil ich kritisch reflektiere und mich engagiere?

Bitte klären Sie mich darüber auf.

Mit freundlichen Grüßen,

Malah Helman