Der Konsument


Konsument versus Bewegung?

Die momentane Gesellschaftsdynamik drückt sich darin aus, dass unsere habitualisierten Denk- und Wahrnehmungsmuster – bezüglich der Deutung von Welt – mit den alltäglichen Zuständen und Situationen, auf die wir treffen, bzw. mit denen wir konfrontiert sind, kollidieren. Hierdurch ergibt sich eine direkt spürbare Ambivalenz, die deutlich werden lässt, dass etwas nicht mehr so ist, wie es mal war. Anders gesagt: Die Kräfte im sozialen Feld haben sich verschoben, was mit Dysfunktionen einst stabiler Konstruktionen – im Sozialen – einhergeht.

Was heißt das nun konkret? Es bedeutet, dass sich das Bewusstsein, bzw. der Glaube an eine bessere Zukunft, tendenziell erschöpft hat. Die Option der Projektion, dass es nämlich heilsame Zustände in der Zukunft geben könnte, die für die Erduldung des erlebten Leids entschädigen, hat sich quasi erledigt.

Der Verlust an sozialer Sicherung, bzw. die Unplanbarkeit der Zukunft, bewirkt eine unmerkliche – aber nicht unerhebliche – Verschiebung im gesellschaftlichen Bewusstsein und im sozialen Verhalten. Ins Besondere äußert sich dies in den Bedeutungsverlagerungen herrschender Gegebenheiten, kurz: Gesellschaftlicher Wandel drückt sich in veränderten Handlungs- und Deutungsmodi aus, die sich ungeplant – aber strukturiert – im sozialen Feld bewegen. Wenn also das Bewusstsein und der Sinn für Zukunft an Raum einbüßen, dann entstehen leere Flächen, die dem Momentanen sowie Vergangenen überproportional Einhalt gebieten. Mit dem Bedeutungszuwachs des Gegenwärtigen gewinnen die kurzweiligen Bedürfnisbefriedigungen durch Konsum an Zentralität.

Der Konsum von Dingen ist so verlockend – er verdeckt so sehr den Verlust an produktiver Illusion bzw. die bestehende Traurigkeit. Ablenkung benötigt man in erster Linie dann, wenn die Dinge, die man tut, nur wenig Identifikationsgrade mit den eigenen Denkvorstellungen aufweisen. Schließlich muss die Spaltung – das Loch der Traurigkeit – gut gefüllt werden, stetig und immerzu sogar, denn versiegeln lässt sich so ein Zustand nicht.

Die Prekarisierten, allen voran die Überflüssigen als deren Speerspitze, bewegen bzw. befinden sich in gesellschaftlichen Zonen, die durch Prozesse der Entkopplung gekennzeichnet sind. Sie stellen das Neue bzw. das Andere im gesellschaftlichen Raum dar, das dem Anschein nach anderswo herkommt – der Zustand bzw. die soziale Lage wird eben nicht als Kehrseite der offensichtlichen Dominanzverhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise begriffen, kurz: Die Ursachen für den Ausschluss müssen im Zentrum der gesellschaftlichen Organisation gesucht werden und nicht an den Orten ihrer Erscheinung!

Unsere Wahrnehmungs- und Deutungsmuster sind vom kapitalistischen Denken durchdrungen – darin besteht Einheit. Demnach müssen wir uns alle als Teil des kapitalistischen Apparats begreifen – sich diesem entziehen zu wollen, würde bedeuten, sich des Selbsts zu entledigen. Konkret heißt dies: Auch wenn die Überflüssigen über die kapitalistische Maschinerie nicht mehr auf direkte Weise ausgebeutet werden können, so sind sie indirekt nach wie vor an die Logik dieser gebunden. Zum einen ist es die ökonomische Durchdrungenheit der Sicht, die die Überflüssigen überhaupt erst überflüssig macht, zum anderen werden sie auf Grund ihrer prekären Lage im Gesellschaftssystem zum Konsumenten schlechthin. Demzufolge bleiben sie in ihrer sozialen Ausgegrenztheit stets mit der kapitalistischen Konsumproduktion verwoben. Im Grunde sind sie viel stärker an den (Billig-)Konsum gebunden, da er nicht selten das Einzige ist, was noch bleibt.

Mit den Überflüssigen lässt sich ein dreifacher Entfremdungsprozess auf Grundlage kapitalistischer Produktionsweise aufzeigen: Die erste Entfremdung ergibt sich aus dem Umstand, dass Lohnabhängige nichts mehr mit dem Produkt zu tun haben, das sie produzieren. Sie leisten einen Beitrag, der sich unabhängig von ihnen in einen Gesamtprozess einfügt. Dabei steht der Arbeitslohn in keinem Verhältnis zum Produktwert, kurz: Durch die Ausbeutung im Modus der Lohnarbeit kann ein Mehrwert produziert werden, der das System manifestiert, indem er reinvestiert wird. Die zweite Entfremdung findet darüber statt, dass Personen nicht mehr vom Markt gebraucht werden, da sie aus ökonomischer Sicht nicht mehr zur Ausbeutung zu verwerten sind. Mit diesem Prozess gehen die sozialen Entkopplungsprozesse einher, die sich in unterschiedlichen Formen von Prekarität äußern. Der dritte Entfremdungsprozess nimmt Bezug auf die soziale Entfremdung, sprich: Nichts mehr mit sich selbst zu tun haben. Was bleibt einem in so einem Fall dann noch? (Billig-) Konsum durch staatliche Transfergelder? Das wäre dann der Totale Konsument – absolut an den Marktmodus gebunden, dreifach entfremdet, sozial entwertet und in dem Bewusstsein verweilend, selbst für die Misere verantwortlich zu sein. Genau diese Vorgänge werden durch die Neoliberalisierung des Gesellschaftskörpers weiter vorangetrieben.

Prekarität soll hier aber nicht nur als eine Zumutung begriffen werden, sondern die sich aus ihr ergebenden Handlungsressourcen müssen herausgestellt werden, kurz: Prekarisierung bedeutet nicht nur Gefahr, sondern birgt Optionen neuer sozialer Ordnungsmomente in sich (Neukonfigurationen). Gerade weil sich die erworbenen habitualisierten Deutungen im praktischen Geschehen in Irritationen erschöpfen, entstehen Momente des Fragens! So wirken die Umbruchprozesse – Entbindung und Haltlosigkeit, eine Art Schweben im luftleeren Raum – als ein Feld, auf dem Potentiale für Neues gedeutet und schließlich verfügbar gemacht werden können. Aus dieser Sicht betrachtet, ermuntert das Losgelöstsein zum Experimentieren. Hiermit können sich Spielräume für innovative Akteure (individuell sowie kollektiv) ergeben, kurz: Prozesse der Entstrukturierung als Testgelände für das Soziale nutzen. Die Effekte der Entstrukturierung könnten demnach eine Reduktion des momentanen Ordnungszusammenhangs bewirken und eine Art „offenen Raum“ schaffen.

Es ist also keineswegs so, dass es keine Lösungswege aus dieser Krise, die sich in mangelnder sozialer Integrationskraft niederschlägt, gäbe. Unsere gewohnten Denkmuster können sehr wohl durch „symbolische Revolutionen“ in ihrer Ordnung modifiziert werden. Allerdings sind Veränderungen im praktischen Handeln hierfür eine wichtige Voraussetzung. In einer Zeitphase, in der die soziale Kohäsion destabilisiert ist, wodurch fragile Momente von Leben und Arbeiten entstehen, kommt es zur Prekarisierung bzw. Freisetzung verschiedenster Personengruppen. Doch wo und wer sind diese Personen, die so zahlreich in unterschiedlicher Weise in Bewegung geraten? Denn mit dem Begriff der „Gruppe“ lassen sie sich nicht beschreiben. Diese Bezeichnung wäre verfehlt, da sich die Prekarisierten sowie die Überflüssigen aus unterschiedlichsten Quellen speisen. Sie sind also keine einheitliche Masse, die sich auch nicht als Masse begreift oder verständigen könnte, da es gar kein gemeinsames Bewusstsein gibt. Dieses fehlende gemeinsame Bewusstsein ist dann auch genau das Problem, da sich in der Vereinzelung der Lagen nichts Gesellschaftsrelevantes bewegen kann.

So wird mit den Überflüssigen nicht nur der Begriff des Dienens obsolet, sondern auch der des Klassenkampfes. Selbst wenn es nie eine Revolution oder eine Klasse, der man revolutionäres Bewusstsein zugeschrieben hätte, gegeben haben sollte, so wird es zumindest in Zukunft keine mehr geben, auf die sich eine solche Annahme projizieren lassen würde. Traditionell schrieb man dem Proletariat die revolutionäre Kraft zu, da es arbeitete, um sich und seinen Kindern eine bessere Zukunft zu gestalten. Sie waren also Diejenigen, die in Bewegung blieben, da sie ihre Position im sozialen Gefüge verbessern konnten. Jedoch hat sich die konservierende Haltung der Oberen bis weit in die Mitte der Gesellschaft ausgeweitet, was zur Folge hat, dass es nicht mehr um eine bessere Zukunft geht, sondern vielmehr um den Status Quo!

Wenn wir also heute den Blick auf die Gesellschaft richten und uns die Frage stellen, wo sich im sozialen Gefüge etwas bewegen kann, so werden wir auf zahlreiche Einzellagen treffen, die unvermittelt nebeneinander stehen. Das Defizit besteht also in der mangelnden Verknüpfung und nicht in der mangelnden Kompetenz, gemeinsame Bewegungen zu gestalten! Somit liegt die Gefahr darin, dass die Momente des Experimentierens – auf der Grundlage von Freiräumen – zu keinem gesellschaftsrelevanten Ergebnis führen und daher die Gesellschaft nicht in Bewegung gerät.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: In den Prekarisierten und Überflüssigen liegt zum einen die Gefahr, das diese zu Totalen Konsumenten reduziert werden, zum anderen verkörpern sie die Option gesellschaftlicher Bewegungen, deren Potenzialitäten – jedenfalls mit unseren gewohnten Denkweisen – nicht recht zu erkennen sind. Demnach breitet sich mit dem Steigen der sozialen Verwundbarkeiten kein revolutionäres Bewusstsein aus, sondern vielmehr der unmerkliche Wille, reaktionär zu sein. Dem gilt es entgegenzuwirken! Damit sich Verhältnisse grundlegend ändern, sind Bewegungen von unten in der Gesellschaft unabdingbar. Diese Bewegungen ergeben sich historisch betrachtet aus gemeinsamen Lagen und Zielsetzungen. Demnach müsste die Frage, ob es eine Bewegung aus der Gesellschaft heraus geben könnte, die Einfluss auf das soziale Wandlungsgeschehen nähme, verneint werden.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob den Machenschaften der grauen Männlichkeit – im neoliberalen Fahrtwind – überhaupt etwas Potentielles in den Weg gestellt werden kann, oder ob sich der Sektor der gesellschaftlichen Disqualifizierung auch weiterhin vergrößert – und diese Vergrößerung weiterhin nicht als Größe (im doppelten Sinne) gedeutet werden kann. Wenn wir den erprobten Mustern in Denken und Handeln verhaftet bleiben, steht der brutalen männlichen Herrschaft, die uns einverleibt wurde, nichts entgegen. Wir würden uns quasi weiterhin unterwerfen.

Ich unterwerfe mich ja so gerne. Und ihr?

Der andere Person


3 Antworten zu “Der Konsument”

  1. soviel abstrakte Gedanken lassen meinen Kopf ganz wirr zurück; okay,ich habe verstanden, dass ich meinem Schiksal als überflüssig Prekäre nicht entkommen kann, dass meine Traurigkeit geradezu determiniert ist, sozusagen aus den Kapitalverhältnissen heraus und die mich dann auch noch mit Billigkonsum abspeisen, soweit so nicht gut, aber wo ist der Ausgang, gib mir ein Wort….bitte…nicht nur interpretieren, sondern verändern wollen wir, oh jäh!

  2. Antwort auf Kommentar von che:

    Ja stimmt, sind viel Gedanken auf engem Raum…

    …um Schicksalsweisung oder Bestimmung ging es mir hier allerdings nicht!

    Ich habe ja geradezu versucht zu zeigen, dass die Auflösungserscheinungen im sozialen Gefüge nicht nur negative Effekte haben, sondern sich dadurch Potenziale ergeben, die in herkömmlicher Normregulierung nicht zustande hätten kommen könnten.

    Veränderungen gehen mit Risiken einher, und diese geht man eher ein wenn man weniger gebunden ist bzw. nicht an Haus und Hof hängt (bürgerliche Existenz). Starke Verbundenheit mit diesen Strukturen (die du ja selbst bist und stetig in einem gewissen Maß reproduzierst) würde bedeuten das herkömmliche bzw. gewohnte Lebenskonzept in der Ausschließlichkeit (quasi unabänderliche Wirklichkeit) zu begreifen.

    Von dem her hat randständiges Gedankengut in dieser Zeitphase viel Raum zur Verfügung (vielleicht mehr denn je)! Aber es geht eben um die Frage, welche Wirkungen damit erzielt werden können. Vor allem welche Optionen sich dadurch für eine Gesellschaft ergeben können… also wo verändern sich Arrangements oder gar Ordnungsprinzipien! Schließlich willst du doch nicht nur auf einer Spielwiese agieren.

    Was ich zeigen wollte ist, dass es um das Aushebeln der gewohnten Denkmuster und Handlungsweisen geht. Und dies kann nur in einem Selbst geschehen! Darum steht da ja auch am Ende „Ich unterwerfe mich ja so gerne.“ Denn wenn es in der Deutung weniger bzw. nicht mehr um gewohnte männliche Hierarchiemuster geht (Expansion, Gehabe, Größe etc.), dann werden solche Denkmuster und die damit implizierten (Be-)Wertungen funktionslos (quasi überflüssig).

    Und weil eben nichts vorbestimmt ist, man nur von Wahrscheinlichkeiten und Erfahrungen spreche kann, ist es eben überhaupt nicht klar wie sich Zustände letztlich entwickeln. (Deshalb habe ich das ja „soziales Feld“ genannt, indem sich Kräfte umher schieben, deren Wirkungen und Ergebnisse vorher nicht klar sind). Zudem habe ich versucht zu zeigen, dass man ggf. auf Erfahrungsmuster geradezu verzichten muss, um etwas Neues bzw. etwas Anderes zu aktivieren.

    Wenn dir also noch niemand das Gehirn rausgepustet hat – kann durch monotone Arbeitsausführungen in der Industrie passiert sein oder durch prekäre Beschäftigung, die Überlastung und Ängste erzeugt und somit zur Existenznot führt (dich zum Sklaven macht) – dann bist du sozusagen eine offene Ressource. Wenn dann noch massig Refexionskapazitäten in dir vorhanden sind bzw. du Flächen in oder außerhalb von Institutionen zur Verfügung hast, in denen sich dein Selbst mit einer sozialen Nachhaltigkeit ausbilden bzw formen lässt, ja dann …

    …dann können Bewegung entstehen. Aber dies Bewegungen können um so effektiver sein, je weniger sie mit dem Gewohnten bzw Erprobten zu tun haben. Dabei handelt es sich dann um Experimente und individuelles Experimentieren. D.h. nur so viel Verbindung zum Gewohnten wie nötig!

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